Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- Seite 702 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 702. Allgemeine g-raclttisqe Wochenschrift. Nr. 42 «uf die Unfähigkeit der an unserem Ausspruch hängenden Ohren enthalten, ihn mit schärferer Betonung der ihm zukommenden Altersbemessung bezeichnen — und dieser Jüngling ist am heutigen Morgen von andern Angehörigen seiner Gattung aus die Steinplatten eines Brunnes hingestreckt gefunden, aus dem er mutmaßlich zu trinken beabsichtigte, wie aus der Trockenheit seiner Lippen zu entnehmen, von der wir Euch jetzt durch Eure eignen Augen einen schlagenden Beweis zu liefern gedenken." Die Schlange senkte sich, sie ringelte sich unter das Bahr- 4uch> dann erhob sie sich wieder, warf mit einer schnippenden Bewegung die Hülle zur Seite und das verhüllte Gesicht kam zum Vorschein. Es lag starr, wächsern und leblos; das schwarze Haar war verwühlt und mit Blut an die Schläfe geklebt, über Stirn und Wangen waren dunkelblaue Pusteln mit roten Bläschen untermischt, ausgesprengt. Die geschlossenen Lider regten sich nicht, nur wer zunächst stand, konnte wahrnehmendaß die Brust sich noch leise, fast unmerklich hob und senkte. Ein halb erstickter, schmerzlicher Schrei» dem ein tiefer Seufzer folgte, ertönte in dem Moment von dem Rand der Menge, als der Arzt den Zipfel des Tuches aufhob und es nachdenklich zwischen den Fingerspitzen hielt. Der junge Zimmermann blickte verwundert aus das Mädchen an seiner Seite herunter» das mit zitternden, weitaufgerissenen Augen auf das plötzlich enthüllte Antlitz hinstarrte, während zwei Helle Thräsien über ihre frischen Wangen Hinunterliesen. Dann wischte sie die Tropfen mit der Handfläche fort und horchte mit gespannten Zügen, nur ab und zu noch leise schluchzend, aus die Worte des Heilkünstlers. „Die Sonne steht im Zeichen des Löwen," sagte dieser, den Finger an die Nase legend, „und vermag deshalb nicht, das Menschengeschlecht mit ihrer göttlichen Macht zu schützen. Deshalb kommen wir in die Gewalt der Qualitäten, deren vier sind, und cs entspinnt sich ein Kampf zwischen der Wärme, welche die Kälte vertreiben will, und der Feuchtigkeit, die jener sekundiert, um die Trockenheit zu bemeistcrn. Ihr seht, wie an diesem Individuum das Blut, welches warm und feucht zugleich ist, sich gegen die Ursache der Krankheit gewehrt hat und nach außen gedrungen ist. Was sagt collega dilectissime der große Chalinus de Yinario?“ Allein collega dilectissimus hörte nicht auf die Frage. Er hatte sich nach der endlichen Beruhigung seiner Nase ingrimmig abgewandt und stand, über das bleiche Gesicht Hellems gebeugt, das er mit den glänzenden Fingern sorgsam betastete. Dazu roch er eifrig an dem Kampher, den er wieder statt der unheilvollen Nelken aus dem Sack geholt und enfernte ihn nicht um Zollweite von seinen Nüstern. Der Schlangenbesitzer wartete einige Sekunden auf Antwort. Er wiederholte noch einmal mit festem penetrierendem Ton: „Was sagt der weise Chalin, die gelehrtesten Akademien und alle, die zu unserer Zeit in der edlen Kunst der Hygieina bewandert und erprobt sind?" Eine tiefe Stille erfolgte; alle Augen wandten sich aus die Kröte, die hartnäckig stumm blieb. Allmählich richtete sich der gemalte Merkur imposanter auf, seine Flügel klapperten und die Kräuter des Talars raschelten verheißungsvoll, in hastigem Zickzack fuhr die Schlange auf und ab, dann sprach die Stimme des hagern Stellvertreters des Aesculap aus Erden majestätisch: „Curationem omnem resquit pestis confirmata, sagte der weise Chalin, domine Salarius, doctissime — das heißt in vulgärer Sprache; Geht nach Hause und schließt eure Thüren, denn dieser Mann wird sterben, weil er die Pest hat, die unter euch in Cölln ist und an der auch ihr sterben werdet, wenn ihr nicht bei Zeiten zu mir kommt» üM dett unfehlbaren Thetiak zü holen, von dem ich euch gesprochen." Ein dumpfes Geheul brach aus der Menge, das ein einzelner Schmerzensschrei überklang. Wieder drehte der Zimmerniann den Kopf, doch eh' er sich über das vergewissert, was ihn dazu veranlaßt, blitzte die Schlange, die sich umhergestikulierend hastig auf ihn zu bewegt, vor seinen Augen auf. „Seht, ich sagte ettch» die Pest sei unter euch," ries triumphierend der gelehrte Diagnostiker, „primum pestilentia* signüm profluvium sanguinis e naribus — das untrügliche erste Kennzeichen der Pest ist das Blüt, das aus der Nase fließt, und dieser Nlänn blutet aus der Nase," setzte er. die Schlange über das Haupt Honfrieds ausstreckend hinzu; — „schafft ihn aus der Stadt, baut ein Pesthaus vor dem Thore, sonst geht ihr alle zu gründe." Das Gebrüll des Haufens verstärkte sich; „fort — fort mit ihnen," heulten die Zaghaftesten. Der ZimMerMattn lachte aus vollem Halse: „Das Blut öon dem Burschen da hat eins sehr natürliche Ursache, gelehrter Herr» Nn8 ich will euch gleich den kleinen, zierlichen Grund vor Augen führen —" Er wendete sich flüchtig ab unb suchte mit den Blicken nach der Hand des Mädchens, bas noch eben neben ihnt gestanden, doch der kurze Zeitraum reichte hin, daß eine tobende MenschenMasse sich zwischen ihn und seine frühere Beute warf und den Edelman mit dem Geschrei: „Fort aus der Stadt mit den Nasenblutern!" über den Markt davontrieb. Dem Grafen schien diese Wendung, die ihn aus der Haft seines muskelstarken Wächters befreite, nicht unwillkommen, und er lies, die Scheu seiner Verfolger, ihn zu berühren, benutzend, behend vor ihnen auf und verschwand in einer Nebengasse- Der junge Zimmermann, den das furchtbare Gebrüll der Menge wenig beirrte, suchte aufmerksam nach seiner kleinen Schutzbefohlenen umher. Seine Augen schweiften über den leerer gewordenen Raum, plötzlich gewahrten sie Sybille, die unbekümmert an der Bahre, über das- Gesicht des Pestbehafteten gebeugt, kniete, und ihm aus dem Arzneikasten eines der beiden Heilsjünger Essig mit einem Schwamm über die Stirn strich. Dann stieß sie einen Freudenrus aus, denn der Jüngling hob mühsam die Lider und blickte matt und verstört umher. „Domine collega — illustrissime, amicissime,“ schrie die Kröte, wie eine wirklich vierbeinige Amphibie der Art, auf dem kurzen Untergestell hin und her hüpfend — „er lebt — ein Fall von febris pestilens, der zur Besinnung gelangt — qui obtinet mentis sanitatem — ich werde ihm einen armenischen Bolus cinflößen, ein Poma, und ihn zur Ader lassen —" Er sprang mit blaugeschwolleuem Gesicht aus und kramte in seinem Kasten. „Kommt zu mir," schrie er, obwohl seine Kehle ihn fast erstickte, „ich lasse euch zur Ader, für ein Billiges, alle zur Ader, es ist das einzige, unfehlbare remedium