Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 710 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 710. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. Sc und l Sohn. Chajs veran profa vereu nützi^ bedeu ganze fortb» hier I alt, s jüdisi Miss! Jah>! Slud Proz7 haltu. die «D wiedL, 160(L 15 0G OdeM ZaG ruheA schw- MeK Anktz hob^. hieltz^ Krich eine;^ von' V0NL Leoff WH ©o| 40CV heit eine Stellung einnehmeu, und niemand wäre „dumm oder schlecht", um ihnen hindernd in den Weg zu treten, ihrem stillen Wirken die gebührende Anerkennung zu versagen. Allein sie sind unausgesetzt bemüht, das geringe Maß von Interesse, das unsere Glaubensgenossen jüdischen Angelegenheiten noch entgegenbringen, völlig zu absorbieren, und hierin erblicken die Freunde des Judentums eine Gefahr für unser ohnehin arg darniederliegendes Gemeindeleben. «Die Opferwilligkeit der Juden wird von unserem „Militarismus" vollständig absorbiert; unter diesem leiden alle Kulturaufgaben des Judentums. Es hat sich ein Heer von Berufenen und Unberufenen gebildet, die immer mit den gruseligsten Geschichten kommen, um das jüdische Publikum mit der Furcht vor dem Antisemitismus zu hypnotisieren und es zu großen Geldopfern zu bewegen. Bei einem Teile dieser „Retter" ist das Ganze zum Metier geworden; öffentlich und im stillen wird für diese edle Sache gesammelt. Diese diskreten Sammlungen sind für gewisse Existenzen geeignet, um nach der bekannten, von Heine gegeißelten, Methode zu verfahren: Die Hilfsgelderkasse wurde geführt Bon wahren Christen und Frommen; — Erfahren hat nie die linke Hand, Wieviel die rechte genommen." So in unsrer Nr. 19 vom 8. Mai d. I. zu lesen. Wir wollen sogleich bemerken, daß die letzten Sätze nicht aus den „Zentralverein" gemünzt waren. Er ist unter den Abwehrvereinen der einzige, der von uneigennützigen Männern geleitet wird und darum unsere Sympathien verdient. Allein die Uneigennützigkeit hat einen Eigendünkel erzeugt, der bekämpft werden muß. Dieser Dünkel gaukelt den Vereinsleitern Erfolge vor, die der Verein nicht gehabt, Verdienste, die er nie haben wird. Sie vermeinen ein köstliches Gewand zu schauen, das nur in ihrer Phantasie besteht, einen Talisman, der das Judentum bedecken und beschirmen solle. Und wagt jemand die Bemerkung, daß das Gewand garnicht vorhanden sei, daß der Vereinstalisman die Blöße der Judenheit nicht allein nicht bedeckt, sondern an unserem Leibe neue Blößen aufgedeckt habe, dann erwidert man ihm, daß er das Gewand nicht zu schauen vermöge, weil er — dumm sei oder schlecht. Diese Epitheta wünscht keiner mit seinem Namen in Verbindung gebracht zu sehen, und wenn darum die Wundermänner in Vereinsversammlungen ihr märchenhaftes Gewand ausbreiten, so wird es von allen Seiten staunend bewundert, obwohl man auf allen Seiten eitel — Lust sieht. — * ' * * Begleitet von seinem Hofstaat zeigt der Fürst sich seinem Volke; seine Kammerdiener haben ihn blos mit Unterhosen, die Wundermänner aber mit dem Talisman „bekleidet". Er sieht das Gewand nicht, ist aber gewiß, daß sein Volk, weder dumm noch schlecht, es schaue. Auch das Volk sieht das Gewand nicht, ist aber seinerseits gewiß, daß der Fürst, weise und gut, es sehe. Da ruft ein noch unverdorbenes Kind laut und vernehmlich: „Er hat ja nichts an!" und gebrochen ist der Bann, gelöst ist der Zauber; der offenen Naivität folgt die ehrliche Ueberzeugung: „Er hat ja nichts an!" tönt es von allen Seiten. * * * In der nächsten Versammlung wird der Vorstand des Zentralvereins mit seinem neuen Gewände und seinem neuesten — einzigen — Erfolge paradieren. Der Prozeß Sedlatzek wird aufmarschieren müssen, und die nicht dumm sein wollen noch schlecht, werden dem „Erfolge" zujubeln, den Talisman anstaunen. Welchen Wert wir dem gestrigen „Siege" in Moabit beimessen, das sagen wir an anderer Stelle. Hier sagen wir nur noch eines: Ob wir Zustimmung finden oder Ablehnung erfahren, ob man uns — die wir seit anderthalb Jahrzehnten im Dienste des Judentums stehen, die wir in diesem Dienste gestanden lange bevor die Wundermänner des Zentralvereins ihr Herz erweckt und entdeckt, daß es für das Judentum schlägt — jüdisches Empfinden abzusprechen sich erdreistet — uns soll's wenig kümmern. Wir werden nicht aushören denen, die mit ihrem märchenhaften Gewände prahlen, zuzurusen: Der Talisman Einbildung gaukelt euch ein Kleid vor, das in Wirklichkeit nicht vorhanden ist; was ihr anhabt, sind doch nur — Unterhosen! A. L. Aus dm Kkklinn Gknikiu-kpurlamcnt. Berlin, 19. Oktober. Die gestrige Sitzung der Repräsentanten-Versammlung bot der aufregenden Momente keine. Es war eine Sitzung im richtigen geschäftsmäßigen Stile, wie sie vor Eintritt der „neuen Aera" säst durchgängig herkömmlich war. Eine kleine Ueberraschung, allerdings nur hinsichtlich der äußerlichen Struktur des Sitzungssaales, wurde dem Tribünenbesucher diesmal bereitet. Wahrscheinlich, um den bekanntermaßen unter aller Kritik schlechten akustischen Verhältnissen abzuhelfen, hat man unten im Sitzungssaale den hufeisenförmigen grünen Tisch der Repräsentanten um ein beträchtliches Ende nach links gerückt, und der Vorstandstisch, der sonst ziemlich isoliert seinen Platz inne hatte, ist nunnrehr in die unmittelbare Nähe der Repräsentanten, in die offene Stelle des Halbkreises hineingeschoben worden. Aus dieser „Linksschwenkung" der Repräsentanten und der „Annäherung" an den Vorstand, die ja allerdings, um mit Frau Wilhelmine Buchholtzens Schwiegersohn zu reden, „rein äußerlich" ist, könnten übrigens vielleicht schwarzseherisch veranlagte Naturen allerhand nicht ganz fernliegende Schlüsse ziehen. Indessen thun diese Leute gut, damit bis zur Erledigung der Vorstandswahlen zu warten. Sollte dann das eintreten, was der Vorstand und seine Parteigänger erwarten und viele in der Gemeinde befürchten, dann hätten allerdings jene Pessimisten recht mit ihrem Argwohn, daß jene äußerliche Linksschwenkung und jene äußerliche Annäherung nur ein Symbol, ein Omen für die Schwenkung und Annäherung nach innen zu bedeuten hat. In diesem Falle würde man auch wohl nicht zu viel behaupten, wenn man meinte, daß wiederum all die Differenzen zwischen dem Vorstand und der neuen Majorität, aus denen Optimisten den Beginn einer besseren Zeit für unsere Gemeinde prognostizieren zu müssen glaubten, auch eben „rein äußerlich" gewesen sind. Dem publizistischen Organe des Vorstandes möchten wir übrigens bei dieser Gelegenheit an die Hand geben, aus dieser Umstellung der Tische und Stühle die Folgerung entnehmen zu wollen, daß „hoffentlich diese Neuerung für den Wiederbeginn der alten