Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 720 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 720. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. Berichte, die das Gerücht weiter verbreitete, von einer neuen, entsetzlichen Krankheit, die im Morgenlande unter fernen, unbekannten Steppenvölkern ausgebrochen und von Schiffen aus Indien bereits im Jahre vorher an die Gestade des mittelländischen Meeres verpflanzt worden. Furchtbare, durch die Länge des Wegs ins Ungeheure entstellte Schilderungen liefen im Volke um; grausenhaste Einzelheiten wurden erzählt, für die niemand die Bürgschaft übernahm, da kein Augenzeuge von ihnen zu berichten vermochte. Man wußte nur, daß die Pest, der schwarze Tod, wie die betroffeuenen Völker sie nannten, langsam vom Süden vorrückte und von der Türkei bis an den atlantischen Ozean Europa gleichmäßig mit den Armen umklammerte. Geheimnisvolle Sagen von entvölkerten Inseln, von ausgestorbenen Schiffen, die ohne Mannschaft steuerlos das Meer durchirrten und das Verderben an die Küste brachten, aus welche die Welle sie auswarf, gingen umher. Naturerscheinungen traten hinzu und ängstigten bald die Gemüter der Einsichtigen, bald die der Thoren. Wolkenbrüche, auf die versengende Dürre folgte, erzeugten Ueberschwemmungen und riefen in den verschiedensten Ländern Einsturz gewaltiger Bergesmassen hervor. Der Aetna brach aus, Erdbeben unterwühlten den Boden und öffneten Abgründe mit schädlichem Dunst. Dazu kamen Winde, zu Orkanen verstärkt, und brachten dicke, riechende Nebel, welche die Brust als gistbeladen von sich stieß. Seltsame Lufterscheinungen, von denen nur die Reisenden des Orients märchenhafte Dinge früher erzählt, und rastlos in den Wolken spielende Flammen. Quellen rieselten plötzlich hervor, wo nie eine Wasseranhäusung stattgefunden, Jnsektenschwärme verwüsteten die Felder, und ihre verwesenden Körper erzeugten faulig ekelhaften Geruch. Die Farbe der Luft und des Himmels erschreckte die Augen, unheimliche Zeichen im täglichen Leben vermehrten die Furcht. Mißwachs und Hungersnot drohten überall; es trübte sich der Wein in den Gefäßen, eine allgemeine Betäubung umhüllte die Sinne und erregte Kopfschmerz und Ohnmacht. Als verhängnisvollste Vorbedeutung für den Aberglauben erschien ein Komet mit langem, feurigen Schweis, häufige Meteorsteine fielen, eine glühende Dunstkugel strich, als Sendbote des nahenden Unheils, aus dem Osten in weitem Bogen über das Abendland, und eine riesenhafte Feuersäule senkte sich zu Avignon aus den Palast des Papstes herab, wie eine Zornfackel des Himmels, die, den Anbruch des jüngsten Tages verkündend, die Sündhaftigkeit der Menschen warnte. Und demgemäß wandelten sich die Gemüter derselben in den Orten, welche die Pest ergriff. Die äußersten Gegensätze erreichten ihre Geltung, fast jeder ward aus dem gewohnten Gleise des Lebens gerissen, und seine innerste Natur kam zum Vorschein. Die Besonnenen verloren ihren Halt; Ausgelassenheit trat an die Stelle der Schwermut, und die drohende Gefahr vertauschte die Neigungen und Gewohnheiten. Wer nie an den Himmel gedacht, betete, und Lästerung kam aus dem Munde der Frommen. Die Wenigst-m waren sich ihrer Absichten bewußt, der Instinkt herrschte, der Trieb der Selbsterhaltung überwog jeden anderen. Die heiligsten Verpflichtungen zerbrachen wie Halme in seinem Sturm; der Himmel schien die schützende Hand von der Menschheit abgezogen zu haben, und die Hand der Liebe, der Treue, der Menschlichkeit folgten seinem Beispiel. Erbarmen und Mitleid flohen vor der Furcht, entarteten in ihr Gegenteil. Stumpfsinn lag über der einen Hälfte der Menschheit, während die andere die Gelegenheit, die alle Zügel der Leidenschaft und gieriger Ausschweifung zerbrach, benutzte, des Kommenden ungewiß, kaum des genießenden Augenblicks versichert. Das Schreckenvollste des gewöhnlichen Lebens hatte seine Gewalt verloren; gleichgültig vernahm das Ohr die Gerüchte von lebendig Begrabenen; wie die Vögel und Raubtiere die Pestleichen, flohen die Menschen die Nähe der Lebendigen, die ihnen die nächsten, die liebsten, gewesen. Sie fürchteten sich vor dem Atem, vor der Stimme, vor den Augen, an denen sie gehangen. Sie irrten in der Wildnis, in die sie den tötlichen Keim mit sich trugen und einsam starben, wo kein Blick ihren Todeskampf sah, kein Ohr ihren Jammerruf vernahm. Keine Insel war so öde, kein Felsen so hoch, keine Flucht so geschwind, der Tod war schneller und erreichte sie. Und die finstere Macht der Krankheit vermehrte noch der Wahnwitz der Menschen, den jene erzeugte, sich durch ihn zu verstärken. Wahrsager liefen schreiend durch die Gassen und prophezeiten den Untergang der Welt; dann sammelten sich Scharen jeden Alters und jeden Geschlechts, die Büßlieder singend und ihren entblößten Rücken geißelnd von Stadt zu Stadt zogen. In ihren Reihen brachten sie die Pest mit sich und steckten noch unberührte Orte, die sie durchwanderten, an. Schnödes Blendwerk religiösen Trostes boten sie dar und erfüllten die schwachen und abergläubischen Gemüter durch den Anblick ihrer blutbesprengten, zergeißelten Glieder und ihrer irrsinnig fanatischen Züge mit noch größerem, für die Pest empfänglichen Entsetzen. Tanzend und springend zogen sie von Thor zu Thor und erhöhten die Angst. Sie kamen wie Leichenraben, die sich plötzlich aus blauer Lust sammeln, wo sie Verwesung wittern; so erstanden sie, wo das Verderben begann, und häuften sich in Schwärmen und brachten das „große Sterben" mit sich, wohin sie gelangten. Fast überall indes, wohin es noch nicht vorgedrungen, wiegte sich die Bevölkerung in goldener Sorglosigkeit. Die Masse glaubte nicht, was ihr Auge noch nicht gesehn, ihr Ohr nicht gehört, und lachte der Furcht der Weitsichtigeren, die im voraus Maßregeln zu ergreifen trachteten. Schwierig war die Verbindung der Zeit mit den weiter entlegenen Orten; selten genaue und verbreitete Kunde von dort. Und kam sie, so hielt niemand in der hilligen Stadt für möglich, was in Marseille, in Lyon, in Paris, oder selbst auch in Frankfurt geschehn. Sie wußten nicht, daß die Pest wie eine Katze heranschlich und sich zum Sprunge zusammenkauerte. (Fortsetzung folgt.) Hier und dort. * Berlin, 21. Oktober. (Vorstandsrvahl.) Der Zentralverein für die Interessen der Jüdischen Gemeinde ist in Sachen der diesjährigen Vorstandswahl nicht so unthätig, wie es den Anschein erweckt und erwecken mußte. Wie wir zuverlässig erfahreu, sind gleich nach Erscheinen unseres ersten Artikels in dieser Angelegenheit wichtige Schritte gethan