Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- Seite 683 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 683. entspringt mcht fwbcttt ausrütteln stürzen eingelernte» verzwereln nnbl nicht Regeneration scheinbar treit, welche an den hew - rgernis nehmen. Unfern * .! seit Jahren dem Judenwir die Worte Jbn- 8 un einmal drehen, en, Biedern ehen, Zedern ngesehen. chlechten Wichte, tzig blähen! — toifltlniij.“ nkfurt a. M„ im Oktober Spannung der Kräfte des Geistes und Gemütes kund; aber die Entladung ist zu blitzartig, es fehlt der Edison, der in geduldigem Zusammensügen und Prüfen und Erproben dem mächtigen Strome die brauchbare Lampe darbietet. Offenbar sind es die zwei sehr wichtigen Probleme des Judentums der Gegenwart, die dem ganzen Gedankengange zu Grunde liegen: 1) wie steuert man dem Verfall des synagogalen Lebens, 2) wie steuert man der immer mehr anschwellenden Flut der religiösen Unwissenheit im Judentums. Eine der beliebtesten, frappantesten Formen der Jeschiba- Pilpulistik ist nun die Methode: chodo meturezes bachawerto, zwei Fragen reciprok zu beantworten, eine durch die andere, etwa in der Weise, wie die neueste Medizin Careynom durch Erysipel zu heilen sucht. In dieser Form sollen nun auch die zwei Krankheiten des modernen Judentums: „Leere Synagogen" und „Unwissenheit" geheilt werden. Und zwar wird so argumentiert: Die Synagogen sind leer, weil die Predigten die Tendenz der „Erbauung" haben; fort mit der Erbauung und den erbaulichen Predigten und an deren Stelle „Vorträge der Belehrung"! Dann werden sich die Synagogen füllen, die belehrenden Vorträge werden einen mächtigen Magnet für das Publikum bilden, und die Folge ist dann von selbst: Sieg über die Unwissenheit. Das ist der eigentliche Kern des Artikels, alles andere ist — wenn ich einen Ausdruck aus der Architektonik gebrauchen darf — Karikaturen-Ornamentik. Vor allem, um nach der Methode der heiligen Schrift (s. Raschi zu Genes. 37, 1) das Nebensächliche zuerst abzuthun, eine kurze Beleuchtung dieser Karikaturen. Diese sind ja, wie ich zugeben muß, sehr interessant, aber es sind doch — Karikaturen, künstliche Verzerrungen. „Es wäre schon dadurch viel gewonnen, daß die Vortragenden nicht gleich den Predigern immer dieselben Redensarten gebrauchen könnten." Wenn appeler un chat un chat ein Vorzug ist, so ist die Wiederholung derselben Redensarten wahrlich der geringste Fehler der Predigten. Diese Eigentümlichkeit teilt die Predigt notwendig mit allen Produkten des Geistes: sobald man über denselben Gegenstand spricht, wird man mehr oder weniger auch dieselben Worte, over wenn man karikieren will: „Redensarten" gebrauchen. Das ist in der Mathematik und in der Physik nicht anders und ebenso in der Chemie und in der Geschichte. Ein „Winkel" muß eben ein Winkel, der Hebel ein Hebel, Sauerstoff muß Sauerstoff und die punischen Kriege müssen die punischen Kriege genannt werden, man mag einmal oder tausendmal darüber sprechen. Warum sollte es in der Predigt anders sein? Man kann wohl Gott den Ewigen, oder das unendliche Wesen, oder den Allbarmherzigen rc. nennen, aber diese Ausdrücke müssen wiederkehren, so oft man eben über Gott spricht. Das wird bei den belehrenden Vorträgen in 8pe gerade so sein: wer über Rabbi Jochanan den Saccai sprechen wird, wie dies übrigens auch von „Predigern", z. B. Jellinek, geschah, der wird — eben über Rabbi Jochanan den Saccai sprechen. Sollte Herr S. B. wirklich von den vielbespöttelten „Kollegien-Hesten" der Universitäts-Professoren noch nie etwas gehört haben? Sobald einer sprachlichen Auseinandersetzung und überhaupt einer Darstellung etwas Objektives zu Grunde liegt, da werden die Hauptelemente sich unvermeidlich wiederholen müssen. Diese Schwäche, wenn es eine Schwäche ist, hat sogar die alles vermögende Natur mit der Kunst gemeinsam. Wenn die Natur einen Baum in die Erscheinung bringt, muß sie immer wieder Wurzel und Stamm und Ast und Zweig und Blatt und Blüte und Frucht dazu nehmen. Sie kann in Nebendingen, in der Länge und Anzahl der Wurzeln, im Umfang des Stammes rc. sich Variationen gestatten, aber in der Hauptsache muß ein Baum die Bestandteile eines Baumes, ja jede Eiche die einer Eiche, jedes Maiglöckchen die des Maiglöckchen, jeder Elephant die des Elephanten rc. rc. haben. Keine Predigt der Kanzel zeigt so viel Wiederholungen derselben Arten ihrer Bestandteile wie die Predigt der Natur. Das Interessante liegt eben in der originellen Behandlung, in der eigentümlichen Zusammensetzung schon gegebener Teile, wie schon Buffon sagte: Le style c’est l’homme. Nein, nicht die Wiederholung derselben Redensarten ist das, was man einer Predigt zum Vorwurf machen kann, sondern das Gegenteil: neue Redensarten ohne neuen Inhalt, leeren Wortschwall. — Herr S. B. sagt: „Es gab Zeiten, wo der Hohepriester unwissend wie ein moderner Reform-Rabbiner war." Aber, mein Gott, hat denn nur der moderne orthodoxe Rabbiner das Privilegium der Unwissenheit? Wer die anerkannten talmudischen Koryphäen, z. B. den verstorbenen Würzburger Rabbiner oder den Rabbinats-Assessor E. Rosenstein in Berlin rc. über die Gelehrsamkeit ihrer akademisch gebildeten orthodoxen Kollegen urteilen gehört hat, der wird im Namen der Orthodoxie noch seinem Schöpfer danken, daß es auch unter den Reform-Rabbinern Ignoranten giebt. In Bezug auf Unwissenheit können sich die orthodoxen Rabbiner unserer Tage wahrlich mit den Reform-Rabbinern messen, die wenigen orthodoxen Rabbiner, die noch über ihre Kollegen emporragen, haben sich ihr Wissen wahrlich nicht in ihrem Seminar geholt, sie haben es noch aus ihrer anteseminaristischen Jugendzeit, wo sie in Polen oder in Ungarn vielleicht eine Jeschiwa besuchten, aber solche giebt es auch unter den Reform- Rabbinern. — Gilt dies von talmudischer Gelehrsamkeit, so gilt dies noch mehr in Bezug auf die übrigen Disziplinen der jüdischen Wissenschaft: Geschichte, Litteratur, Exegese rc. In diesen Fächern wird man wohl ein Verdikt zu Gunsten der Reform- Rabbiner fällen müsfen, was ganz natürlich ist, da diese mehr Zeit für diese Studien haben, indem sie nicht auf das „vorgeschriebene" Studium des Talmud regelmäßig einige Tages- Stunden verwenden und auch sonst durch Synagogen-Besuch, Schaales-Paskenen, Mikwe-Revidieren u. dgl. nicht in ihrer Zeit so in Anspruch genommen sind wie der orthodoxe Rabbiner. Also warum die Unwissenheit als ein Charakteristikum des Reform-Rabbiners? Der unwissende „Herr Hoheprister" (ischi cohen gadol) war doch wohl kein Reformer? Schließlich ist übrigens die Ausarbeitung eines „belehrenden Vortrages" auch keine größere Herkules-Arbeit, als die einer erbaulichen Predigt. Zu einem „belehrenden Vortrag" hat man doch schon seinen Geiger, seinen Grätz, seinen Zunz, seinen Kayserling, sein „Magazin", seine „Monatsschrift" rc., zur Predigt hat man doch nur-Maybaums Homiletik; steht dieses Werk so hoch in der Schätzung des Herrn S. B.?