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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-09-25 · 39 (25.9.1896) · p. Seite 654

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
39 (25.9.1896)
Date
1896-09-25
Page
Seite 654 (sequence 10)
Language
German
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Seite 654. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. der Humoreske: „Ein Schidduch aus Liebe."*). Abraham Brau und seine Frau Scheinche möchten gern ihre Tochter Sarche mit Hilfe des Schadchen Fuchs in Breslau unter die Haube bringen. Sarche, ein durch ernstes Fortbildnngsstreben wahrhaft liebenswürdiges Mädchen, darf aber davon nichts wissen, denn sie hält den „Schadchen" mit der tiefsten Entrüstung für einen Menschen-Verschacherer. Der Schadchen Fuchs hat einen Bräutigam für 5000 Thaler vorgeschlagen; ein anderer Bräutigam für 10000 Thaler ist dem Brau'schen Ehepaar unerschwinglich. Der Genius der Liebe hat aber gerade diesen letzteren, einen edlen jungen Mann und die liebenswürdige Sarchen für einander bestimmt, und die Liebe triumphiert über die geschäftliche Schlauheit des Schadchen und über die Kleinlichkeit der Eltern, die nur die Zahlen bei der Liebe in Ansatz brachten. Das ist in stottem Tone höchst interessant erzählt, die Personen sind getreu nach dem Leben gezeichnet, die charakteristischsten Züge sind dem jüdischen Gemeindeleben der östlichen Provinzen abgelauscht, und der Verfasser besitzt eine erstaunliche Erfindungsgabe, um die ergötzlichsten Situationen aus den Charakteren und Begebenheiten hervorgehen zu lassen. Auch eine Menge der köstlichsten geflügelten Worte aus dem Sprachschätze der Kampf-Periode zwischen Jargon und Hochdeutsch hat der Verfasser mit Glück der Vergessenheit entrissen, z. B. „Was gehts Dich an, was gehts mich an, was gehts uns an?" — oder: „Das ist ein neuer Standpunkt, möcht' Evche Baruch sagen" — oder: „Wer weiß, vielleicht hat die heutige Welt recht" u. dgl. Dazu kommt, daß die Grundlage und den Hintergrund des Ganzen die herzerquickende Innigkeit des jüdischen Familienlebens bildet, so daß sich jeder einen wahrhaft ungetrübten Genuß versprechen darf aus der Lektüre des „ Schidduch aus Liebe". Und in diesem Schidduch zwischen Verfasser und Leser möchte ich der Schadchen sein! M. Das große Sterben. Novelle aus dem deutschen Mittelalter von Wilhelm Jensen. (Fortsetzung.) Nachdruck untersagt. „Nein, Vater, auch unser Volk trifft jene Krankheit, die aus dem Morgenlande gekommen wie wir. Viele hat sie schon in Frankfurt hiugerafft in der Judengasse, und sie sind zusammen in eine Grube geworfen, weil niemand wagen wollte, sie zu bestatten; denn wie Dil sagst, sie ist tötlich schon durch den Blick, der Hauch schleppt sie weiter, die Freundschaft tötet mit einem Druck der Hand und die Liebe mit dein Kusse der Lippen." Aufmerksam horchten die Frauen; in Leas Gesicht lag Freude, daß sich das Gespräch von dem Gegenstände abgewendet, auf den ihr unbedachtes Wort es gebracht. Tamar hatte sich emporgerichtet und blickte dem Geliebten mit zärtlicherl Augen ins Antlitz; sie schüttelte den Kopf und sagte lächelnd: „Die Liebe kann den Tod nicht bringen," und neigte sich zu dem schönen Jüngling hinüber, auf dessen Wangen die Gesundheit und das Glück blühten. Fröhlich wieder schlürfte der alte Kaleb den rotfunkelnden Wein und sagte langsam: „Glaube mir, mein Sohn Hellem, es ist, wie es war, als der Herr Moses gebot, die Hand anfzurecken, daß die Pestilenz kam über das Vieh und die Menschen in Egyptenland, und wie er zum andernmale die Hand aufreckte, fiel der Hagel vom Himmel, und Ungeziefer kam mit ihm und verwüstete die Felder —" Es waren Tamars Augen, die den Jüngling übermütig gemacht, und er lachte und fiel dem Alten ins Wort: „Sie sind schon gekommen, Vater, denn als ich vor dem Thore stand, kamen Heuschrecken durch die Luft und warfen sich über mich und fraßen das Korn vor meinen Augen —" „Und als er zum andernmale die Hand aufreckte," fuhr der Alte in singendem Tone mit weinschwerer Zunge fort, „da ward alles Wasser zu Blut, daß der Strom stinkend ward und die Fische starben im Strom —" „Der Rhein floß noch glänzend, als ich vorüberschritt, Vater," lachte Hellem, „und der Salm, den wir heute gegessen —" Er brach plötzlich ab und blickte ängstlich vor sich hinunter. Seine Pupillen erweiterten sich und ruhten mit unheimlich stierem Ausdruck aus dem roten Blutstropfen, der vor ihm auf die weiße Damastdecke des Tisches gefallen. Totenblässe überzog sein Gesicht und der Schweiß brach von seiner Stirn. Langsam rollte er in glänzenden Perlen hernieder und langsam mit ihnen rann zum andern Male ein dunkler Tropfen aus den zitternden Nüstern des Jünglings und siel, von den Uebrigen unbemerkt, vor ihm auf den Tisch. Nur Tamar sah, daß eine Veränderung in dem Gesichte des Bruders vorging und neigte sich liebevoll zu ihm. Ihr dunkles Haar legte sich an seine Schläfe. — „Küsse mich, mein Freund," lispelte sie zärtlich, „denn Dein Kuß ist mein Leben." Weich, mit unendlich süßer Sehnsucht klangen die Worte in sein Ohr und umschmiegten ihn, wie die lieblichen Arme, die seinen Nacken umfaßten, und er fuhr aus aus der starren Betäubung, die ihn ergriffen, und stieß wild das Mädchen zurück und sprang aus von seinem Sitz. Sein Auge irrte wie irrsinnig über die Gesichter, die sich verwundert, sprachlos auf ihn richteten, als wolle er durchdringend in ihr Inneres hinabsehen, und dann wandte es sich plötzlich, wie von neuen Gedanken entsetzt, ab und schweifte in die Luft. Gewaltsame Ruhe zwang er über die verstörten, lcichcnhaftcn Züge, und er sagte leise, abgekehrt, als fürchte er den Hauch, der seinen Lippen entfloß: „Der Wein hat mich betäubt, ich will Luft schöpfen auf der Straße. Sucht mich nicht, ich komme zurück, wenn mir besser ist. Zündet ein Feuer von Weihrauch im Kamin und unterhaltet es fleißig und öffnet die Fenster —" Er ries es in der Thür und verschwand. Wie ein vom Hahnenschrei anfgescheuchtes Gespenst flog er die Treppe hinunter, auf die Straße m die dunkle Nacht hinaus. Alle seine Glieder waren von Todesmattigkeit durchkältet, gelähmt, sein Atem keuchte, sein Denken verwirrte sich und schwankte fieberhaft wild und irr wie die Gedanken eines Anderen an ihm vorbei. Nur ein Entschluß stand vor seiner Seele, den er mit der Kraft des Willens festhielt, und er eilte vorwärts, den Weg zurück, den er in der Dämmerung gekommen, wie das auf den Tod getro diikichtuinivobene Lager Leben auszuhauchen, derem Ziel, es war de über den die Nacht he M vor ihm erhellt hastiger, immer angstg stürzte zu Boden, ein und quoll über seine weiter, mit schwirren! seinen! Nacken und lr geschloffene Thor vor Leite, und er stieß n und brüllte vor Berzr daß sic krachten und Me, wie seine Kras starrend heraufzog, un! j I nur der Jammer der , : Thorhause, und 11 Roch an dem ein S | die Thür und fragte t und lärme — I i .Ich bin krank, il 1. los,,offne *) Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M.

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