Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 716 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 716. «llgemeiue Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. merkt es niemand, hingegen kann es für die Dauer kein Geheimnis bleiben, wenn man etwa — Wellhausen nachschreibt, um Gelehrsamkeit zu dokumentieren. _ Dr. S. Bernfeld. Eine Mslmsschnst. H. Mein erster Artikel beschäftigte sich mit der Art und Weise der Missionsschrist im allgemeinen. „Vor fremden Thüren fegen, blos um Staub auszuwirbeln" — das charakterisiert unsere Brochüre aber auch im besondern. Wer mit dem Fegen vor fremden Thüren mehr als Staub aufwirbeln, wer rein machen will, der schreibt vor allem einen klaren, verständlichen Stil. Der Stil unserer Missionsschrist ist aber das schrecklichste Kauderwälsch, das man sich nur denken kann. Es ist die reine Jrrbahn von Zwischensätzen und Zitaten. Nehmen wir z. Bden dritten Satz auf der ersten Seite, über das Geschick der ersten Brochüre: „Die jüdische und die christliche Moral." Dieser Satz lautet wörtlich: „Ta ist dem andern Herrn Rabbiner (vgl. „Israelit" Nr. 98 Jahrg. 1895 8ud Pasewalk, Anmerkung) meine Veröffentlichung so unbequem geworden, daß derselbe daraus Anlaß nimmt, sich über meine gelegentlichen (um meines Interesses an Israel willen) ziemlich ausgedehnten Besuche, die demselben doch damals nicht so unangenehm waren, noch nachträglich zu beschweren, vermutlich und sogar sehr wahrscheinlich deshalb, weil er aus diesem nicht gar ungewöhnlichen Wege des Hinauskomplimentierens hofft, sich die in meinem ersten Schriftchen enthaltenen ihm peinlichen Wahrheiten am ehesten vom Leibe halten zu können, und denkt dabei garnicht, daß, wenn er ja Ursache zum Zorn haben sollte, er nur Ursache zum Zorn über sich selbst haben müßte, der doch durch Aufnahme jenes Artikels in Nr. 6 des „Israelit" vom Jahre 1895 „Die jüdische und die christliche Moral" eben jeden dies lesenden Christen, der nicht „ein stummer Hund, der nicht strafen kann" (wie Jes. 56 V. 10 davon spricht) sein wollte, zu einem Wort der Erwiderung herausforderte." Im Tone dieses Satzes geht es durch die ganze 30 Seiten starke Brochüre, immer in Sätzen, bei denen einem der Atem und die Geduld ausgeht. Es ist unbegreiflich, wie ein Mann, der einen so entsetzlichen Stil schreibt, sich dazu berufen fühlen kann, irgend eine Sache in unserer Zeit vor dem Forum der Oeffentlichkeit zu vertreten. Es ist das reine Attentat aus den guten Geschmack und auf den Genius der deutschen Sprache. Um noch einige Beispiele zu geben, damit man nicht glaube, der angeführte Satz stehe in seiner grandiosen Entsetzlichkeit vereinzelt da, citiere ich: „Also denn in Hoffnung diesmal zu machender besserer Erfahrungen (S. 7). Ferner: „Ich habe wohl in jener ersten Zuschrift noch nicht unmißverständlich genug geredet, darum wird diese gegenwärtige zweite auf die Grundprinzipien, an denen sich von jeher zu allen Zeiten im Altertum wie in der Neuzeit hüben wie drüben, d. h. im Christentum wie im Judentum, die Geister scheiden und auch in Zukunft scheiden werden, zu reden kommen." (S. 7). Ist das nicht possierlich gespreizt und verkrüppelt zugleich? S. 8: „Von was der Vers, reden möchte, ist der — wenn zwar auch nicht von Israels biblischen Zeiten her demselben ursprünglich eigne, doch durch die Länge der Zeit hindurch, namentlich von der Zerstörung des zweiten Tempels her — bei Israel tief und fest eingewurzelte Irrtum, als ob der Mensch mit seinen von Natur her ihm eignenden Kräften den im Gesetz ihin geoffenbarten Gotteswillen so zu erfüllen imstande wäre, daß er dereinst im Gericht Gottes damit bestehen könnte, ein Irrtum, über den sich unseres deutschen Volkes Väter schon zur Zeit der Reformation klar und bündig in Liedesweise also ausschließen." Und nun folgt ein 14 Verse langes Lied von Paul Speratus (gest. 1551) als Beweis. Ich will den Leser nicht weiter maltraitieren, er wird an diesen Proben genug haben, um zu begreifen, daß ein Mann, der durch verschrobene Logik und noch verschrobeneren Stil so wenig Beruf zum Schriftsteller hat, sich gar nicht zu wundern braucht, wenn seine Tortur-Elaborate ohne Antwort bleiben. Es ist eine wahre Tortur, fürs Denken, wie für den guten Geschmack, das ganze Ding durchzulesen. Ich bin überzeugt, 99 pCt. des „deutschen Rabbinats" haben nach der ersten Seite die Brochüre in den Papierkorb geworfen, gerade so, wie ich es mir der ersten Brochüre auch gemacht habe. Wie deutet aber der Vers, den Umstand, daß seine Stümperei unbeantwortet bleibt? „Der deutsche Rabbinat ist nicht imstande, mir zu antworten!" Man könnte ihm ja freilich seine kindische Freude, seine unfreiwillige Komik gönnen. Aber der Herr ist nicht nur selbst geblendet von der Größe seiner Leistungen, er beruft sich auch andern gegenüber daraus, daß man ihm nicht antworten konnte, und schließlich glauben es sogar die israelitischen Kreise, die der liebliche Herr Verfasser mit seinen „gelegentlichen (um seines Interesses um Israel willen) ziemlich ausgedehnten Besuchen" beehrt. Er soll also seine Antwort haben, damit er Ruhe habe, indem er erkennt, wo er hingehört, und damit auch „der deutsche Rabbinat" Ruhe bekomme. Also zum Inhalt der Brochüre. Was will der Verfasser? Es war wirklich ein hartes Stück Arbeit, herauszubringen, was der Verfasser eigentlich will. Die Sprache der Brochüre ist ja deutsch, jedes einzelne Wort ist wenigstens deutsch, aber der Zusammenhang, die Sätze, alles ist — spanisch. Ich habe mich aber dem Martyrium unterzogen, um des „Pudels Kern" aus der entsetzlichen Emballage herauszuwinden. Nach mehrfach wiederholter Lektüre ist mir endlich das „große Werk" gelungen, herauszufinden, was der Verfasser will. „Israel war ein Bekenntnis und ein Volk und wird beides wieder werden", wenn cs aus „zwei Inkonsequenzen" herausgekomnren sein und „drei Ermahnungen" beherzigt haben wird. Die erste Inkonsequenz, die er seinem „geliebten" Israel zum Vorwurfe macht, besteht darin, daß Israel zwar sich zum Evangelium der Propheten, aber nicht zur Lehre Jesu bekennt. Die zweite Inkonsequenz besteht darin, daß der „Logos" des Philo, die von Philo gelehrte „göttliche Mittelkraft" bei der Weltschöpfung und in der Geschichte nicht als unjüdisch gilt, dagegen der Lehre des Judentums widerstreiten soll, daß dieser Logos zur Erlösung des Menschengeschlechtes Fleisch und Blut geworden. Die dreifache Mahnung wiederum besteht in folgendem: Erstens: „Israel