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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-10-23 · 43 (23.10.1896) · p. Seite 722

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
43 (23.10.1896)
Date
1896-10-23
Page
Seite 722 (sequence 14)
Language
German
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Seite 722. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. hier anläßlich der bevorstehenden Repräsentantenwahlen eine Propaganda gegen die Gemeindeverwaltung versucht. Es ist sogar ein „Wahlverein für die Interessen der jüd. Gemeinde" ins Leben gerufen worden, der bereits vier Mitglieder hat. Der Gründer dieses Vereins ist der geniale Schöpfer des „Deutschen Reichsverbands jüd. Religionslehrer", der nunmehr hoffentlich die jüdischen Kultusbeamten und ihre mageren Geldbeutel in Ruhe lassen wird. 8. Laurahütte, 20. Oktober. (Jubiläum.) Als vor 47 Jahren unser Kantor Herr Berger sich hier niederließ, zählte die jüdische Gemeinde kaum 10 Familien. Mit dem Wachstum der Industrie vergrößerte sich auch die jüdische Gemeinde, die jetzt circa 70 Familien zählt, und noch heute wird der Gottesdienst in unserer Gemeinde von Herrn Berger geleitet, dem es am vorletzten Sabbat vergönnt war, bei voller körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische, umgeben von seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln, seinen 80. Geburtstag zu feiern. Aber nicht nur seine Familie, sondern die ganze, durchaus nicht reiche Gemeinde feierte diesen Tag in einer Weise, die ihr zur höchsten Ehre gereicht. Am Morgen überraschte den Greis ein vom Hauptlehrer Semmel geleiteter Chor mit einem Ständchen, während das Töchterchen des Dirigenten im Namen der Sänger einen prachtvollen Blumenkorb überreichte. Darauf erschien der Synagogen-Vorstand, sowie die Vorstände sämtlicher Wohlthätigkeits-Vereine, um dem Jubilar ihre Glückwünsche und Geschenke darzubringen. Der Synagogen-Vorstand übersandte Tags darauf 300 M., während der Krankenpstege-Verein den würdigen Greis, sein ältestes, tüchtigstes Mitglied, unter Ueberreichung eines Diploms zum Ehrenmitgliede ernannte. Telegraphische und briefliche Glückwünsche gingen in großer Zahl ein. Am Sonntag fand zu Ehren des Jubilars ein vom Ober-Kantor Herrn Oswald aus Kattowitz geleiteter Festgottesdienst statt, der durch die Predigt des Herrn Rabbiner Dr. Goldschmidt aus Königshütte einen würdigen Abschluß fand. Das hieraus stattgehabte Festessen hielt die Versammlung bis über Mitternacht hinaus vereint. Schließlich dankte Herr Berger herzlich für alle Ovationen, die er in seiner Bescheidenheit als unverdiente darstellte. Allen Teilnehmern aber wird das schöne Fest noch lange in Erinnerung bleiben und alle sind von dem Wunsche beseelt, Gott möge dem wackeren Greise auch fernerhin seinen Segen verleihen. Jena, 19. Oktober. (Eine Berichtigung) versendet der Prorektor der Gesamtuniversität dahingehend, daß die Statuten des „Mediz. Vereins" der Genehmigung der Universitätsbehörden nicht bedürfen, weil die studentischen Korporationen das Selbstverwaltungsrecht haben und nur verpflichtet sind, ihre Statuten auf Verlangen zur Einsicht vorzulegen. Die gerügte Bestimmung des Statuts des „Medizinischen Vereins" war behördlicherseits nicht einmal bekannt. Die Anschläge aber an den schwarzen Brettern der Anstalten der Universität bedürfen nur der Genehmigung des betr. Anstaltsdirektor's, welcher in diesem Falle nur durch ein Versehen dieselbe erteilte. Sofort, nachdem der angefochtene Passus zur Kenntnis des Prorektors kam, wurde dem Medizinischen Verein aufgegeben, die Anschläge von allen schwarzen Brettern zu entfernen und ähnliche nicht wieder zu machen. U. Aus Baden, 20. Oktober. (Brief aus Badisch-Kräh- Winkel.) Ein Vorstandsmitglied der „Berliner Jüdischen Gemeinde" äußerte jüngst in der Repräsentantensitzung: Gottesdienst könne nur würdig oder gar nicht abgehalten werden. Dagegen haben wir mit 28 von 29 Stimmen be- J schlossen zu protestieren. Unser Vorsteher begründete diese st Resolution dahin: „Man müsse (wegen Chuka Hagoi) vor, j während und nach dem Gottesdienst die verflossene „Judenschule" kopieren. Aus eben diesem Grunde richten wir uns J auch nicht nach unserer Synagogen-Uhr. Wir gehen bald | srüh.er, bald später als zur bestimmten Zeit ins Gottes- Z Hans. Jmgrunde kennen wir keine bestimmte, sondern nur 1 eine unbestimmte Zeit. Die Vorversammlung findet bei gutem >J Wetter auf der öffentlichen Straße vor der „Schul" statt. I Bei schlechtem Wetter in der „Kahlsstub", die auch gleich- | zeitig als „Schulzimmer" dient. Eigentlich aber hat sie ihren J Beruf verfehlt; sie sieht eher wie eine Wachtstube aus. Dort J bereiten wir uns Vr bis 1 Stunde recht lebhaft vor, bis wir j erschöpft sind. Beim Eintritt in die „Schul" ist aber auch M schon die Erschöpfung geschwunden. Der eine wendet sich mit » dem Angesicht nach Süd, der andere nach Nord. Ein J dritter nach W est. Nach Ost im günstigsten Falle der Chasen. D Dann beginnt die Erbauung. Der eine erbaut sich mit seinem M Nachbarn an seinen Geschäften, die er gemacht, oder machen » will. Ein anderer freut sich in einer Gruppe seiner Vor- J der-, Neben- oder Hintermänner über die guten (?) Eigenschaften eines guten Freundes, und dies alles geschieht || laut und vernehmlich. Unser Chasen könnte den Tischa b'aw- Nigun am Simchas-Thora anstimmen, es merket's keiner, außer einigen seiner Kollegen. Apropos: Unsere Chasonim und ihre H Nigunim. Wundern müßten Sie sich über dieselben und wenn Sie der blasierteste Gigerl wären. Da hören Sie Chasonim wie die Kanarienvögel und Nigunim aus den populär- M sten Liedern; die Opern re. nicht zu vergessen. Ist dann die M brausende Andacht vorüber, dann wälzt sich die Menge und || ihre Vorläufer, unsere ganze Kille, Männer, Frauen, sowie W unsere sämtlichen Kinder weiblichen und männlichen Ge- £ schlechtes — der brandenden Woge gleich — zum Tempel hin- -U aus, auf die freie öffentliche Straße vor der „Schul", wo sie sich etwa eine halbe Stunde lang oder auch mehr, je ' nach Bedürfnis, der Erholung widmen. — P. S. Wenn 5;: Sie mir das Honorar für diese Korrespondenz schicken, so - schreiben Sie die Adresse genau, da es mehrere Krähwinkel -; in Baden giebt. (Zwar, das „Honorar" wird nicht an die | Adresse des Einsenders gelangen, hoffentlich aber die Korrespondenz an die Adresse der in Frage kommenden kleinen Gemeinden Badens, denen wir von Herzen „gute Besserung" wünschen. Red.) £ Wien, 18. Oktober. (Der jüngste Skandal) in unserem Gemeinderate ist von Ihrem Korrespondenten nicht ausführlich genug dargestellt worden; besonders muß die grenzenlose Parteilichkeit des Bürgermeisters ins rechte Licht gerückt werden. Auf die Aufforderung, seinen Parteigenoffen Gregorig, der die Juden, „Judenliberalen" und die „Judenpreffe" schmählich beschimpfte, zur Ordnung zu rufen, erwiderte unser Stadtoberhaupt, er werde thun, was ihm beliebe. Und als Dr. Mittler mit einer Beleidigung antwortete und etliche

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