Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- Seite 695 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 42. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 695. Nr. 41 fomilicnoater, bie tuirn,. o^opathischenMigmi h Mühe übet^obe« Adreßbuch 1 sich lahraus jahrein etnt l lf be,n entsprechend» ttenbctem« Unterricht i|« niedlich ab, indem sie j,; deim Vorlesen aus dn ich vorgeschrieben ward hingegen werden an eines finMonntage - „koch e Backfischchen allerliebt hlen natürlich auch nit nehmend guu it Sinn: Wi l ie seit einer k wir nicht sij :sang w \ aben, bc, it, das, berechltz unser s ich» Mal Einrichtung, sondern blos eine Nachäfferei, ein Produkt unseres würdelosen Zeitalters. Genützt hat es nicht im mindesten, aber wohl ist uns damit Sand in die Augen gestreut worden. Es ist dies ein Stück Komödie, die alljährlich in unseren Synagogen aufgeführt wird, eine Posse mit Gesang, geeignet, die große Menge zu bethören und die Gesamtheit von ernsten Bestrebttngen abwendig zu machen. Man wird vielleicht geneigt sein, diese Behauptung entweder als ein Paradoxon oder gar als Nörgelei zu erklären; indessen handelt es sich in diesem Falle um einen Erfahrungssatz. In vielen jüdischen Familien der Hauptstadt, in denen man noch mit Pietät an dem väterlichen Glauben hängt, war es bisher ein löblicher Brauch, die schulpflichtige Jugend zu Hause in der Religion unterrichten zu lassen. Mitunter wurden durch bett genannten Religionsunterricht recht ersprießliche Resultate erzielt. Seitdem aber die Gemeinde offiziell den Konfirmanden- oder Religionsunterricht erteilen läßt, was sie jedoch, wie gemeinhin bekannt, nur sehr ungenügend und zum Teil auch durch ungeeignete Lehrkräfte besorgt, glauben jene Familienväter ihr religiöses Gewissen völlig befriedigt zu haben, wenn sie ihre Kinder an diesem Unterricht teilnehmen lassen. Die Gemeindeverwaltung hat seit Jahren wie in allen kultuellen Angelegenheiten, so mtch in der des Religionsunterrichtes eine unglückliche Hand gezeigt. Statt nun die Sache besser zu machen, ist sie bedeutend verschlimmert worden. Ter Privatunterricht hört infolge der Gemeinde- Religionsschulen und des Konsirmandenunterrichts durch die Rabbiner auf, während dasjenige, was die Gemeinde bietet, nur Talmi ist, das gelegentlich noch näher beleuchtet werden soll. Es wäre unserer Gemeindeverwaltung und deren geistlicher Organe würdiger, diese Angelegenheit etwas ernster zu behandeln. Ob sie „Konfirmanden-Unterricht" erteilen lassen oder nicht, gewiß ist es nicht Sache der Rabbiner, mit solchen Lappalien die Zeit zu vergeuden. Unsere alten Rabbiner forschten den ganzen Tag in der Lehre Gottes und zogen zu diesen Forschungen einen Kreis von Jüngern heran, die sie in die Pforten des Studium einführten; unsere alten Rabbiner machten daher Schule und sorgten für die Fortpflanzung und Weiterentwicklung der jüdischen Lehre. Nie und nimmer aber gaben sie sich mit Kinderunterricht ab, der gewöhnlich in der Hand des Theologen so unfruchtbar als möglich ist. Die Rabbiner könnten viel mehr leisten, wenn sie diese Art von Unterricht geeigneten Lehrern überließen, hingegen selbst aber dafür sorgen wollten, daß in recht vielen jüdischen Familien das Judentum ernster genommen werde. Warum sollen die Rabbiner, wenn sie schon partout die Attitüden der christlichen Geistlichen angenommen, nicht auch ernstlich Seelsorge übernehmen? Warum sollen sie sich nicht mehr um das Familieuleben der Gemeindemitglieder kümmern, auf die Kindererziehung Einfluß zu gewinnen suchen? Freilich sollen sie nicht mit dem Tiergartenviertel den Anfang machen — dort sind sie ganz überflüssig, dort ist auch für sie kein Operationsfeld. Aber sie könnten ein wenig „unter das Volk gehen", sich der ärmeren Klassen annehmen. Da werden sie ein großes Feld finden, das zu bebauen eine Gottesthat wäre. Die Rabbiner müßten aushören, ein überflüssiger Gemeindeluxus zu sein; sie sollten vielmehr teils wiederum dem Studium der jüdischen Wissenschaft sich widmen, teils aber, wie in der guten alten Zeit, die Väter der Gemeinde sein. Der „Konfirmanden-Unterricht" durch die Rabbiner ist leicht entbehrlich. Diese Beschwerde ist nicht nur an die Gemeinde von Berlin zu richten, sondern an sämtliche Großgemeinden Deutschlands. Aber schließlich wäre es von unserer Gemeinde schön und löblich, wenn sie den andern Gemeinden als Muster dienen würde. Verwaltet wird bei uns gut — daran zweifelt kein Mensch, der unsere Verwaltung — nicht kennt; aber es müßte regiert werden, und dazu gehören neue Ideen. Wir bilden doch nicht nur eine Gemeinde, sondern auch eine jüdische Gemeinde. Mit dem pünktlichen Einheben der Gemeindesteuer und deren gewissenhaften Verausgabung ist nichts gethan. Man müßte in erster Reihe dafür sorgen, daß die Bezeichnung „jüdische" Gemeinde kein Anachronismus werde. Dr. S. Bernfeld. „Gottesdienst uni) üoltabcletpiig.“ M. Frankfurt a. M., im Oktober. II. Herr S. B. sucht aber seine Ansicht auch historisch zu begründen — aus dem Wesen und der Tendenz der „P ijut im", der liturgischen Poesien. Er sagt hierüber folgendes: „Abgesehen von dem unvergleichlichen poetischen Wert dieser liturgischen Stücke, enthalten sie zugleich den wissenschaftlichen Inhalt des Judentums aus den verschiedenen Epochen" .... „Diese religiösen Dichtungen .... hatten nicht die Aufgabe zu erbauen, sie waren vielmehr der Belehrung gewidmet und hatten die Aufgabe, die Gemeinde zu erheben, eine Aufgabe, welche sie im vollen Umfange auch erfüllt haben." „In unfern Tagen sind uns diese liturgischen Srücke geistig entfremdet"-und „den weiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung eine unerträgliche Last geworden." „Anfänglich sollte die Predigt die Pijutim ersetzen. Aber die moderne Predigt ist der „Erbauung" gewidmet, die wir Juden weder wollen, noch brauchen. Uns thut Belehrung not" — — also „belehrende Vorträge!" Das heißt in Kürze: So lange man die Pijutim nicht abgeschafft hatte, waren die Synagogen gefüllt. Mit der Abschaffung der Pijutim und deren Ersetzung durch die Predigt haben sich die Synagogen geleert, hat die Unwissenheit immer mehr zugenommen. Post hoc, ergo propter hoc: also ist die Abschaffung der Pijutim an dieser Misere unseres Judentums schuld. Die Pijutim können aber nicht wieder eingeführt werden, man verstände sie doch nicht: also an deren Stelle und an Stelle der Predigt — belehrende Vorträge! Diese werden dasselbe leisten, was früher die belehrenden Pijutim geleistet haben Wahrlich ein hochinteressantes Kartenhaus als ein Exempel für die falsche Anwendung der Norm: post hoc, ergo propter hoc! Wir haben einen Kranken vor uns, der immer einen gesegneten Appetit hatte und große Portionen kräftiger Nahrung vertragen konnte. Jetzt widert ihn seine gewohnte Nahrung an, er liegt in einem Fieber-Paroxismus. Der Arzt beseitigt die gewohnte Nahrung und verschreibt eine beruhigende Medizin. Der Kranke weist aber die Medizin von sich, er will garnichts