Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- Seite 680 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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•iH •wä' ■ H h$ 'v-' HfcT -?f;!■ Seite 680. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. Konzilianz und Bartpomade duftenden Räumen des modernen Salonrabbinertums Atembeschwerdcn bekommen hat, der atmet in der Nähe dieses würdigen Mannes erleichtert auf. Es ist das anheimelnde alte Judentum, das uns empfängt, der ehrwürdige aber nicht ehrgeizige jüdische Raw, der zu uns spricht, die Weisheit Schammais und die Milde Hillels, nach der erlebt und lehrt. Die Weisheit Schammais findet in unsrer weichlichen Zeit nicht die mindeste Anerkennung, die Milde Hillels dagegen eitel Bewunderung. Wer kennt sie nicht, die Geschichte von dem Heiden, der die ganze Thora lernen wollte während er auf einem Fuße stand! Er kam zu Schammai und wurde zur Thüre hinausgewiesen, er kam zu Hillel und wurde belehrt, daß die Nächstenliebe das ganze Gesetz ausmache; alles andere in der Thora sei nur ein Kommentar, den man freilich lernen müsse. Hillel war ein milder Mann und Schammai war ein weiser Mann. Schammai mochte nicht das, was sein ganzes Leben und Denken, das ganze Denken seines Lebens aussüllte, zu einem Sprüchlein gestalten, das man in fünf Sekunden hersagen, in zehn erlernen und in zweimal zehn — vergessen kann. Aus einer solchen Lehre wird leicht eine Katechismusreligion, die man seinsäuberlich aus einige Seiten hinschreiben, in einigen Tagen, vor der „Konfirmation", einpauken kann, — eine Bibel in der Westentasche, ein religiöser Kikajon, über Nacht entstanden, über Nacht entschwunden. Quod cito fit, cito perit. Oberrabbiner Hirsch hält es mit Schammai. Er lehrt nicht nur die Kleinen, sondern auch die Großen; nicht blos in der Synagoge, sondern auch in seinem Hause. Man vermeint sich in eine längst entschwundene Zeit versetzt, wenn man an geschäftsfreien Tagen moderne Männer, mit dicken Folianten unter dem Arm, zu ihm wallen sieht, um in dem Hause des Rabbi zu lernen, was die Religionsschule nicht zu bieten vermochte, dessen Kenntnis aber zum Religionsleben unstreitig gehört. Oberrabbiner Hirsch hält es mit Hillel. Frei von jedem Zelotismus, steht er auch dem Andersdenkenden Rede, vermag er sich in die Wünsche und Bedürfnisse desselben hineinzuversetzen. Er macht keine Konzessionen, er heischt aber auch keine Konzessionen, getreu dem überirdischen Rufe, der, nach einer talmudischen Legende, in einem Streite zwischen dem Hause Schammais und dem Hause Hillels entschied, daß die Lehren des einen wie des andern „Worte des ewiglebenden Gottes" seien. Was der übergroße Eifer seines entschlafenen Vorgängers verfehlt, versucht er gut zu machen; was jener getrennt, versucht er zu vereinigen, durch Lernen sich, durch Lehren seine Gemeinde zu festigen. Auf anderem Wege zu dem nämlichen Ziele zu gelangeu, sind die Prediger des Tempelverbandes, DDr. Leimdörser und Seligmann, bemüht. Da ihre vornehmste Berufsthätigkeit sich auf die Kanzel erstreckt, so müssen wir die Prediger der Tempelgemeinde vornehmlich als Kanzelredner zeichnen. Leimdörfer ist den Lesern dieses Blattes kein Fremder; sie kennen ihn aus ganzen Vortragscyklen, die hier veröffentlicht worden sind und ihn als einen eigenartigen, gedankenreichen und selbständigen Redner zeigen. Leimdörfer hat sich seinen großen Lehrer, den uns unvergeßlichen Jellinek, zum Vorbilde genommen, und für Meister und Jünger gleich ehrenvoll ist das Zeugnis Jellineks, daß Leimdörfer sein bester Schüler gewesen, daß er auf dem Wege sei, seinen Lehrer zu erreichen. Jnderthat ist Leimdörfer einer der zündendsten und anregendsten Prediger, die ich in Deutschland gehört, von einer feurigen Phantasie und bilderreichen Beredsamkeit, die auch den gegen die Eindrücke der Predigt ein wenig Abgehärteten unwiderstehlich packt. Seine Predigten locken stets eine große Zuhörermenge an; nicht zuletzt sind es die sachkundigen slavischen Juden, die die Hallen des freundlichen Tempels füllen und die unsäglich langweiligen portugiesischen Sangesweisen des Vorbeters in Rücksicht auf die zu erwartende Predigt über sich ergehen lassen. Für das ernste Streben seines Amtsgenossen Dr. Seligmann zeugt der Umstand, daß er seine Position seit Jahren trotz und neben Leimdörfer behauptet und sich der Sympathien des Publikums erfreut. Die Tempelgemeinde hat durch die Anstellung Seligmanns Sachkenntnis bekundet, denn die beiden Prediger — man verzeihe diesen vulgären Ausdruck! — konkurrieren nicht miteinander, sondern ergänzen einander. Leimdörfer ist der romantische, Seligmann der aktuelle Redner; jener predigt mehr die Vergangenheit, dieser mehr die Gegenwart; jener mehr die Lehre, dieser mehr das Leben; beide wollen das Leben durch die Lehre läutern, den Gemeinsinn festigen, das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Die Ausrichtung. Von Dr. S. Bernfeld. Es war ein umfang- und inhaltreiches Sündenregister, das Herr Dr. Max Nordau in der vorigen Nummer dieser Zeitschrift der jüdischen Leserwelt vorgehalten hat. Kleinlich und oberflächlich denkende Menschen werden gewiß dem wahrheitsliebenden und gewissenhaften Warner zürnen, der einen so schrillen Warnungsrus hat ertönen lassen mitten in der idyllischen Ruhe, die uns umgiebt, mitten im somnambulen Schlaf, in den wir verfallen sind und von welchem säst kein Erwachen möglich erscheint. Hingegen werden all diejenigen, die es mit unserem Stamme aufrichtig gut meinen, denen es ehrlich darum zu thun ist, eine Neubelebung herbeizusühren, dem geistvollen Schriftsteller Dank wissen, daß er mit Ernst und in eifriger Psiichtersüllung die Sonde tief in die infizierte Stelle unseres Organismus geführt. Möge es für den Augenblick noch so schmerzhaft sein, wir dürfen dennoch nicht dem gewissenhaften Arzte zürnen, der nicht den Charlatanen gleichthun will, welche den Kranken „schonen," um ihn desto sicherer dem Tode zuzusühren. Könnten wir über unseren Stamm mit derselben objektiven Ruhe, mit der historischen Uninteressiertheit urteilen und schreiben, wie man etwa über die Assyrer oder Phönizier interessante Essais zu schreiben gewöhut ist, so wäre es für mich eine große Genugthuuug, vonseiten des Herrn Dr. Nordau all das wiederholt zu lesen, was ich in dieser Zeitschrift seit einem Jahre nach verschiedenen Seiten hin betont und hervorgehoben habe. Was bei mir als galliger Pessimismus, von übelwollender Seite vielleicht als Schmähsucht ausgelegt worden ist, finden wir in den Ausführungen des Herrn Nordau in objektiver wissenschaftlicher Form. Das Resultat unserer Nr. 41 Beobachtungen ui Herr % Nordau beim Arzte gcwo! ich mitten in di> Zchmerz mit empi Wunde verursacht Aber da es lhun ist, so will id vielmehr gegen die >o schlimm wie es da geschik 7 Hustän er kann auch gegen von außen einwirken erkennt und den seiligen. Herr Tr. Nor Tecadence zeigt, seitig sein. Vor gaben wie jeder den anderen Lebens ja bekanntlich uns« schiedenen Weltteile nissem Es fällt da sür die körperliche Herr Tr. Nor! bauer werden, um Natur neue Kräst