Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- Seite 694 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 694 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 42. ein ungläubiges ist, das durch solche Beweise nicht zu bezwingen und zu gewinnen ist, das weiß der Verfasser. Aber das Laienpublikum Israels soll gläubiger sein — der Prophet, der im eigenen Lande nichts gilt, soll im fremden Lande mehr gelten, um dann im eigenen Lande auch zur Geltung zu kommen. Das fremde Land sagt aber: Es genügt nicht, daß jemand im eigenen Lande nichts gilt, um in meinem Gebiet als Prophet gefeiert zu werden. Diesem modernen Laienpublikum gegenüber ist eine Widerlegung ganz überflüssig, den gläubigen Klerikern gegenüber unmöglich, denn es handelt sich um die Interpretation des Prophetenwortes, und darin besteht eben die Differenz zwischen der Mutter- und der Tochter-Religion. Die Mutter- Religion wird immer sagen: Die ganze exegetische Wissenschaft steht auf memer Seite; die Tochter-Religion wird erwidern: Der Erfolg steht auf meiner Seite. Die Mutter- Religion wird immer geltend machen: Ich muß doch am besten wissen, was meine Propheten gemeint haben; die Tochter-Religion wird erwidern: Die Majorität entscheidet und die Majorität stimmt für mich. Dieser Widerstreit zwischen der innern Ueberzeugung und der Herrschaft des Plebiszits ist so alt wie das Problem der Gewissensfreiheit und wird nicht früher beigelegt sein, bis die Gewissensfreiheit auch von dem Mächtigen nicht als eine Pflicht, sondern als ein Gut geschätzt werden wird. Bis dahin ist alles Streiten und alle Widerlegung unmöglich, und dann wird es überflüssig sein, weil niemand angreifen, niemand blos um Staub aufzuwirbeln, vor fremden Thüren fegen wird: „Es wohnt dann der Wolf mit dem Lamm, der Parder lagert dann beim Zicklein, und Kalb und Löwe und Masttier sind zusammen und ein kleiner Knabe führt sie" (Jesaj. 11,6) — jetzt noch immer ein kleiner Knabe: der Geist der Menschenliebe. Die Verheißung geht sicher in Erfüllung, wenn auch noch Jahrhunderte darüber vergehen. Aber der ganze Lauf der Weltgeschichte, schon daß an Stelle des Blutes die Tinte, an Stelle des Schwertes die Feder, an Stelle des Feuers die — Gratiszusendung anonymer Brochüren getreten ist — die Scheiterhaufen waren nie gratis und nie anonym — das alles ist der sicherste Hinweis auf die Erfüllung dieser Verheißung, aus das endliche Eintreffen dieses „kleinen Knaben". Woran wird dieser kleine Knabe zu erkennen sein? Daran, daß er „Kalb und Löwe und Masttier" an dem Seile der Liebe friedlich neben einander führen wird. Religionslind Koilßmaadrii-Viitkmcht. Die jüdische Gemeinde zu Berlin hat — das muß ihr der Neid lassen — eine mustergiltige Verwaltung. Alljährlich nach den hohen Feiertagen läßt sie durch ein Inserat in den gelesensten politischen Zeitungen und in dem einen jüdischen Blatte, welches dieser Auszeichnung als würdig befunden wurde, bekannt machen, daß an dem und dem Tage bei den zur Zeit fungierenden Gemeinderabbinern der „Konfirmanden-Unterricht" begonnen. Die Gemeindeverwaltung macht es den steuerzahlenden Mitgliedern sehr bequem, indem sie sogar die Wohnungen der Rabbiner und deren Sprechstunden durch besagtes Inserat bekannt giebt, so daß wir Familienväter, die wir ge-?, sonnen sind, unfern Kindern diesen homöopathischen Religionsunterricht zuteil werden zu lassen, der Mühe überhoben I werden, die betreffenden Adressen im Scherlschen Adreßbuch nachzuschlagen. Ohne Zweifel meldet sich jahraus jahrein eine j Anzahl von Knaben und Mädchen in dem entsprechenden , j < Alter; die Knaben machen nach „vollendetem" Unterricht ihre '; \ Sache in einer der Synagogen recht niedlich ab, indem sie in der Regel die übliche Gebetssormel beim Vorlesen aus der j Thora, die ihnen in lateinischer Schrift vorgeschrieben ward, ||| ziemlich gut hersagen; die Mädchen hingegen werden an einem '* '; Sonntage — in der Regel am Pfingstsonntage — „konfirmiert", bei welcher Gelegenheit die Backfischchen allerliebst «i, aussehen. Gesang und Predigt fehlen natürlich auch nicht und das Judentum ist — wer möchte dies bestreiten? — voll- I; ständig „gerettet." |i All diese Veranstaltungen gefallen mir ausnehmend gut. |li Aber es will mir die eine Frage nicht aus dem Sinn: Wo 1: sind nun die Juden, welche unsere Gemeinde seit einem? halben Jahrhundert großgezogen? oder, wenn wir nicht so weit zurückgehen möchten, wo sind die für das Judentum und t |; sein Schrifttum begeisterten Jünglinge und Jungfrauen, die, nachdem sie den „Konfirmanden-Unterricht" unserer Rabbiner genossen, nachdem sie am Konfirmationstage Gesang und Predigt gelauscht, nachdem sie feierlich gelobt haben, dem % Judentum alle Tage ihres Lebens treu zu bleiben, das geä worden sind, was wir von ihnen zu erwarten berechtigt waren? Wo sind sie nun alle, die hoffnungsvollen Jünglinge; und Jungfrauen Israels, um deren religiöse Erziehung unsere J. Gemeindeverwaltung sich verdient gemacht? Ich möchte sogar Ibei dieser Gelegenheit in aller Bescheidenheit eine zweite Frage ’ I j an die Verwaltung der jüdischen Gemeinde zu Berlin richten: 3; Ist es bisher noch nicht vorgekommen, daß einer der unter- J; richteten Knaben eine besondere Begabung für das Studium ]: der jüdischen Wissenschaft und der jüdischen Theologie gezeigt? Wäre es vielleicht in diesem Falle nicht eine dankenswerte \ Aufgabe, den weitern Bildungsgang eines solchen Knaben mit - Aufmerksamkeit zu begleiten, ihn in seiner Neigung zu fördern H Z und richtig vorzubereiten, um vielleicht für die Zukunft in ihm einen tüchtigen Theologen, einen begabten Rabbiner, einen kenntnisreichen Prediger zu besitzen? Gewiß erfreut sich die Gemeinde von Berlin derzeit bedeutender Rabbiner, welche durch ihre wissenschaftlichen Arbeiten eine Zierde der Judenheit sind und deren geistvolle Predigten auf uns einen er- : ziehlichen Einfluß üben. Aber so unsterblich unsere gegenwärtigen Rabbiner auch sein mögen, was würde es schaden, wenn man rechtzeitig für einen würdigen Nachwuchs sorgen wollte?; Nun, wir wollen die Wahrheit ohne jede Umschweife aussprechen: Unser sogenannter Religions- und Konfirmanden- Unterricht liegt sehr im Argen und bedeutet nichts weiter als eine Selbsttäuschung, mit der man das mahnende Gewissen zu betäuben versucht. Der Knabe, der im elterlichen Hanse ^. ohne jeden Kontakt mit dem Judentum lebt, wird nicht in g einer oder in zwei Stunden wöchentlich die Religion erlernen, noch viel weniger geschieht dieses im sogenannten „Konfir- |• manden-Unterricht". Ueberdies ist das Ganze keine jüdische i