Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 718 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 718 Ungemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 43 und Verhetzung gewählt werde, eine scharfe Strafe am Platze sei. — Wir geben diesen Bericht nach politischen Blättern wieder. Dem Vorstand des „Zentralvereins" aber geben wir zur Erwägung anheim, ob er sich seines „Erfolges" zu freuen oder gar zu rühmen Ursache habe. Fast ebenso schlecht wie Sedlatzek ist in diesem Prozesse der „Judengott", ist das Judentum weggekommen. Jener sei nicht identisch mit dem Gotte der Christen, und dieses habe sich von dem scheußlichen Verdachte des Ritualmordes nicht zu reinigen vermocht, so ungefähr sprach sich das Erkenntnis aus, — was ist dabei gewonnen? Daß Sedlatzek ins Gefängnis wandert? Offen gestanden, wir würden, nachdem wir seine Ausführungen vor Gericht gelesen, ihn in eine andere Anstalt zur Beobachtung seines Geisteszustandes schicken, damit wäre viel gewonnen, denn dann würde der Zentralverein sich entweder auflösen oder eine ersprießliche Thäligkeit nach innen entfalten. — Oesterreich und Ungarn. Die Wiener „Jüdisch-theologische Lehranstalt" scheint -sich in Ungarn bei den maßgebenden Kreisen der dortigen Judenschast keines übermüden Vertrauens zu erfreuen. Die Hörer dieser Anstalt ungarischer Abstammung haben dort zu kämpfen, ehe ihre Studienzeugnisse Anerkennung finden. Ein Hörer der Wiener Lehranstalt, ein Ungar von Geburt, wandte sich mit einem Gesuche, dem alle notwendigen Dokumente in vorschriftsmäßiger Form beigelegt waren, an das ungarische Honvedministerinm behufs Erlangung des Benefiziums der Militärfreiheit, die nicht nur den Theologen christlicher Konfession, sondern auch den Hörern der Preßburger Rabbinerschule, des Budapester Rabbiner- Seminars und seit einem Jahre auch den Hörern der theologischen Fakultät in Wien ohne Ausnahme erteilt wurde. Nachdem aber Frequentationszengnisse des früher erwähnten Rabbiner-Seminars beigelegt wurden, übersandte das Honvedministerium behufs Ueberprüfung derselben die Akten an das Kultusministerinm, welches diese Aufgabe ans die israelitische Landeskanzlei übertrug. Die israelitische Laudeskanzlei sah sich veranlaßt, jenen Paragraphen, laut dem in Ungarn Rabbiner nur jene sein dürfen, „die ihre Qualifikation im Inlands erlangt haben", hervorzuholen, um die Abweisung des Petenten zu beantragen. Das Honvedministerinm erteilte demnach dem Petenten das Benefizium iricht, sondern wies ihn an, von seinem Einjährig-Freiwilligenrechte Gebrauch zu machen. So kam folgende Absurdität zustande: Ein Kandidat, der noch zumindest 2 bis 3 Jahre hören muß, wird von der Landeskanzlei für „fertig" erklärt, und derselbe Kandidat, der in einem Wiener Seminar, das von der Landeskanzlei als ausländische Anstalt bezeichnet wird, absolviert, muß seiner Militärpsticht im Auslande, nämlich wieder in einer Wiener Kaserne Nachkommen. Die israelitische Landeskanzlei ist also der Ansicht, daß ein Rabbinatskandidat, der 1 bis 2 Jahre in einer ausländischen Anstalt zubringt, nicht dieselben Rechte genießen darf, wie der christliche Theologe, der in Rom seine Studien absolviert, daß ein ungarländischer Hörer der Wiener Anstalt, wenn er nicht immer sein Diplom an ungarischen Anstalten erlangen kann, seiner Rechte verlustig erklärt wird. Ein hervorragender Abgeordneter christlicher Konfession ist nun bemüht, dem Gleichheitsprinzipe des Rezeptionsgesetzes wieder auf die Beine zu helfen. Welchen Erfolg diese Bemühungen haben werden, muß die Zukunft lehren. — Das Argentinische Hilfswerk. Der Generalbevollmächtigte des russischen Zentralkomitüs für die Kolonisation in Argentinien, Herr Feinberg, richtet an die „Zephira" eine Zuschrift, in welcher er ausführt, daß alle ungünstigen Nachrichten über das Scheitern des Argentinischen Hilfswerks von solchen Leuten ausgegangen seien, die aus irgend einem Grunde in Argentinien nicht verbleiben wollten oder konnten, und da ihnen die Rückkehr nach Rußland untersagt ist, durch derartige Mitteilungen ihr Mütchen an dem Kolonisationswerk kühlen. In Wirklichkeit stehe das Unternehmen so glänzend, wie nie zuvor. „Aus meiner letzten Inspektionsreise habe ich mich aus eigener Anschauung überzeugt, wie vortrefflich unsere Brüder zum.Landbau geeignet sind, und daß die Kolonien einer ungeahnten Blüte entgegengehen. Der Zentral-Ausschuß giebt sich alle Mühe, die Mißbräuche abzüstellen und den Kolonisten ausgiebigen Schutz angedeihen zu lassen. Die Gesellschaft verfügt über bedeutende Mittel und ist im Begriffe, einen Teil ihrer Thätigkeit dem Innern Rußlands und Polens zuzuwenden. Was die Eignung Argentiniens zu Kolonisationszwecken anbetrifft, so dürste dieselbe heute keinem Zweifel mehr unterliegen. Auch sind die Schwierigkeiten wohl bedeutend, aber keineswegs unüberwindlich. Den letzten Berichten zufolge ist in Mosesville die diesjährige Ernte gediehen; wie ein Regierungsorgan mitteilt, entwickelt sich diese Kolonie immer besser, Wege sind gebaut, Wirtschaftsgebäude aufgeführt, und man ist am Werke, eine Synagoge, eine Schule und ein Bad zu vollenden und den Bau eines Gemeindespeichers im Angriff zu nehmen. Diese Kolonie dürfte binnen kurzem einer der Zentralpunkte in Santa-Ftt werden. Aus Mauricto schreibt Herr Lapin, daß unter den Kolonisten Zufriedenheit herrscht; große Strecken wurden angebaut und die Kauskontrakte unterzeichnet. Herr Rappaport berichtet, daß die seiner Leitung unterstehenden Kolonisten ihre Felder sämtlich angebaut haben. Sogar die Kolonisten in Primero-de-Majo, welche den meisten Widerstand leisteteten, haben sich schließlich an die Arbeit gemacht. Bis zum 25. Juli sind 107 000 Hektare augebaut worden und der Anbau von weiteren 1800 Hektaren steht bevor. Im allgemeinen darf, so Gott will, eine vorzügliche Ernte erhofft werden. Die Kolonisten sowohl, wie die Verwaltung haben ihre Pflicht gethan, um ein günstiges Resultat zu erzielen. Im ganzen sind dieses Jahr mehr als 40 000 Hektare außer den früher in Anbau genommenen Strecken angebaut worden." — Wir wünschen, daß an diesem Berichte kein Wort unrichtig wäre. Mittlerweile liegen die von Argentinien zurückgekehrten 70 Auswanderer noch immer vor Konstantinopel, ohne daß die Behörden ihnen gestatten, die Stadt zu betreten. Die Armen haben keinen Pfennig. Die Hirsch'sche Agentur versuchte, ihnen die Fahrt nach Odessa zu verschaffen, die Kapitäne der russischen Dampfer aber weigerten sich, sie an Bord zu nehmen, bevor ihre Pässe nicht vom russischen Konsul visiert worden wären. Der russische Konsul stellt ihnen aber kein Visum aus, weil ihnen die Auswanderung aus Rußland nur unter der Bedingung gestattet worden war, daß sie niemals zurückkehren würden. Die