Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- Seite 697 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 42 Allgemeine J-raclitische Wochenschrift. Seite 697. Reffen muß bas aG ^ngltcfjfeit eines ${Q[r be§ dramatischen Patk bliebe. Das .1 J^nbet an Umichtigkei! «^uptung: die PW« pe waren vielmehr bet e*ne vollstanbig unrichtig, te§- Gerabe bas Gegem A nicht der Belehrung \ einfach unb so selbstveriiturgie, baß jeder Beweis > die Pijutim Bestandteil! at doch wohl nicht dir es unterscheiden sich du mbers durch die poetisch, weniger an eine belehrend, : Kenner der geschichtliche!; Zunz. i tragen" (3.379,2.5lujl. j chen Gottesverehrung her f dahin zurück; jene hck^ ilc des Synagogendienste! s aus dem andern, den inzweideutigen Worten > sind: in bieder ebt, daß die PiM;e abgeworfen werdH - ganz folgerichtizffE jen Poesie die PM nn die Pijutim gwz-'ß 1 hervor. Erbauung gewiss t ii 1 | % t. i x 1: II Und nun die andere Behauptung: „Die moderne Predigt bietet keine Belehrung" — was heißt das? Irgend eine Belehrung bietet jeder Satz; überall wo ein Subjekt mit einem Prädikat zu einem Urteil verbunden ist, da ist auch Belehrung. Das Material der Erbauung ist immer ein belehrendes, man kann nicht „erbauen" ohne logisches Material als Grundlage, so wenig, wie man reiten kann ohne — Pferd. Man kann wohl belehren, ohne zu erbauen, aber nie „erbauen" ohne zu „belehren". Das Erb'auliche liegt nur in der Form, in der Komposition; das Stoffliche ist immer belehrend, die Erbauung ist eine Wirkling des Formellen. Wenn unseren Predigten das Moiuent der „Belehrung" abgesprochen wird, so muß man immer eine bestimmte Belehrung im Auge haben. Belehrung und Erbauung verhalten sich zu einander wie Halacha und Agada. Halacha ist blos belehrend, Agada auch erbauend. Nun kann man ja in relativem Sinne wohl sagen: die Agada ist nicht belehrend, dann denkt man aber inimer an die Halacha, also nicht halachisch belehrend. Aber wo ist eine Agada, die nicht irgend eine Belehrung enthielte? — Ebenso kann man von der Predigt auch sagen: sie ist nicht wissenschaftlich belehrend. Aber sollte das wirklich ein Fehler der Predigt sein? Wissenschaftliche Vorträge an Stelle der Predigt zu verlangen, diesen Mut dürfte auch Herr S. B. nicht haben. Auch die „Lectures1der Amerikaner sind nichts weniger als wissenschaftliche Vorträge. Dagegen ist es Ausgabe der Predigt, sich mit den Ergebnissen der Wissenschaft im Namen der Religion auseinander zu setzen. Ist das nicht Belehrung? Ist eine Predigt über „Judentum und Humanität", oder „Religion und Freiheit", oder „Zeit und Ewigkeit", oder „Sünde und Sühne" u. dgl. — Themata, die ich so aus dem Stegreif nenne — weniger belehrend, als ein Vortrag über „Flavius Josephus", oder „Die Entstehung des Sohar", oder „Israels Anteil an der Entdeckung Amerikas" u. dgl.? Nicht etwas anderes an Stelle der erbaulichen Predigt thut uns not, sondern gute Predigten an Stelle der schlechten, erbauliche an Stelle der nicht erbaulichen. Ein geistvoller Prediger wird, indem er erbaut, auch reiche Belehrung gewähren, ein geistloser Redner wird weder erbauen noch belehren, er wird blos langweilen. — Unb was uns noch mehr not thut als ein guter Prediger, das ist ein Gegengewicht gegen die zentrifugalen Mächte des modernen Lebens, eine Macht, die unsere Juden in die Synagoge hineinzieht. Daß die Predigt diese Macht nicht ist, kann nicht verwundern: die Predigt kann nur auf ihre Zuhörer wirken, eine Wirkung in die Ferne, ohne Medium des Gehör-Organs, kann man von ihr nicht verlangen. Was, sie sollte imstande sein, durch ihre Güte eine solche Anziehung auszuüben, daß das Publikum sich in die Synagoge drängte, um sie zu hören? So? Seit wann hat denn das Gute eine solche Anziehungskraft? Haben sich denn die Massen zu den gewiß großartigen Reden der P r o p h e t e n gedrängt? Waren die Propheten nicht Märtyrer ihres Berufes? Klagt nicht der Redegewaltigsten einer, Micha: „Ihr sollt nicht sprechen, sprechen sie?" Und: „Ja, wenn ich Wein- oder Bier-Reden hielte, dann wäre ich ein Redner für dieses Volk?" Nein, die leeren Synagogen könnten eher als ein Beweis für die Güte der modernen Predigt, als für das Gegenteil gelten, wenn sie überhaupt — etwas bewiesen. Der religiöse Jndifferentismus ist kein Produkt der Synagoge, sondern des Lebens, und auch das Gegengift kann nicht von der Synagoge verabreicht werden, denn wenn der Jndifferentismus die Synagoge als Arzt aufsuchte, dann wäre er kein — Jndifferentismus mehr. — Unb hier ist der Ort, wo ich noch mein bischen realistische Menschenkenntnis über den Unterschied zwischen früher und jetzt auskramen möchte. Früher war das Leben die Peitsche, die unsere Juden in die Synagoge hineinjagte, und die Synagogen-Ordnung war die Sirene, die die Herangepeitschten hineinlockte; denn die Synagogen-Ordnung war eine höchst gemütliche, sehr amüsante, dem Publikum freie Bewegung und Mitthätigkeit gestattende Synagogen-Unordnung. Kein Dreimaster verbot das Plaudern, das Mitsingen mit dem Kantor, ja das freie Hersingen der Gebete nach eigenen Melodien war gestattet, man konnte zum Nachbar gehen und sich eine Prise holen u. dgl. mehr. Das war wirklich ein Vergnügen, das garnicht zu unterschätzen ist. Dazu kam, daß man früher aus einen guten Kantor mehr Gewicht legte, als auf irgend etwas anderes. So ein guter Kantor brachte Leben in die Synagoge, er sorgte für Abwechslung, für neue Melodien. Der Synagogen-Besucher nahm die schönsten Melodien mit nach Hause. Das war eine Lust, das war ein Hochgenuß. Und last not least: das Hebräische war dem Publikum nicht — spanisch. Heute ist von alledem das Gegenteil der Fall: das Leben ist die Sirene, die unsere Juden von der Synagoge hinweglockt und die Synagogen-Ordnung die „Peitsche", die die Besucher aus der Synagoge hinausjagt. Will der Beter ausstehen, muß er sich setzen, will er sitzen, wird „Aufstehen" kommandiert. Sprechen darf man nicht, singen darf man nicht, wenigstens nicht auf eigene Faust, sondern nur in Reih' und Glied mit Orgel und Chor, die Melodien sind alle in schwerem getragenen Tempo, träge dahinfließend, garnicht lustig, garnicht überraschend, der Text — nun der ist — hebräisch . . . woher soll da die Lust kommen, in die Synagoge zu gehen? Ich will gewiß nicht ein laudator temporis acti seilt, nicht der alten Synagogen-Unordnung das Wort reden, ich will überhaupt nicht plädieren, sondern nur erklären, nur psychologisch die Faktvreu der alten Zeit und der Gegenwart cinander gegenüber-steilen, da sich die Gelegenheit dazu bietet. Selbst die Einführung der alten gemütlichen Synagogen- Unordnung würde heute nichts helfen, den Sirencn-Tönen des Lebens würde auch der alte Sing-Sang der Synagoge keinen Widerstand leisten können. — Nicht die Güte der früheren Ungebundenheit in der Synagoge soll das beweisen — wenn ich auch der Meinung bin, daß etwas tveuiger Strammheit in der modernen Synagogen- Ordnung kein Fehler wäre — sondern nur einen weitern Baustein zu dem Beweise liefern, daß alle Maßnahmen gegen detl religiösetr Jndifferentismus und die religiöse Unwissenheit unserer Juden, die einen Einfluß der Synagoge aufs Leben zur Voraussetzung haben, von vorn herein als nutzlos betrachtet werden müssen. Die Synagoge ist der Wirt, und das religiöse Bedürfnis ist der Hunger: der Wirt kann den Hunger befriedigen, nicht erzeugen. Freilich der lebhafteste