Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- Seite 700 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9610458--1790-9610466- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 700. Ullgcmeiue J-raelitische Wochenschrift. Nr. 42 zu belohnen. Die ungarischen Millenniumsfestlichkeiten sind bald zu Ende, der Ausgleich ist vorläufig gescheitert, man hat also kerne Rücksichten mehr zu nehmen, sondern lediglich die Konstituante des neuen ungarischen Reichsrates am 20. November abzuwarten. Gleich nachher wird der tote Mann im Rathause, Herr Strobach, demissionieren, und das Geschenk, das Graf Badeni seinem „bewährten Freunde" Dr. Lueger höchst eigenhändig an den Weihnachtsbaum binden wird, ist die goldene Kette. Wir erfahren aus bester Quelle, daß Dr. Lueger noch vor Weihnachten Bürgermeister sein wird. Um diesen Preis treten die Christlichsozialen in die Regierungsmehrheit ein- Und stand Wien bisher nur de facto unter dem Regime Luegers, so wird dieses Regime gar bald auch de jui-e bestehen. — Juden und Protestanten ausgeschlossen. Oesterreich scheint unter dem antisemitischen Regime inbezug aus Verfolgung Andersdenkender Rußland überflügeln zu wollen. Im Zarenrenreiche ist noch immer eine Anzahl von Gesetzen in Kraft, die für alle Geltung haben — kromie jewreew („mit Ausnahme der Juden.") In Oesterreich geht man weiter; hier erstreckt sich in einzelnen Kommunen die Maßregelung Andersgläubiger nicht blos auf Juden, sondern auch auf — verhülle dein Angesicht, Germania! — Protestanten. Die Ortsgemeinde Kopitz hat die Stelle eines Kommunalarztes ausgeschrieben und in dem Konkurse die Bedingung ausgestellt, daß nur „christlich-katholische und deutsch-nationale Bewerber" berücksichtigt werden. Gegen diese Konkursausschreibung wurde von der israelitischen Kultusgemeinde die Beschwerde an die Bezirkshauptmannschaft geleitet. Die Bezirkshauptmannschast hat nun den diesbezüglichen Beschluß der Gemeindevertretung von Kopitz wegen der erwähnten Bedingungen, die eine Verletzung der Staatsgrundgesetze involvieren, sistiert und die Ausschreibung eines neuen Konkurses angeordnet. Ob wegen der Juden oder wegen der Protestanten, wissen wir nicht. — Wer hat recht? Ueber die „Judenfrage" in Ungarn liegen zwei Aeußerungen vor. Der aus dem Tißa-Eßlar- Prozesse bekanute Abgeordnete Jstoczy, der Schöpfer des Antisemitismus in Ungarn, erklärt in einem offenen Schreiben an seine Wähler, kein Mandat mehr annehmen zu wollen, da die Nationen bei den letzten Wahlen denen Recht gegeben habe, die da sagen, es gebe keine Judensrage mehr. Und ein in Budapest erscheinendes jüdisches Blatt rät unsren Glaubensgenossen, sich nicht in Massen um Abgeordnetcnmandate zu bewerben, weil der latente Antisemitismus in Ungarn so heimisch wie in anderen Ländern auch. „Wenn 15 bis 20 jüdische Abgeordnete in das ungarische Parlament kommen, dann wird man für alle Sünden und Fehler der Regierung und der Korruptheit der heutigen Zeit die Juden zur Verantlvortuug ziehen. Warum wollen unsere Millionär-Glaubensgenossen auch bei uns ähnliche Verhältnisse, wie sie in Wien bestehen, schaffen? Wir müssen dagegen protestieren — und die Juden noch mehr, als jeder andere — daß Geld, Kapital und Großmannssucht unseren israelitischen Mitbürgern ausreichenden Rechtstitel vorlegen, um sich massenhaft als Kandidaten für das Abgeordnetenmandat anzubieten. Welcher sittliche Wert kann denn einem solchen Mandat innewohnen, das eine judenfreundliche Gesellschaft zähneknirschend nur wegen des Geldes verleiht? Will man denn nicht einsehen, daß vom Obergespann bis zum letzten Komitatsheiduken bei uns gegenwärtig Jeder Antisemit ist? Man verschärfe also nicht die Sachlage, und die Juden mögen uneigennützig weiter dem Vaterlande als einfache Bürger dienen, sie mögen nur weiter neue Fabriken bauen, neue Industriezweige einbürgern u. s. w." Fragt man nun angesichts dieser einander widersprechenden Urteile, wer recht habe, so giebt es für den Eingeweihten nur eine Antwort: Beide! Feuilleton. Der: getaufte Gatnruö. ii. Die Lehrer des Talmud werden „Weise" genannt und dies mit Recht. Denn das Ledensideal, das ihnen vorschwebt und das sie ihrem Volke empfehlen, entspricht den Forderungen echter Weisheit, welche das Resultat ernsten Denkens und eines tiefen ethischen Gefühls ist. Genügsamkeit, Mäßigkeit, Nüchternheit, Bescheidenheit, Demut, Selbsterkenntnis, Seelenruhe, Herzensfrieden, Gleichmut, Gesundheit, Arbeitsamkeit, häuslicher Herd, Nachgiebigkeit, Friedfertigkeit, Versöhnlichkeit, Gottesfurcht, Nächstenliebe, Ehrerbietung vor den Männern des Geistes — aus diesen Tugenden, Stimmungen, Bestrebungen und Grundsätzen besteht das Lebensbild, das diese Weisen ihren Jüngern und Lesern zeigen und ihnen einschärfen, es stets vor Augen zu haben, um es in ihrem Thun und Lassen zu verwirklichen. Fern von der erschlaffenden, mehr dem Himmel als der Erde zugekehrten essäischen Weltanschauung, haben doch manche essäische Saatkörner im Geiste der talmudischen Weisen Wurzeln geschlagen. So z. B. waren die ersten Denker des Talmud keine enthusiastischen Lobredner der politischen Herrschaft und staatlicher Würden, die ihre Besitzer zumeist von den höchsten Lebensaufgaben und Lebenszielen entfernen, das Gemüt aufregen und die Seele erbitterten Parteikämpfen aussetzen. Die talmudischen Aussprüche, welche diesen Geist in politischer Beziehung atmen, mußten beruhigend und beschwichtigend aus die Trümmer eines Volkes einwirken, das zu den Unterdrückten und nicht zu den Herrschenden gehörte und dem eine gebietende politische Machtstellung unerreichbar war. Es wird daher niemanden überraschen, wenn er im Talmud Pesachim 87b den Ausruf findet: „Wehe der politischen Herrschaft, sie begräbt ihre Inhaber" (Oj Iah le-rabbanüt sche-mekabberet et baaleha). Als Beweis wird angeführt, daß der Prophet Jesaja vier Könige überlebt hat, die alle während seiner prophetischen Wirksamkeit gestorben sind. Möglich, daß hier, wie das an vielen Stellen des Talmud und des Midrasch zu geschehen pflegt, eine versteckte Anspielung auf die römischen Cäsaren enthalten ist, die oft eiites jähen Todes durch die Hand von Verschwörern gestorben waren. Jedenfalls entspricht es dem Geiste des Talmud, wenn der Besitz politischer Macht in den Augen des jüdischen Volkes herabgedrückt wird. Im Zusammenhänge damit äußerte ein Lehrer des Talmud im Traktate Sota, 13b „Josef starb vor seinen Brüdern, weil er aus der Höhe politischer Macht thätig war (schehinhig 'azmöh be-rabbanüt).