Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- Seite 698 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 698. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 42. Eßreiz erstirbt in sich, wenn er nicht Gelegenheit hat, sich zu befriedigen, um sich dann wieder aufs neue geltend zu machen. Das ist die Bestimmung der Synagoge: sie ist die Table d'hüte des vorhandenen religiösen Bedürfnisses. Der Weg der Reklame, durch ein exquisites Menu Gäste heranzulocken, ist der Synagoge unwürdig, auch wenn diese Reklame in einer Gratis-Zugabe von einem Stück Wissen durch „belehrende Vorträge" bestände. Mehr als einmal würde diese Reklame doch keinen Besucher heranziehen. Das religiöse Bedürfnis, das in der Synagoge seinen Hunger stillen will, sucht gerade die Speise der Erbauung, welche wie das Mädchen aus der Fremde, mit dem die Predigt in naher Verwandtschaft steht, jedem eine Gabe bringt: dem Verstand, der Phantasie, dem Gefühl und dem Wollen. Das religiöse Gefühl wird sich aber enttäuscht von euch abwenden, wenn ihr ihm statt des Brotes einen Stein vorsetzt, und wäre dies auch ein Edelstein: statt der „Predigt"-„belehrende Vorträge". — Auf- und abwärts des Rheins. n. Der Peter lachte und lärmte Und trank auf Jettens Wohl: Da seufzte Alexander: „Ich finde den Peter frivol!" Der Peter ließ die Witze, Und weihte sich streng der Moral: Da rief Araximander: „Der Peter wird sentimemal!" Der Peter schwankte und schweifte Und ward ein Tropf wie sie: , Da brüllten sie selbander: „Der Peter hat Genie!" An dieses alte Gedicht Ernst Ecksteins dachte ich, als ich las, wie der Konkurrenzneid meine vorigen, noch sehr gemilderten, aber nicht langweilig geschilderten Berichte der Kölner Gemeindeverhältnisse aufgefaßt hat. Hat die Furcht vor Verlust einiger der wenigen überhaupt vorhandenen Abonnenten sich verraten, oder Hab? ich wunde Stellen noch härter berührt, als ich vermeinte? Dasselbe Blättchen, das früher die gleichen Schäden zuweilen auch getadelt, glaubt hierfür ein Monopol zu besitzen; diese Einbildung soll uns aber nicht anfechten und wir wollen weiter feste zugreifen. Jüdische Blätter brauchen nicht zu salbadern und die Mode der Sammethandschuhe muß endgiltig vorüber sein, sie hat in anderen Gemeinden auch nichts genützt. Zwar hat die gegenteilige Methode — z. B. in Berlin — auch noch nicht die gewünschten Erfolge aufzuweisen, aber früher oder später muß auch dieser eintreten, und die Lehre: „Willst du einschläfernd schreiben den Wisch Dann schreibe und kleistre nur so wie... andere Blätter" findet an mir keinen gelehrigen Schüler. Daß mir aber auch eine offizielle Abfertigung zuteil wurde, weil mein altes Herz sich an dem Anblick der aus das Cölibat nicht eingeschworenen niedlichen „Schwestern" mit den schönen Broschen — ä Io Genfer Kreuz — erwärmte, das hat mich sehr geschmerzt. Ich lege diese Enttäuschung zu den übrigen und reise weiter den Rhein entlang. — — Wissen Sie, daß es in der Rheinprovinz einen Rabbiner- Verband giebt? Nicht? Nun, das kommt daher, weil er an das erhabene Vorbild des allgemeinen deutschen Rabbinerverbandes sich anlehnt, wie in den Kriegervereinen Religion und Politik bei der Diskussion ausgeschlossen hat und so ein stilles, beschauliches Dasein führt. Heroorgegangen ist er aus dem Bestreben, Kompetenzstreitigkeiten unter einigen Rabbinern aus der Welt zu schaffen; da dies aber ohne Aufregung nicht möglich ist, so besteht er eben — ich weiß nicht warum — hat er seinen Sitz — ich weiß nicht wo — und wirkt er — ich weiß nicht was. — Der Vorsitzende ist der Crefelder Oberrabbiner, einer der würdigsten Gelehrten und friedliebendsten Rabbiner, die ich kenne; diese Friedfertigkeit prägt sich auch in seiner Gemeinde aus, deren Institutionen zu den musterhaftesten gehören. Die Vornehmheit dieser Gemeinde im konservativen Sinne findet ihr Seitenstück in der im entgegengesetzten Geiste geleiteten Gemeinde zu Aachen. Gleich Aachen stehen die meisten Gemeinden am Niederrhein auf resormatorischem Standpunkte, so die stets zur höhern Blüte sich entwickelnde Gemeinde Essen, fernerauch Elberfeld-Barmen, bei welch' letzteren zwei Gemeinden seit einigen Jahren eine Trennung von Synagoge und Rabbinat eingetreten ist; sie sind auch groß genug, um selbständig nebeneinander neidlos bestehen zu können. Den religiösen Standpunkt Düsseldorfs genau zu präzisieren bin ich außerstande. Der Kultus ist mehr oder weniger streng orthodox — von den Gemeindegliedern läßt sich dasselbe durchaus nicht behaupten. Jedenfalls ist reichlich dafür gesorgt, daß das Andenken des unvergeßlichen Dr. Wedell nicht vergessen werde — nicht nur durch den von ihm ins Leben gerufenen Handwerkerverein, welcher eine höchst segensreiche Thätigkeit entfaltet. Der Rückweg führte mich über Köln rheinauswärts auf der linken Usersette nach Bonn. Dies ist der Sitz der vornehmen Universität, einer besonderen Sorte Lagerbieres und des Ober-Reise-Jnspektors des Deutsch-israelitischen Gemeindebundcs. Der Ton ist auf das Wort „Ober" zu legen, welches gut klingt und besonders in Kurlisten sich sehr stattlich ausnimmt. Die hübsche Synagoge — mit Musik — wird nicht allzusehr belästigt; es ist ein ganz kleines Häuflein, welches den mir viel Salbung und noch viel mehr Pomade allsabbatlich erteilten Schluß-Priestersegen sich nicht entgehen lassen will. Das gute Einvernehmen der Kultusbeamten unter einander, sowie dieser mit einem sachverständig, vornehm und eifrig regierten Vorstande läßt nichts zu wünschen übrig. Auch in dem weiter oben liegenden Koblenz, das mehr von sich reden gemacht hat, als ihm gesund ist, ist in letzter Zeit ein leidlicher Waffenstillstand zustande gekommen, der mutmaßlich zu einem dauernden Frieden führen wird. Das konnte nur durch energisches Eingreifen der Gemeindeverwaltung erzielt werden. Doch fiel mir hier zweierlei auf: Auf dem schönen alten Friedhofe, wohin ich ging, um den Rabbiner, den ich nur aus seinen Zeitungsartikeln kannte, gelegentlich einer Beerdigung zu hören, fehlt ein Leichenhaus. Ich dankte Gott, daß es Sommer war und ich mir, da es in Strömen goß — was in Koblenz fast immer der Fall sein soll — einen Schnupfen nur holte; im Winter