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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-10-02 · 40 (2.10.1896) · p. Seite 664

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
40 (2.10.1896)
Date
1896-10-02
Page
Seite 664 (sequence 4)
Language
German
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Seite 664. Allgemeine J-raelitische Wochenschrift. Nr. 40 Auch die Stärkung des jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühls wäre zu versuchen. Unsere Feinde sagen uns ja nach, daß wir es in hohem Maße besitzen; das ist aber leider eine gänzlich falsche Behauptung. Das heutige Judentum kennt keine innere Solidarität Nur die Verfolgung hält es mit ihrem eisernen Reif noch einigermaßen zusammen. Ohne die Feinde, die uns gewaltsam alleinander drängen, uns gleichsam in ein moralisches Ghetto pferchen, würden wir wie eine auf* gebundene Garbe auseinander fallen. Die Antisemiten machen alle Juden für jeden Fehler, jede Sünde irgend eines einzelnen Juden verantwortlich. Sie üben allerdings die Solidarität der Juden, zu deren Schaden. Da wäre es doch das wenigste, daß wir ihnen die Solidaritär unserer Vorzüge entgegensetzten. Aber das fällt uns nicht ein. Wenn irgendwo ein Jude betrügt oder stiehlt, so heißt es: „Die Inder: sind Diebe und Betrüger", und jeder von uns läßt den Kopf sinken und schämt sich des jüdischen Betrugs und Diebstahls. Wenn aber ein Jude zu den ersten Forschern, Schriftstellern, Dichtern, Künstlern der Zeit gehört, so sagt kein Antisemit: „Die Juden sind große Talente", und keiner von uns denkt daran, den Erfolg des jüdischen Talentes ein ganz klein ivenig als seinen eigenen Erfolg zu empfinden. Wirst man alle Thaten von Stammesangehörigen zu einer Masse zusammen, dann doch die guten ebenso wie die schlechter!! Dann sehe man uns die jüdischen Talente auf allen Gebieten ebenso auf die Rechnring wie die jüdischen Bankbrüchigen, und der Jude lerne, auf die hervorragenden Geister seines Stammes stolz zu sein, wie er über dessen Abfälle betrübt ist. Diesen Stolz kennt er aber kaum. Jeder strebende Jude findet seine bösartigsten Kritiker, seine lliedrigsten Neider, seine unversöhnlichsten Gegner unter seinen Stammgenossen. Das Judentllin ist gegen seine Talente gleichgiltig. Es beachtet sie nicht. Es kennt ihre Namen nicht. Wenn es sie kennt, schätzt es sie gering oder verspottet sie und beginnt sie erst zu würdigen, wenn Nichtjnden sie dazu förmlich zwingen. Das ist vielleicht der Grund, weshalb die jüdischen Talente sich vom Judentum lossagen. Also: Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls, Würdigung aller jüdischen Geistesthaten, Ausrichtung des Selbstbewußtseins, leibliche und geistige Nengeburt durch Rückkehr zum Ackerbau, das fiub oie Mittel, die, kräftig und allsdauernd angewandt, die geschichtliche Jlldividrlakität des jüdischen Stammes vielleicht vor dem drohenden Untergänge bewahrell können. Gottesdienst und Hglhbcicljruitg. Während der hohen Festtage, die wir in den letzten Tagen gefeiert, hatten wir reichlich Gelegenheit, die Fülle von Belehrung zu bewundern, welche in unserer synagogalen Poesie zu finden ist. Man muß nur bedauern, daß diese religiösen Dichtungen in unseren Tagen nicht mehr verstanden werderi, daß man nicht einmal ihre Tendenz kennt. Denn abgesehen von dem unvergleichlichen poetischen Wert dieser liturgischen Stücke, enthalten sie zugleich den wissenschaftlichen Jllhalt des Judentums aus den verschiedenen Epochen. Während die älteren Kalir'schen Ptjjutim und die ans der deutsch-französischen Schule die Agadah in einer Reihe von religiösen Betrachtungen zu einem poetischen Gesamtbild verbindet, finden wir in den arabisch-spanischen Dichtungen die philosophisch-wissenschaftlichen Errungenschaften aus jener Zeit, welche für das Judentum so fruchtbar gewesen ist. Diese religiösen Dichtungen, welche einst unseren Vorfahren in der Synagoge und außerhalb derselben geistige Beschäftigung gegeben haben, sind keine Gebetstücke im modernen Sinne. Sie hattell nicht die Ausgabe, zu erbauen; sie ivaren vielmehr der Belehrung gewidmet und hatten die Ausgabe, die Geineinde zu erheben, eine Aufgabe, welche sie im vollen Umfange auch erfüllt haben. Für die gelehrten Inden jener Zeit bildeten die Pijjutiin eine Art geistiger-Erholung, indem sic ihnen das, worin sie sich sonst mit so vielem Eifer und Ernst zu vertiefen pflegten, während der Feiertage in einer poetischen Form boten; für den Laien dagegen bildeten die Pijjutiin eine Quelle der Belehrung über Materien, die ihm auch sonst nicht ganz fremd waren, die er aber eingehend zu studieren keine Gelegenheit hatte. Die Pijjutim bilden aber zugleich ein Stück unserer Geschichte; denn bekanntlich enthalten viele liturgische Stücke Erinnerungen an bllltige Verfolgungen und ausgestandene Leiden, an die wunderbare Rettung, die mancher Gemeinde in der Zeit der höchsten Not zuteil geworden. Die Pijjntim und Selichot, welche zum Andenken an solche Ereignisse gedichtet worden, sind oft die einzig gebliebenen schriftlichen Denkmäler einer sturmbewegten Zeit. In unseren Tagen ist der Hintergrund, auf dem jene religiösen Dichtungen entstanden, unbekannt, weshalb uns auch diese liturgischen Stücke geistig entfremdet worden sind. Selbst die besten llnd gelungensten Uebersetzungen sind nicht imstande, dem großen Latenpublikum Verständnis für unsere synagogalen Poesien beizubringen. Zunz hat vor einem halben Jahrhundert den Versuch gemacht, dem großen Publikum die Kenntnis der geschichtlichen Ereignisse beizubringen, denen unsere synagogale Poesie entsprossen ist; aber leider hat er nichts erreicht, als daß er selbst nur für einen enger» Kreis wirken konnte, während er sonst unbekannt geblieben ist. Nun denn, wir können uns wohl denken, daß den weiteren Kreisen der jüdischen Bevölkerung die Pijjutiin, die für den Kenner die Quelle der Erhebung und der geistigen Erholung bilden, eine unerträgliche Last geworden, weshalb an die Beseitigung dieser liturgischen Stücke geschritten werden mußte. Aber wenn wir die Thatsache selbst vielleicht unter den obwaltenden Verhältnissen schon gut heißen lvollten, können wir es unmöglich rechtfertigen, daß man die Telldenz, welche jenen poetischen Erzeugnissen zugrunde lag, nämlich die Syilagoge zur Stätte der Volksbelehrung zu machen, vollständig vernachlässigt hat. Anfänglich sollte die Predigt die Pijjutim ersetzen. Aber die moderne Predigt ist der „Erbauung" gewidmet, die wir Juden weder wollen noch brauchen. Uns thut Belehrung not, und die bietet uns unsere Predigt nicht. Ich glaube daher, daß es eine nützliche Anregung wäre, die hohen Festtage, in welchen die Synagogenbesucher eine große Empfänglichkeit für die ewigen Wahrheiten des Judentums milbringe», wiederum zur Belehrung der Gemeinde zu bestimmen, indem statt den „erbauenden" Predigten, die sich bereits vollständig überlebt und den Gemeinden lästig geworden sind, Vorträge über den geistigen Inhalt des Judentums, über seine Geschichte und

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