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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-10-16 · 42 (16.10.1896) · p. Seite 696

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
42 (16.10.1896)
Date
1896-10-16
Page
Seite 696 (sequence 4)
Language
German
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Seite 696. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 42. "3t nehmen. Nun kommt der neue Arzt und argumentiert: So lange dem Kranken Medizin verschrieben wird, so lange ist er krank; ergo ist — die verschriebene Medizin die Ursache der Krankheit! — Die synagogale Andacht hatte eine prachtvolle Verdauung, das beweist schon die Quantität der Pijutim. In der neuen Zeit zeigte sich diese Verdauung gestört, die Pijutim wurden, wie Herr S. B. sagt, eine „unerträgliche Last". Der Arzt „Reform" verschrieb „erbauliche Predigt": diese ist so alt, wie die Krankheit, also ist sie die Ursache der Krankheit! Es ist eben garnicht wahr, daß die Medizin oder das Rezept so alt wie die Krankheit ist. Die Krankheit ist immer früher da, als der Arzt und die Medizin und hat darum eine andere Ursache. Die Medizin hat nichts geholfen, vielleicht weil die Krankheit stärker ist, vielleicht auch weil die Medizin — nicht eingenommen wurde. Die erbauliche Predigt hätte vielleicht Wunder gewirkt, wenn sie nicht vor leeren Bänken gehalten würde. Dasselbe Schicksal wird der belehrende Vortrag haben, wenn er sich an „Holz und Stein" wenden wird. Der Kranke nimmt eben keine Medizin, der Krankheits-Erreger ist stärker als der Arzt, und er wird auch stärker sein als der Natur-Arzt: der „nichtbeamtete Mann!" — Herr S. B. scheint die Zustände des amerikanischen Judentums im Auge zu haben: dort werden sogenannte „Lectures“ gehalten und zwar nicht ausschließlich von „beamteten Männern". Ja, aber Amerika ist das Land der selfmade-men, wo ein Buchbinder einen Franklin und ein Zeitungsjunge einen Edison aus sich macht. Wir in der alten Welt stecken in den spanischen Stiefeln der Schule und des Staates; in die gegebenen Schablonen hineinzuwachsen, das ist unser Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz absorbiert unser ganzes Interesse. Dieser Ehrgeiz hat sich auch der Söhne und Töchter des emanzipierten Judentums bemächtigt; darum die Einseitigkeit unseres Interesses, darum die Tyrannei des Berufes und die Gleichgiltigkeit gegen die Religion und gegen die Synagoge, mag darin eine erbauliche Predigt oder ein belehrender Vortrag widerhallen, und darum unser Mangel an nichtbeamteten Männern für belehrende Vorträge. — So läge die Sache, auch wenn die Urteile alle, die hier zu einem Paralogismus vereinigt wurden, im einzelnen richtig wären. Aber wie viel fehlt hierzu! Schon den Pijutim einen „unvergleichlichen poetischen Wert" beizulegen, ist eine exorbitante Uebertreibung. Selbst von Gabirols „Kether Malchuth" wäre das zu viel gesagt. Man kann von einem hohen poetischen Wert dieser liturgischen Stücke sprechen, aber nicht von einem „unvergleichlichen". Nicht ein einziges dieser liturgischen Stücke kann dem schwunglosesten Stücke der biblischen Poesien auch nur das Wasser reichen. Die Pijutim sind poetische Bearbeitungen midraschischen und philosophischen, zum Teil auch halachischen und geschichtlichen Materials; aber es sind eben Bearbeitungen. Von dem frischen lebendigen Strahl ursprünglicher Poesie ist da keine Spur. Sie haben eine eigentümliche Schönheit, einen ganz eigenen Reiz durch Einflechtung von Bibelversen und talmudischen Ausdrücken, die durch Anwendung auf ganz andere Vorstellungskreise die geistreichsten Anspielungen bilden. Aber mit dem Maßstab poetischen Wertes gemessen muß das alles vollständig zurücktreten vor der Ursprünglichkeit eines Psalms, oder einer prophetischen Rede, oder des dramatischen Pathos im Hiob, oder der Lyrik im Hohenlieds. Das sind eben keine Bearbeitungen. — Aber diese Uebertreibung verschwindet an Unrichtigkeit ganz und gar neben der zweiten Behauptung: die Pijutim „hatten nicht die Ausgabe zu erbauen, sie waren vielmehr der Belehrung gewidmet." Das ist eine vollständig unrichtige Darstellung des wahren Sachverhaltes. Gerade das Gegenteil ist richtig: die Pijutim dienten nicht der Belehrung, sondern der Erbauung. Das ist so einfach und so selbstverständlich für jeden Kenner unserer Liturgie, daß jeder Beweis überflüssig sein sollte. Sind ja doch die Pijutim Bestandteile der Gebete, und das Gebet hat doch wohl nicht die Belehrung zum Zweck. Ja, es unterscheiden sich die Pijutim von den ältern Gebeten besonders durch die poetische Form, so daß man von jenen noch weniger an eine belehrende Tendenz denken kann als bei diesen. Hören wir den kompetentesten Kenner der geschichtlichen Verhältnisse unseres Gottesdienstes: Zunz. In den „Gottesdienstlichen Vorträgen" (S. 379, 2. Aufl.) sagt er als Einleitung zu den „Paitanin": „Die schlichte Hagada war einst aus der öffentlichen Gottesverehrung hervorgegangen, die poetische kehrte jetzt dahin zurück; jene hatte ihre Wurzel in dem einen Bestandteile des Synagogendienstes, in der Belehrung, diese wuchs aus dem andern, dem Gebete, empor." Hier haben wir es in klaren, unzweideutigen Worten, in welche Kategorie die Pijutim zu setzen sind: in die der „Gebete", im Gegensatz zu der der „Belehrung". Es wäre also, wenn man erst zugiebt, daß die Pijutim eine „unerträgliche Last" geworden, die abgeworsen werden müsse — was ich freilich nicht zugebe — ganz folgerichtig gewesen, daß man an Stelle der liturgischen Poesie die Predigt gesetzt hat und zwar die erbauliche, venu die Pijutim gingen nicht aus der Wurzel der „Belehrung" hervor. Wie steht es nun aber mit der Behauptung: „Wir Juden wollen weder noch brauchen wir Erbauung?" Und mit der andern: „Die moderne Predigt ist der Erbauung gewidmet und nicht der Belehrung?" Ich weiß nicht, auch ich glaube meine Juden zu kennen, aber wie ich sie kenne, wollen und brauchen sie „Erbauung". Ich habe immer gefunden, daß nur die nicht erbauliche Predigt unseren Juden nicht gefallen hat: „Ich war heute garnicht erbaut" — lautete dann das Verdikt. Und wer sollte mehr der Erbauung bedürfen, als gerade wir Juden, die wir in größerem Maße den Berufen angehören, wo das trockene, nüchterne, verstandsmäßige Zählen und Rechnen und Wiegen und Gegeneinanderhalten und Spekulieren und dgl. kalte Ueberlegung die Hauptthätigkeit bildet? „Wir Juden brauchen keine Erbauung" — — wie, bieten die Psalmen, bieten die flammenden Reden der Propheten keine Erbauung ■ Ja. sollte man wohl imstande sein, das psychologische Wesen der Erbauung anders zu desinieren, als die Wirkung, welche die Psalmen, die Propheten aus unser Gemüt Hervorbringen?

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