Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-09-25 · 39 (25.9.1896) · p. Seite 655

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
39 (25.9.1896)
Date
1896-09-25
Page
Seite 655 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610407--1742-9610418
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Vir. 39. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 656. Nr. 39. W» wie es war, als fzurecken, daß die Pestienschen in Egyptenland, raufreckte, fiel der Hagel wit ihm und verwüstete den Jüngling übermütig Alten ins Wort: er, denn als ich vor dem rch die Luft und wach» r vor meinen Augen die Hand aufreckte," fuhr iveinschwerer Zunge fort,! der Strom stinkend ward d, als ich vorüberschrill. Salut, den wir heule gickte ängstlich vor sich him sich und ruhten mit um r roten Blutstropfen, der Schweiß brach mzenden Perlen heirm andern Male em istern des Jüngling- >r ihm auf den Ä mng in dem GGlhie bevoll zu ihm. - Füsse mich, mm Dein Kuß ist mm das auf den Tod getroffene Wild mit brechenden Füßen das dickichtumwobene Lager aufsucht, auf einsamer Stätte sein Leben auszuhauchen. Anders floh er davon und nach anderem Ziel, es war der einzige Blitz, der aus seinem Geiste, über den die Nacht hereinbrach, aufsuchte und den lichtlosen Pfad vor ihm erhellte. Die Judengasse hinunter, immer hastiger, immer angstgepeitschter; seine Brust stöhnte und er stürzte zu Boden, ein Blutstrom brach aus seinem Innern und quoll über seine Lippen. Er raffte sich auf und eilte weiter, mit schwirrender Geißel saß der eine Gedanke in seinem Nacken und trieb ihn vorwärts-da lag das geschlossene Thor vor ihm, kein Ausweg in der Höhe, zur Seite, und er stieß mit dem Kopf wider das eiserne Gitter und brüllte vor Verzweiflung. Er rüttelte an den Stäben, daß sie krachten und sich bogen, aber sie wichen nicht. Er fühlte, wie seine Kraft verrann, wie es vom Herzen erstarrend heraufzog, und er schrie wie nur der Wahnwitz, wie nur der Jammer der Liebe schreit, — da kam ein Licht aus dem Thorhause, und ein Mensch mit langem, schlotterndem Rock, an dem ein Schlüsselbund widerklirrte. Er trat in die Thür und fragte näselnd, wer durch die Nacht schreie und lärme — „Ich bin krank, ich muß hinaus," stöhnte Helletn atemlos, „öffne —" „Wenn Du bist im Ghetto um diese Stunde," antwortete der Hüter, „so mußt Du sein von unserm Volk, und weißt, daß ich nicht darf offen machen die Thür, und bötest Du mir tauseud Goldgülden, weil die Christen würden Rache nehmen dafür und das ganze Volk dafür strafen, daß ich hätte übertreten ihr Gesetz." „Oeffne," jamnterte der Jüngling, „und Dein Volk wird Dich segnen —" „Wenn Du bist krank," sagte der Thorwart mitleidig näher tretend und mit der Lampe das Gesicht des Fremden beleuchtend, „so gehe jtt Tobias, welcher ist mein Vetter und ein großer Heilkünstler in unserm Stamm —" Aber Hellem ließ ihn nicht ausreden, er packte den Arm des Juden und schleuderte ihn gegen das Thor. „Oeffne," ächzte er mit letztem Atem, „denn ich töte Dich mtd Dein Volk, — ich selbst bin der Tod — ich habe die Pest —" Der Thorwärter stieß einen dumpfen Schrei des Entsetzens aus, die Lampe entfiel seiner Hand und erlosch, mit zitternden Fingern tastete er nach den Schlüsseln, und die Angel kreischte aus, uub er fühlte schaudernd, wie der Körper des Jünglings an ihm vorbcifiel imb in dumpfem Sturz auf den Steinrand des Christenbrunnens zusammcnbrach, der das Ende der Straße begrenzte. Es war das letzte, was Hellem vernahm. Er hörte noch, wie der Alte hastig das Thor hinter ihm zuschlug, daß es dröhnend durch die stacht verklang, nnb einsam, blut» Gedeckt und sterbend lag er draußen in der Christenstadt, bleischwere Finsternis zog über seine Augen und die Besinnung verließ ihn. Zweites Kapitel. Frisch und lachend wie das Frührot, mit dem sie das Häuschen am Thor verlassen, wanderte Sybille durch die Straßen. Sie trug einen Korb am Arm und ging zwischen den Weibern umher, die mit der Sonne ihre Buden aus dem Markt bezogen und Lebensmittel seilboten. Verständig prüfte das Thorwärtertöchterlein die dargebotene Ware, sie feilschte und handelte nicht, ihre Art hatte etwas Entschlossenes, das man hinter dem zierlichen Köpfchen nicht suchte. Doch ihr Gesicht blieb immer fröhlich, auch wenn die nußbraunen Zöpfe sich im Morgenwind lösten und ihr um den Nacken flogen. Ruhig band sie die Widerspänstigen auf und blickte klug in den Tag hinein, und .den Vorübergehenden unbekümmert gerade in die Augen. Verwundert that sie es, denn es kam ihr vor, als gingen und bewegten die Leute sich heut anders als sonst. Sie schienen sich sorgfältiger auszuweichen, und wenn zwei, die sich begegneten, inne hielten und mit einander redeten, so standen sie sich entfernt gegenüber und sahen sich prüfend und zweifelnd ins Gesicht. Eine hastige Unruhe lag auf den Straßen, die dem Mädchen auffiel. Manchmal erhorchte sie ein Wort, das sie nicht verstand. „Es ist gestern einer gekommen," sagte jemand in ihrer Nähe, „und alle, die er angesehen, sind hin und keiner sieht heut die Sonne mehr." Sybille grübelte vergeblich über den Sinn der Worte und trat dichter an die Redenden. „Ich selbst sah einen Umfallen auf der Straße," versetzte ein anderer, „der gesund und sorglos anssah wie ich —" „Gebt Acht, die Juden stecken wieder dahinter," zischelte eine Stimme zwischen sie hinein. Es war ein junger Mensch mit frechem, anmaßenden x Aeußeren, der ausgeputzt und junkerhaft hinzutrat. Er trug ein Baret, unter dem häßliches, fuchsrotes Haar hervorquoll, von seiner Schulter fiel ein vorn mit einer kunstvollen Agraffe zusammengehäkelter kurzer Mantel, den ein langer Raufdegen überragte, auf dessen Griff seine langfingerige, aus Spitzenfalten kriechende Hand herausfordernd lag. Die beiden ersten Sprecher machten ihm eine halb unterwürfige Verbeugung, als er näher kam. Ihr Benehmen und Wesen hatten Aehnlichkeit mit dem seinen, nur überbot er sie gleichmäßig mit der Eleganz seiner Kleidung und Unverschämtheit der Miene. „Schon so früh fort von der schönen Gerlinde, Gras Honsried," lachte der erste von ihnen, „oder habt Ihr heut anderswo übernachtet?. Alan sagt, Ihr besitzt einen goldenen Hauptschlüffel für alle Riegel, selbst für die Klöster der frommen Schwestern, wenn es not thut." (Fortsetzung folgt.) * Die Erbin des Baron Hirsch. Dem Börsen-Conricr wird aus London geschrieben, daß die Erbin des Baron Hirsch seine „Enkelin" Luciana Premelic-Hirsch sei, die, sobald sie großjährig wird, 525 Millionen erben werde. Noch vor wenigen Monaten besaß sie nicht einen Heller und keinen Familien-Namen als den ihrer Mutter, denn sie ist ein uneheliches Kind. Bis zu ihrer Großjährigkeit wird Luciana

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.