Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 715 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 43 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 718. Ech di, wiMch 9llbm «ati§mu§, die «?? ».«tt tesgarnicht aufkomme! ^Wahrheit erklärt alles: laßt den Gedanken auch ung des entgegengesetzten Tie können sich garnicht lhalb der Schablone dn im sei. Sie können also mnkfurter jüdische Haupt- 1 und die Adaß Jeschurun l — es ist die Jaivelöt chncn auch wegen Ihrer nicht grollen-es istdii n darf sich nicht wundern, agelium des „Friedens' > Fanatismus!" Man dari Unterschied kennen zwischen ixe Institutionen errichtete, es ist die „Naivetät des in Auge dafür haben, dos Zauptgemeinde sich bei der nente sehr wohl befindet ande wäre, die ortho ruptgemeinde wiedei lwerk' der Adaß Jeschum s nicht sehen - es ist die i§" ist ein goldenes Won ad tout comprendre c's timt KtlNlilk. r«»g.) seits gebe ich auch zu, daß in mir damals, als ich jene Zeilen niedergeschrieben, noch der Unmut über die sade Form unseres Gottesdienstes, wie wir ihn heutzutage selbst während der heiligen Feste haben, noch nachwirkte und ich infolgedessen in einzelnen, abgerissenen Sätzen meine Gedanken ausgesprochen habe. Ja es ist eine eigene Sache mit der objektiven Ruhe, die man in solchen Fragen vorzuheucheln versucht. Ich dachte, mich mit einer Satyre über diese moderne Verkümmerung des Gottesdienstes begnügen zu können und schrieb so meine Betrachtungen über die „gottesdienstlichen Vorstellungen des neunzehnten Jahrhunderts" nieder. Als ich aber zu meinem! Bedauern scheu mußte, daß über diese traurige Erscheinung wirklich gelacht wird und sich nicht vielmehr darüber der heilige Zorn äußert, so war mir klar, daß ich in solchen Dingen nicht scherzen durfte, daß es vielmehr an der Zeit ist, die Wahrheit ohne jede Beimischung von Satyre in nackten und klaren Worten zu sagen. Herr M., der meinen Vorschlag so eingehend kritisierte, meint, cs sei mcinerseits Unrecht, nur für die Orthodoxie das Recht in Anspruch zu nehmen, unwissende Rabbiner zu besitzen. Was „unsere" Scheinorthodoxie betrifft, welche sich mit einem unwissenden Rabbiner begnügt, der fromm die Augen verdreht und Sonnabend das Taschentuch um den Leib bindet, so möge man mich ein für allemal mit dieser Mißgeburt des neunzehnten Jahrhunderts verschonen; es wird mir kein Mensch, der mich nur einigermaßen näher kennt, im Ernste insinuieren, daß ich dieser Sorte von Orthodoxie Geschmack abgeivtnnen könnte. Ich gebe zu, oder vielmehr erkläre ich dies mit dem größten moralischen Stolze, dessen ich fähig bin, daß ich für das konservative Judentum eintrete, daß ich nur in diesem meine religiöse, ja auch meine intellektuelle Befriediguug finde; daß mir das moderne Judentum als eiue Parodie auf unsere glorreiche Geschichte erscheint, weshalb ich es als eine löbliche That betrachte, offen und ehrlich im Judentum eine Reaktion anzustreben. Aber nie und nimmer würde mir das orthodoxe Gethue Befriedigung gewähren, welches mit dem sogenannten Resormjudentum an Unwissenheit und Fadheit wetteifert, welches sogar „Konzessionen" zu machen bereit ist und nach allen Seiten hin, wo ein Profitchen in Aussicht steht, liebäugelt, Gott einen charmanten Herrn sein läßt, nebenbei aber auch die Resormprediger und den Gemeindevorsteher. Dieses orthodoxe Judentum ist noch widerwärtiger als unser liberales Knownothingtum, und zwar deshalb, weil in diesem Falle moralische Falschmünzerei getrieben wird, ein Handel mit einer heiligen Sache und eine Irreführung des Volkes. Wenn ich die Redensart von dem unwissenden Resormrabbiner gebraucht habe, so war es gewiß nicht meine Absicht, der Taschentuchorthodoxie ein Kompliment zu machen. Bei mir beginnt die Orthodoxie beim Wissen und bei der Gesinnung. Rabbiner S. R. Hirsch war orthodox, ihm zolle ich meine aufrichtige Verehrung, weil er beides in vollem Maße besaß, wählend diese Bezeichnung von Anderen nur mißbräuchlich geführt wird. Nun aber zu dem Vorschläge selbst. Bei sehr reiflicher Ueberlegung kann ich noch immer nicht finden, etwas unmögliches vorgeschlagcn zu haben. Es sei denn, daß unsere Vorsteher diesem Vorschläge nimmer zustimmen würden, weil er i so ganz und gar nicht in ihr System paßt. Jnderthat hätte ich zuerst diesen Vorschlag an die Bekenner der andern Konfessionen richten müssen; wäre er dort acceptiert worden, so würde er in der Folge von unseren Gemeinden nachgeäfft worden sein, wie Orgel, Opernchor, Konfirmandenunterricht und all die andern erhabenen Einrichtungen des modernen Judentums. Abgesehen jedoch von diesem einen Hindernisse, sehe ich inderthat nicht ein, weshalb nicht mit diesem Vorschläge der Versuch gemacht werden könnte, da er den Vorzug hat, sich historisch bewährt zu haben. Das Judentum! kennt keine Predigt, sondern nur die Belehrung, die nicht von Geistlichen, sondern von gelehrten Männern ohne Unterschied des Berufes ausgegangen ist. Das Produkt dieser Volksbelehrung in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten finden wir in der palästinensischen Agadah, welcher wir, was poetische Schönheit, Innigkeit und religiösen Schwung betrifft, den poetischen Büchern gleichstellen dürfen. Zugegeben muß wohl werden, daß solche Epochen des schaffenden Genius, wie die der Propheten oder die der Agadah, in der Geschichte sich nicht leicht wiederholen; wir können von unseren Rabbinern ebensowenig verlangen, daß sie Agadah produzieren, wie etwa von den „Gartenlaube"-Dichtern, daß sie einen „Faust" dichten sollen. Dort, wo die eigene Produktionskraft nicht vorhanden ist, kann man ja doch durch Fleiß und sonstige Begabung zum mindesten einen belehrenden Vortrag bieten über die geistigen Schöpfungen, die unsere Altvordern aus einer gottbegnadeten Zeit uns hinterlassen haben. Will uns Herr M. wirklich einreden, daß die moderne Turchschnittspredigt — einzelne Ausnahmen mögen wohl Vorkommen, wenn mir auch in Berlin noch keine begegnet ist — „belehrend" sei? Wodurch denn? Etwa durch den Schwall von Phrasen, von denen selten eine logisch richtig ist? Durch das abgebrauchte Thema von der Mission Israels, von der die Redner selbst keine historische oder völkerpsychologische Auffassung haben? Ich glaube an eine Mission Israels, aber die Männer, die sie predigen und verbreiten, müssen doch anderes geschaffen sein; vor allem dürfen sie nicht willige Werkzeuge unserer Gemeindevorsteher bilden, aus dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft dürfen sie nicht unbewandert sein. Herr M. meint, auch wissenschaftliche oder belehrende Vorträge können ebensogut wie Predigten abgeschrieben werden. Gewiß. Nur wäre in diesem Falle die Kontrolle denn doch leichter. Herr M. wird wohl aus unsere Litteratur-Reisenden angespielt haben, welche schon seit Jahren mit irgend einem Abschnitt von Grätz herumhaufieren. Aber wenn die Sache auch schlecht ist, so verrät sie doch den Durst des Volkes nach Belehrung. Wie kommt es aber, daß die meisten Rabbiner sich diese Hauptpflicht haben abnehmen lassen? Eben weil ihnen in den meisten Fällen die wissenschaftliche Qualifikation fehlt. Predigten lassen sich abschreiben oder umarbeiten; wer wird die Kontrolle üben können? Hingegen kennen wir so ziemlich alle Grätz und die anderen Quellen, aus denen unsere „Gelehrten" schöpfen. An und für sich ist es ein beschämender Zustand, daß man in Berlin, in der größten deutschen Gemeinde, sagen darf: „N. N. ist ein großer Redner, ein vorzüglicher Prediger, freilich ist er wissenschaftlich gleich Null..." i Das ist es ja eben: Wenn man eine Predigt nachspricht.