Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- Seite 652 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 652. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. bewilligung mehr zu erteilen. Dabei nützt es den Juden blutwenig, daß es verschiedene Spezies der Antisemiten giebt, die sich gegenseitig über die Interpretation des Antisemitismus in den Haaren liegen. Wenn es zum physischen und sinnbildlichen Hanen kommt, dann sind sie einig alle — die „dummen Kerle von Wien". Was aber Wien recht ist, wird bald dem Lande Nieder- Oesterreich, das von der nächsten Winter-Saison ab einen antisemitischen Landtag, — das erste ausgesprochen antisemitische Parlament der Welt — besitzen wird, billig sein. Und vom Land zum Reich ist nur ein Schritt. Die ersten Landtagswahlen, die schlesischen, haben antisemitische Erfolge gebracht, in Mähren ist der Liberalismus selbst antisemitisch dnrchwühlt, die Regierung hat den stark antisemitisch gewürzten Katholikentag in Salzburg und den Bauerntag in Wien*) offiziell und freundlich begrüßt, die fünfte Reichsrats- Kurie, welche in einigen Monaten zum ersten Male an die Urne tritt, wird eine ganze Reihe neuer klerikal-antisemitischer und christlich-sozialer Abgeordneter ins Reichsparlament bringen, — eine unabsehbare Ausdehnung des Wiener Systems aus das übrige Oesterreich steht also bevor. Im ganzen und großen sehen nun auch alle österreichischen Juden — bis auf wenige Ausnahmen, von denen oben die Rede war, — die Gefahr ein, in der sie schweben, und denken über die Mittel nach, welche Rettung bedeuten würden. Es kommen da viele und weit auseinandergehende Ansichten zum Vorschein, eine ganze Skala, angefangen von der jüngst vorgeschlagenen Lösung durch den „Judenstaat" bis zu den ältesten Theorieen von radikaler Assimilation durch Taufe und Mischehe und von der Erlösung durch die Sozialdemokratie. Natürlich sind es die in der Mitte gelegenen Ansichten, welche die meisten Anhänger zählen. Aber auch diese gemäßigten — wenn in der augenblicklichen Stimmung von Mäßigung die Rede sein kann — Anschauungen sind ihrer Natur nach recht verschieden von einander. Unentwegtes Ausharren bei der Deutsch-liberalen Partei ist noch immer der Rat der Einen, Abstinenzpolitik oder, in aktiver Form, Bildung einer eigenen jüdischen Partei ist der Heeresruf der Anderen. Augenblicklich machen die Letzteren viel von sich reden. Sie haben in Brünn — man denke: in der bisher, was Judentum betrifft, vollkommen indifferenten Fabrikantenstadt Brünn — und in Brüx (also Böhmen!) große Erfolge aufzuweisen. Ihre Agitation geht von zwei Stellen aus, einerseits von der national-jüdischen Studentenschaft Wiens, die dabei vielleicht an weitere Ziele denkt, und andererseits von Dr. Bloch, der die Emanzipierung der österreichischen Juden von den verschiedenen Parteien, so besonders der Liberalen und den Zusammenschluß zu einer besonderen Partei sehr energisch verficht. Nun, man mag über den Nutzen einer solchen jüdischpolitischen Partei diese oder jene Gedanken haben, jedenfalls ist der Umstand, daß die gegen ihr Judentum bisher gleich- *) Sehr gut bemerkt die anti-chnstlich-soziale Schönererianische „Ostdeutsche Rundschau", daß der Bauerntag auch zu dem Zwecke inszeniert worden sei, um den Friedensschluß zwischen Lueger und dem niederösterreichischen Statthalter Kielmannsegg zu verkündigen. giltigsten Juden der Welt, die österreichischen, wieder einiges Interesse daran zu nehmen beginnen, erfreulich und ein Trost in diesen traurigen Zeitläuften. Austriacus. N)ochen-(Ohronik. Berlin, den 16. September. — Eine antisemitische Erfindung ist die auch von uns reproduzierte 'Nachricht aus Neuenahr, nach welcher „die jüdischen Badegäste" die Bade-Direktion ersucht haben sollen, bei der Morgenmusik den einleitenden Choral fortzulassen, weil dieser „sie störe". Da wir den antisemitischen Ursprung dieser Nachricht nicht kannten und ihr auch in nationalliberalen Blättern begegneten, nahmen wir an, daß an der Geschichte wenigstens etwas wahr sein müsse, daß vielleicht ein jüdischer Badegast den sonderbaren Wunsch geäußert haben könne, und tadelten dieses Verlangen. Zu unserer Freunde können wir mitteilen, daß an der ganzen Sache kein wahres Wort ist; sie ist eine plumpe antisemitische Erfindung, die sich unsere Gegner nicht einmal patentieren lassen können, da ein gleicher Spuk schon vor Jahren durch die gegnerische Presse gegangen ist. — „Taschlich" am Jom kippur. Dem hiesigen antisemitischen Hauptorgan wird aus Frankfurt a. M. eine ganz entsetzliche Geschichte mitgeteilt. Dortselbst soll man am Donnerstag-Nachmittag (also am Jom kippur!!) „Massenpilger von Hebräern der Finanzmetropole nach dem hafenreichen Mainstrom" haben wandern sehen. Der Korrespondent des Blattes weiß auch, weshalb die „Hebräer" nach dem Mainstrom gewandert. Nicht etwa, um in der Pause des Fasttages sich an der milden Luft am Main ein wenig zu erholen — Oßer, sagt — Bachler, sondern: „Galt es doch die alten Sünden abzuschüttelu!" Und der Korrespondent erläutert seinen Lehrsatz bereitwillig dahin: „Der alte Brauch dieser fraglichen Wirkung besagt nämlich, daß hier jedem Juden die Jahressünden nach Neujahr vergeben werden, wenn er sie am Versöhnungstage bekundet, zu Papier bringt, das letztere zusammenwickelt und in den Main wirft. Die Juden befolgten diese Lehre und thaten also; meistens um sich blickend, um nicht gesehen zu werden, knitterten sie ihre Papierchen mit dem darauf notierten Sündenregister zusammen und warfen sie in die Fluten." — Also am Jom kippur schreiben die Frankfurter Juden ihre Sünden auf einen Zettel und werfen ihn und sie in den Main. Das ist nicht schön von ihnen! Recht nett dagegen ist es von unseren Antisemiten, daß sie nicht zu einer gleichen Prozedur greifen, denn sie würden leicht den Main vergiften. — Die Kolonisation Palästinas wird von geschäftskundigen Zionisten und arglosen Privaten in unsren Großstädten, besonders in Berlin, eifrig gefördert. Wer an dem Gedeihen der Kolonien oder an dem Segen, den die Kolonisation der Gesamtjudenheit bringen soll, zweifelt, der ist, nach dem Baunstuche unserer Zionisten, wert, daß „seine Zunge an dem Gaumen klebe", ohne daß sie von einem Tropfen des in Treptow ausgestellten „Palästina-Weines" benetzt werde. Den Zionisten ebenso ungelegen wie den Autizionisteu gelegen kommt ein Stimmungsbericht aus Palästina, den das soeben in Warschau erschienene hebräische Jahrbuch „Achiassaf“ von Herrn Josua