Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 712 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 712. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 4g. schrieben, nicht gegen ihn. Ich habe freilich coram publico einige Wahrheiten ausgesprochen, welche zu hören die Dynastie Hirsch nicht gewöhnt ist. Das werde ich auch weiter thun, selbst dann, wenn Sie es in Zukunst mir schwerer machen sollten, mich Ihrer zu erwehren. Bis jetzt haben Sie es mir wahrlich leicht genug gemacht. Sie fechten gegen Windmühlen, Herr Direktor! Ich habe behauptet, daß gegenwärtig, nachdem die Hauptgemeinde — „Hauptgemeinde", trotz Ihrer köstlichen Sophismen in Nr. 78 und 79 des Mainzer Blattes, wo Sie beweisen wollen, die Frankfurter Hauptgemeinde sei eine — „Separat- Gemeinde" und die „Adaß Jeschurun" sei die Hauptgemeinde! — daß gegenwärtig, nachdem die Hauptgemeinde den Bedürfnissen der Orthodoxie nach allen Anforderungen des „Schulchan Aruch" durch einen streng orthodoxen Rabbiner, durch Mikwa und Schule Sorge getragen, — daß jetzt, in der Gegenwart, die Separat-Gemeinde Adaß Jeschurun keine andere Existenz- Berechtigung habe, als daß in der Synagoge der Hauptgemeinde die Orgel spiele und einige Gebet-Stücke abgeschafft seien. Was antworten Sie darauf? Sie geben die geschichtlichen Daten, die zur Bildung der Separat-Gemeinde Adaß Jeschurun s. Z. geführt haben. Ich gestehe offen, daß diese Daten mich außerordentlich interessiert haben, daß das meiste davon mir unbekannt war, und Ihr Verdienst, mich geschichtlich belehrt zu haben, soll Ihnen ganz ungeschmälert bleiben. Ich will noch weiter gehen und sogar zugestehen, daß die Bildung der Separat-Gemeinde Adaß Jeschurun seiner Zeit noch in höherem Maße ein verdienstvolles, dem Judentum zum Segen gereichendes Werk gewesen, als ich dies bisher glaubte und wußte. Wie sehr ich das Verdienst der Orthodoxie, den Fanatismus der Reformer überwunden zu haben, anerkenne, das können Sie in meinen Artikeln: „Eine Notlage unserer Orthodoxie", (Nr. 37 und 38 d. Bl.) und „Zur Charakteristik S. R. Hirschs", (in Nr. 39) finden.*) Ich bin ein Gegner des Fanatismus, unter welcher Flagge immer er die Gewissensfreiheit hemmt. Selbst das Austrittsgesetz, das einer der bedenklichsten „Erfolge" der Orthodoxie ist, ein Erfolg, der vor dem Weltgericht der Geschichte eine sehr ungünstige Beurteilung finden wird, hat bis jetzt wenigstens noch die gute Folge gehabt, daß die Vorstände der großen Gemeinden den Bedürfnissen der orthodoxen Minoritäten entgegenzukommen sich veranlaßt sahen. Dies geschichtliche Verdienst der Separat-Gemeinde mit der „Adaß Jeschurun" an der Spitze, soll ganz ungeschmälert anerkannt werden. Die Bildung der Separat-Gemeinde war eine gute Medizin, sie hat gewirkt; in allen Gemeinden bemühen sich die Majoritäten mit den Minoritäten in gutem Einvernehmen zu leben, um nicht zum Austritt zu drängen. Jetzt aber, da die Medizin gewirkt, nachdem die Krankheit geheilt — wozu noch die Medizin? Das ist der Kernpunkt der Frage, um die es sich in der Gegenwart handelt: Ist in einer Gemeinde, in welcher, wie in Frankfurt, durch die Hauptgemeinde den Forderungen der Orthodoxie in geradezu muster - *) Diese Artikel waren in Händen ^der Redaktion, ehe noch Ihr erster Gegenartikel erschienen war. giltiger Weise entsprochen ist, noch das Fortbestehen der orthodoxen Separat-Gemeinde eine Notwendigkeit, ein Bedürfnis, eine Pflicht vom Standpunkte des Schulchan Aruch aus? Der selige Würzburger Rabbiner Bamberger hat bekanntlich seiner Zeit, gegen S. R. Hirsch, das Gutachten abgegeben, daß unter diesen Umständen der Austritt aus der Hauptgemeinde nicht mehr vom Schulchan Aruch geboten sei. Diese Entscheidung involviert so ziemlich die Meinung, die Existenz-Berechtignng der Separat-Gemeinde sei zu Ende. Ist dies aber nicht der Fall, hat die „Adaß Jeschurun" auch jetzt noch ihre Existenzberechtigung, so kann dies nur dadurch — vom Standpunkte des Schulchan Aruch, nicht vom Standpunkte der Dynastie Hirsch aus — motiviert werden, daß in der Synagoge der Hanptgemeinde nicht alles mit dem Schulchan Aruch „rechten Dingen" zugehe. Wenn dann aber in der Synagoge der Separat-Gemeinde Einführungen getroffen wurden, die nicht ganz kongruent den Bestimmungen des Schulchan Aruch entsprechen, so wird man zugeben müssen, daß das eine Inkonsequenz ist, die irgend einer Erklärung bedarf. Sollte das eine genügende Erklärung sein, daß es sich vor Jahrzehnten um mehr als Orgel und Abschaffung von Gebeten handelte? Die Zeit liegt ja hinter uns; in der Gegenwart handelt es sich — um die Gegenwart. S. R. Hirsch hatte im Gegensatz zu Bamberger entschieden, es sei auch jetzt noch die Pflicht des Orthodoxen aus der Hauptgemeinde anszutreten, weil ein Teil der von den Orthodoxen erhobenen Steuern für Orgel rc. verwendet werde. Hat S. R. Hirsch diese Entscheidung vor Jahrzehnten getroffen, als noch der „Fanatismus des Vorstandes" den Orthodoxen die Gewissensfreiheit bedrohte, oder zur Zeit, als der Vorstand schon der Orthodoxie gegenüber kapituliert hatte? Indessen, was lasse ich mich da von Ihnen aufs Eis sichren? Sie unterstellen mir die Absicht, durch meine Artikel die Adaß Jeschurun ans den Angeln zu heben, und um dies zu verhindern, schreiben Sie eine Geschichte der Religionsgesellschast. Offen gestanden, es hat meiner Eitelkeit sehr geschmeichelt, daß man meinenArtikeln eine solche Bedeutung beimißt und sie als eine Gefahr für den Bestand der Adaß Jeschurun darstellt. Wäre das nicht der Fall, so hätten Sie, wie ich Sie kenne, den Fehde-Handschuh nicht ausgenommen. Ist das aber der Fall, sind meine Artikel eine solche Gefahr, — dann läßt das „tief blicken". Wie viel Explosionsstoff muß dann in der Adaß Jeschurun aufgehäuft sein, wenn ein journalistischer Funke — Sie sehen, ich taxiere meine Artikel nichl zu hoch — wie ein Bomben-Attentat aufgesaßt wird! Ist das der Fall, dann werden aber auch Ihre geschichtlichen Expektorationen die Explosion nicht aufhalten. Selbst wenn Sie meinen „Funken" erdrückten — was aber Ihre unsachgemäßen Ausführungen gewiß nicht fertig bringen — wenn nichts als der „Funke" fehlt, wenn alles andere zur Explosion reis ist — der Funke wird sich schon finden. Aber das ganze beruht auf falscher Voraussetzung: die Adaß Jeschurun fliegt von einigen Zeitungs-Artikeln noch nicht in die Luft. Sie ist zwar nicht für die Ewigkeit gebaut, aber im Augenblick droht ihr wohl keine Gefahr. Wenigstens hatte ich nicht die Absicht, ein so schreckliches Attentat auszuführen, schon darum nicht, weil ich nicht glaube, daß i i! i ST (Üi fi t-1- :S': i