Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 714 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seile 714. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. mit höchstem Wissen ausgerüstet — ein Mensch, der auch irren konnte und unter Umständen aus der Not eine Tugend machen mußte? Diese verhängnisvolle Menschenvergötterung, der Götzendienst mit Personen, der, im schroffsten Gegensatz zum ganzen Geiste des Judentums, in der modernen Orthodoxie getrieben wird, läßt Sie nicht sehen, was doch ganz klar liegt, nämlich daß hinter meinen Artikeln gar keine Tendenz steckt, daß mein Bericht nichts weiter ist als ein — Bericht. Statt dessen zerbreche,: Sie sich den Kopf: Was liegt doch nur zwischen dem ersten Artikel und dem zweiten? Da muß eine Jntrigue, eine Haupt- und Staats-Aktion dazwischen liegen! Da muß am Ende der Vorstand der Hauptgemeinde oder sonst eine einflußreiche Person einen Wink oder ein- Douceur u. dgl. gegeben haben; denn sonst ist es garnicht begreiflich, daß jemand, der so tiefes Verständnis siir S. R. Hirschs Wesen und Ideen hat, nur einen Menschen in diesem erblickt, der den allgemeinen Gesetzen des Seelenlebens unterworfen ist!! In erster Reihe stehen Ihnen also, wie ich bewiesen habe, die Interessen der Dynastie Hirsch, dann aber kommt natürlich die Religionsgesellschast Adaß Jeschurun. Nächst Ihrer Familien-Größe ist die Adaß Jeschurun das Größte und Herrlichste auf Erden. Sehr natürlich: warum soll der Meister nicht sein Werk loben? Aber auch die Verliebtheit in sein eigenes Werk muß ihre Grenzen haben und keine grotesken Dimensionen annehmen. Wie weit Sie aber in der Bewertung der „Adaß Jeschurun" gehen, davon haben Sie in Ihrem dritten Artikel (Nr. 78 und 79 des „Israelit") ein bewunderungswürdiges Meisterstück geliefert. Sie behaupten in diesem Artikel nichts mehr und nicht weniger als: die „Adaß Jeschurun" ist keine „ Separat - Gemeinde", die Frankfurter Hauptgemeinde ist die Separat- Gemeinde, und die Adaß Jeschurun ist die Hauptgemeinde. Der verehrliche Leser meint gewiß, ich will ihm da blauen Dunst vormachen, um die Lacher auf meine Seite zu ziehen. Ich muß Sie also wörtlich zitieren: „Es erscheint nicht unwichtig, doch einmal wieder zu konstatieren, wer denn durch seinen fanatischen Haß die Trennung bewirkt und wer vergebens alles aufgeboten hat, sie zu verhindern. Nicht die Frommen, sondern die Reformer, nicht die angebliche „Separat"-, sondern die sogenannte „Haupt"-Gemeinde hat die Separation vollzogen. Sie hat sich von dem alten Judentums losgesagt!" — Weiter: „Wir protestieren gegen die Bezeichnung „Separat- Gemeiude" .... Eine Separat-Gememde setzt das Vorhandensein einer andern jüdischen Gemeinde voraus. Das trifft hier nicht zu. Daß die „Hauptgemeinde" eine jüdische Gemeinde nicht sein wollte, haben wir nachgewiesen" .... „Deshalb ist aber auch, von dem höher,, geschichtlichen Standpunkte aus betrachtet, in Wirklichkeit die „Hauptgemeinde" die „Separat gen, ein de"» llnd die Religionsgesellschast .... nicht als „Separatgemeinde", sondern vor Gott und Menschen steht gerade sie als die Fortsetzung der altehrwürdigen Frankfurter jüdischen Gemeinde da " Das sagten Sie, Herr Direktor Hirsch, wörtlich: Die Frankfurter Hauptgeineinde ist die Separatgemcinde, und die „Adaß Jeschurun" ist die Hauptgemeinde! Diesen Sophistereien auch nur ein Wort der Beleuchtung hinzuzufügen, hieße die Wirkung dieser unfreiwilligen Komik abschwächen. Und diese Geschmacklosigkeit wäre wirklich ein Rätsel, wenn Sie nicht selbst in demselben Artikel den Schlüssel zur Lösung gegeben hätten. Sie haben da nämlich die wirklich goldene Wahrheit ausgesprochen: „Es ist die Naivetät des Fanatismus, die den Gedanken auch nur an die Möglichkeit der Berechtigung des entgegengesetzten Standpunkt es garni cht aufkomm en läßt." Das ist großartig gesagt, diese Wahrheit erklärt alles: Die Naivetät des Fanatismus läßt den Gedanken auch nur an die Möglichkeit der Berechtigung des entgegengesetzten Standpunktes garnicht auskommen. Sie können sich garnicht denken, daß ein Judentum außerhalb der Schablone der; Orthodoxie auch noch ein Judentum sei. Sie können also nichts für die Sophisterei, die Frankfurter jüdische Hauptgemeinde für die „Separatgemeinde" und die Adaß Jeschurun für die „Hanptgemeinde" anzusehen — es ist die „Naivetät des Fanatismus". Man darf Ihnen auch wegen Ihrer Schmähungen und Verdächtigungen nicht grollen — es ist die „Naivetät des Fanatismus!" Man darf sich nicht wundern, daß Sie Ihre Artikel als ein Evangelium des „Friedens" betrachten — es ist die „Naivetät des Fanatismus!" Man darf < sich nicht wundern, daß Sie keinen Unterschied kennen zwischen einst, ehe die Hauptgemeinde orthodoxe Institutionen errichtete, und jetzt, wo dies geschehen ist — es ist die „Naivetät des Fanatismus!" Sie können auch kein Auge dafür haben, daß heute, nachdem der Vorstand der Hauptgemeinde sich bei der Fürsorge für die orthodoxen Elemente sehr wohl befindet, nichts in der Welt mehr imstande wäre, die orthodoxen Institutionen der Hauptgemeinde wieder umzustoßen, auch wenn das „Bollwerk" der Adaß Jeschurun beseitigt wäre — Sie können das nicht sehen — es ist die „Naivetät des Fanatismus!" Die „Naivetät des Fanatismus" ist ein goldenes Wort, es erklärt vieles, erklärt alles, und tont comprendre c’est; tout pardonner! _ Per alte und der «nie Glaube. (Eine Erwiderung.) I. Eine von mir in dieser Zeitschrift gemachte Anregung, aus deren praktische Durchführung ich mir selbst keine große .' Hoffnung mache, hat hier eine nach allen Richtungen hin „vernichtende" Kritik erfahren. Sowohl der Grundgedanke, J; wie auch dessen Einzelheiten und historische Begründung wurden samt und sonders als unhaltbar und unlogisch verworfen; an dem Verfasser jenes armen Artikels — das ist „meine Wenigkeit", wie der philisteriöse Ausdruck lautet — ist nichts geblieben, als das Kompliment, daß er sonst ein „geistreicher" Mann sein — soll, welches Epitheton ihm aber diesmal eben so wenig zukommt, wie der Moreno-Titel gewissen „liberalen" Gemeinde-Vorstehern. Ich bin aber ehrlich genug einzugestehen, daß ich garnicht die Absicht gehabt, „geistreich" zu sein, sofern ich sonst diese Absicht erreichen könnte, sondern einen in der That diskutierbaren Vorschlag zu machen. Möglich jedoch, daß ich, weil ich mich mit diesem Gedanken schon seit längerer Zeit herumtrage, in der irrigen Meinung war, daß er eigentlich für Alle selbstverständlich sein müßte, weshalb ich es unterlassen habe, die nähere Begründung beizugeben. Anderer-