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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-10-09 · 41 (9.10.1896) · p. Seite 682

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
41 (9.10.1896)
Date
1896-10-09
Page
Seite 682 (sequence 6)
Language
German
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Seite 682. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. allerdings jedem Ernstdenkenden das Judentum verleidet. Herr Nordau beklagt es, daß sich die geistig hervorragenden Männer, nicht nur die Streber und Stellenjäger, vom Judentum lossagen. Nun ja, dies ist ja leider wahr. Aber die Schuld daran trägt nicht die Gesamtjudenheit Deutschlands oder Westeuropas, sondern die Gemeindeverwaltungen, welche in der Regel überaus miserabel sind. Was soll einen geistig hervorragenden Juden an die Gemeinde fesseln? Etwa der angenehme Anblick, wie überall der Geldsack, Nepotismus und Protzentum herrschen? Herr Nordau kennt das jüdische Gemeindeleben nur von der gesellschaftlichen Seite und kann sich daher nicht den beklagenswerten Umstand erklären, daß diejenigen Männer, welcher der Judenheit zur Zierde gereichen würden, dem Judentum den Rücken kehren. Wir hingegen bewundern die Fülle von Idealismus, der noch immer in unserem Stamme steckt, daß es noch immer Männer in unserer Mitte giebt, welche ihre Schultern wund drücken in dem Wälzen des Sisyphussteines, welche unverdrossen ankämpfen gegen Dummheit und Gemeinheit und zum Lohne nichts erhalten als Ehrabschneiderei und Verleumdung — daß diese Männer dem Judentum treu bleiben, ist das größte Wunder und zeugt von der Lebensfähigkeit unseres Stammes. Aber eben deshalb erscheint uns eine Gesundung des öffentlichen Lebens möglich. Die Neubelebung unseres Stammes muß vom Volk ausgehen, von jenen Schichten, die sich von den Schäden der Scheinkultur freigehalten haben. In den großen Gemeinden müßte die Oligarchie gestürzt, die Verwaltung aus den Händen jener Elemente genommen werden, die darin nichts weiter als die Befriedigung ihres Ehrgeizes finden, welche in der Regel der Sache selbst kein Verständnis entgegenbringen, sondern alles durch einen Söldling machen lassen, der orthographisch zu schreiben versteht. Es muß vor allem mit den Vorurteilen gebrochen werden, nach welchen, wie Lessing sagt, die reichen Juden auch die besseren seien. Wenn die Oligarchie nicht mehr herrschen wird, so hören auch von selbst die skandalösen Zustände in der Gemeindeverwaltung auf. Warum hatten die Gemeinden früher große und bedeutende Männer als geistige Führer, und warum begnügen sich heutzutage die meisten Gemeinden mit verkrüppelten Zwergen? Weil in der guten alten Zeit bei den Juden das Wissen allein den Rang gab und die Männer, welche an der Spitze der Gemeinde standen, nicht immer durch Reichtum, aber stets durch großes Wissen hervorragten. Noch vor hundert Jahren war es innerhalb der jüdischen Gemeinde zu Berlin ein Ereignis, wenn da ein großer Mann, das heißt ein berühmter Gelehrter, zu Gast weilte, wenn ein solcher aus dem Leben schied, wenn ein gutes Buch erschienen, eine geistreiche Bemerkung gefallen war. Man wußte sehr gut in Berlin, wenn es sich um die Besetzung des vakant gewordenen Rabbinats handelte, wo ein bedeutender Gelehrter zu stnden war. Heutzutage schreibt die Berliner Großgemeinde einen öffentlichen Konkurs aus und wählt dann den ersten besten „Redner", der eine Predigt abzuschreiben und mit schauspielerischem Talent vorzutragen weiß. Und da soll in der Gemeinde geistiges Leben herrschen, sollen sich die gebildeten Juden von dem geistigen Gemeindeleben befriedigt fühlen? Die Fahnenflucht, die augenblicklich grassiert, ist dort, wo sie nicht egoistischen Motiven entspringt, in den meisten Fällen dem unerquicklichen Gemeindeleben zuzuschreiben. Aber deshalb verzweifeln wir noch immer nicht, sondern wir müssen kämpfen, das eigentliche Volk ausrütteln, um die Oligarchie, die uns in diesen Sumpf geführt, zu stürzen, und mit derselben alle Pagoden, die vor ihr ihre eingelernten Bücklinge machen. Wir wollen von dem Baume des Judentums das Schmarotzergewächs entfernen, damit es zu neuem Leben emporblühe. Nein, trotz alledem verzweifeln wir nicht an der Zukunft unseres Stammes, aber wir wollen nicht die alte Mißwirtschaft dulden. Wir glauben an eine Regeneration, an eine Wiederauferstehung des Judentums. Denn haben auch unsere „Großen" das Judentum scheinbar tot gemacht und eingesargt, so hoffen wir, daß vom Volk aus ein neuer Impuls ausgehen werde, das Volk wird den Sargdeckel sprengen und die Totenwärter sortjagen. Für dieses Ziel kämpfen wir, dazu rufen wir alle in den Streit, welche an den herrschenden Zuständen gleich uns Aergernis nehmen. Unfern hochmütigen Oligarchen aber, welche seit Jahren dem Judentum das Grab schaufeln, rufen wir die Worte Jbn- Gabirols zu: 's ist nun des Frevels g'nug geschehen; Kannst, Welt, dein Rad nun einmal drehen. Hast lang genug die Weisen, Biedern Zu Sklavendiensten ausersehen, Ist lang genug, daß edle Zedern Gestrüpp' gleich worden angesehen. Ach, schaff' mir weg die schlechten Wichte, Die, doch so hohl, sich trotzig blähen!- „Gottesdienst «ttb Kolksdetehrnng." M. Frankfurt a. M., im Oktober. I. Geniale Ideen, wenn sie auf die Entwicklung der Verhältnisse segensreichen Einfluß üben, wenn sie resormatorisch wirken sollen, dürfen nicht dem Blitze gleichen, durch welchen die gewaltige Spannung der Elemente sich in einem Augenblick blendend entladet, um dem schnellen Aufflackern ein tieferes Dunkel folgen zu lassen. Gewiß ist im Leben des Geistes jedes große Licht nur durch Vorhandensein einer mächtigen Spannung des Gemütes möglich, aber der Mensch muß die Herrschaft darüber nicht verlieren, er muß die Spannungs- Kräfte in entsprechende Bahnen zu zwingen verstehen, in welchen sie in fortlaufendem Strome zur wohlthätigen Flamme sich umwandeln, wenn sie als ein neues, helleres Licht, das mau handhaben kann, in den Fortschritt der Geschichte fördernd eingreifen sollen. Blitzartige Entladungen geistiger Spannung gehen entweder spurlos vorüber, oder es gilt von ihnen: „Furchtbar wird die Himmelskraft, Wenn sie der Fessel sich entrafft, Etnhertritt auf der eigenen Spur, Die freie Tochter der Natur." Solche Gedanken kamen mir beim Lesen des Artikels: „Gottesdienst und Volksbelehrung" in Nr. 40 dieser Zeitschrift. In diesem Artikel giebt sich, wie in allen Arbeiten dieses ohne Zweifel geistvollen Schriftstellers, eine große, eine mächtige

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