Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- Seite 651 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 651. Nr. Nr. 39. kt. ^Perspektive. äderen Konfession. fe luden, weil sie sich dnch " lassen, daß der Ich ßnhalb - Palästinas« dem Volke, unter dem n könne, — für diese nnsc« ^8 in gegenteiligem Tim probates Mittel, das s« Reisen und Beobachlm. Hamburg Vorschlags und Seestadt, die dmch >en Beziehungen für dm am prädisponiert scheint .en Lokalpatriotismus aut, Der Hamburger kennt um imatstadt ist ihm einerseili Lust. zer Bürger im allgemeinen besonderen. Diesen Zug alten der dortigen jüdisch» ie, die hierzulande für die nlismus in religiöser Be Vertreter beider Richmm ege. Eine Weltstadt von; von Regsamkeit, erinnm Hamburgs dennoch an vet lerheht nicht und verketzcn . el noch Glacehandschuhe an. ittsieheischtkeineKonzeP , denn sie geizt nichts sie zeigt im ganze» den ebenen Zug, dem man mu , Gemeinden Halbasiens be> m hat, vor löte. Es lebt eben jeder nach seinem Geschmack und sieht mehr in sich, als um sich. Was fragt die Hamburger Orthodoxie darnach,- daß ihre religiöse Idee in der Praxis und durch die Praxis eine Umwertung erfahren, daß man z. B. anderswo als orthodox gelten kann mit „trefenem" Herzen und „koscherem" Munde? Sie lebt, wie die Altvorderen gelebt haben; sie kennt keine Romantik »lud keine Schönrednerei, keine Jongleurstückchen und keine Heuchelei. Das „trefene" Herz zeigt auch einen gleich unwerten Mund, der „koschere" Mund ein gleichwertiges Herz. Und was fragen die Hamburger Tempelvereinler darnach, daß der Begriff „Reform des Judentums" eine Mißdeutung erlitten, daß es z. B. anderswo genügt, Ignorant in hebraici8 zu sein und für Entjudaisierung unserer Kultuseinrichtungen einzutreten, mit als Reformheld angesehen zu werden? Sie leben, wie ihre Vorfahren gelebt; sie verstehen unter Reform des Judentums eine Ausgestaltung des Gottesdienstes im Geiste der jüdischen Lehre und nach dem Herzen ihrer unterrichteten Bekenner. Man sieht, daß das eine spezifisch Hambnrgische Eigenart ist und daß diese Stadt auch außerhalb jenes partei-religiösen Zollgebietes liegt, das in der Gegenwart abgegrenzt worden ist. Wer und wie die Männer sind, welche diese Eigenart nähren und pflegen, das soll in den folgenden Zeilen dargethan werden. Die Situation in Oesterreich. Man hat die Werbckrast des Antisemitismus allezeit erheblich unterschätzt. Wer aber angesichts der Vorgänge in Oesterreich noch immer nicht die Größe der Gefahr für die österreichischen Juden erkennen will, der hört eben selbst Kanonendonner nicht und muß aufs Fühlen warten. Früher oder später kommt er dazu. Der Antisemitismus eilt vou Sieg zu Sieg. Wien ist in seinen Händen, die Alpenländer hat er fast ohne Widerrede besetzt. Etwas schwerer wird ihm der Weg nach Norden. Aber schon hat er in Mähren Stationen errichtet, und die liberale Partei daselbst beginnt in Hinsicht aus den Judenpnnkt bedenklich zugänglich zu werden. Zwischen Wien- Mähren und einem zweiten Herd des Antisemitismus, Nordböhmen-Sachsen, liegt Süd- und Mittelböhmen. Es ist kein Zweifel, — und nur eine Frage der Zeit, — daß auch hier der Antisemitismus sesteu Fuß fassen wird. Man darf sich in dieser sicheren Voraussicht durch so rein lokale und aus den Aussterbe-Etat gesetzte Vorfälle, wie der Empfang Dr. Luegers in Budweis, nicht beirren lassen. Die Geschichte des Antisemitisnms, sein etappenweises Vordringen, sollte uns die Dinge lieber schwärzer als rosiger sehen lassen. Der Tag wird kommen, — und er ist nicht fern, — wo der Antisemitismus die Majorität des österreichischen Deutschtums auf seiner Seite haben wird. Und die anderen Nationen? Wer auf diese vertraut, hat auf Sand gebaut. Man kennt die Judenfreundlichkeit der Czechen und der Polen, von denen die ersteren den Juden immer in einem Atem mit den Deutschen nennen, was auf einen sehr geringen Grad von Liebe hinweist, und die letzteren das System des heimlichen Antisemitismus, den „Asemitismus" erfunden haben. Nun giebt es Juden, welche wohl das Wachsen des Antisemitismus zugeben, aber nicht einsehen können, was er eigentlich schade. „Jedem Tierchen sein Plaisierchen," meinen sie. Man müsse eben den Antisemiten ihre Passion lassen, die sich im Lärmmachen erschöpfe, sonst aber keinen Schaden stifte. Die so sprechen, gehören eben zu jenen, die's noch nicht zu fühlen bekamen oder eine zu dicke Haut besitzen, um es zu fühlen. Aber es giebt auch Juden, die geneigt sind, Ohrfeigen für Ohrfeigen zu halten, besonders wenn sie täglich solche einstecken müssen. Man sehe sich einmal an, welche Verheerungen blos der Uebergang der Stadtverwaltung in antisemitische Hände in Wien angerichtet hat. Es sei hier von den Chikanen und Beleidigungen abgesehen, wiewohl diese für bessere Menschen mindestens ebenso schwer erträglich, als materielle Leiden sind. Es sei demnach z. B. davon abgesehen, daß man der Talmud-Thora-Schule ein notwendiges Unterrichtszimmer, der jüdisch-akademischen Lesehalle den Turnsaal, beide in städtischen Schulgebäuden, verweigerte, daß sich die jüdischen Stadtväter gefallen lassen müssen, sich von mehr als neunzig antisemitischen Kollegen mit „Jud'!" und „Halt's Maul, Jud'!" apostrophieren zu lassen, daß Juden in den Straßen wörtlichen und thätlichen Attacken ausgesetzt sind. Blos auf die ökonomischen Schädigungen durch den Antisemitismus sei nachdrücklich verwiesen. Man höre die Klagen derjenigen jüdischen Geschäftsleute, welche in den wenige Juden zählenden Bezirken Wiens wohnen und daher von christlicher Kundschaft abhängen. Sollen sie alle in den jüdischen Stadtteil — die Leopoldstadt — übersiedeln? Ein Geschäft ist keine Topfpflanze, die man nach Belieben versetzt, und dann, da sie alle Kausleute sind, so wäre die Konkurrenz eine unerträgliche. Es giebt keine Statistik darüber, und kann keine geben, wie viele jüdische Handelsleute durch die antisemitische Bewegung in den Bankerott, ins Elend und dadurch in frühzeitigen Tod getrieben wurden. Aber sie zählen sicherlich nach Hunderten, und es werden deren immer mehr werden. Denn nun, da die Antisemiten die Gemeinde-Verwaltung in ihre Hände bekommen haben, verfügen sie über eine ganze Menge neuer Mittel, um die jüdischen Kaufleute wirtschaftlich zu schädigen. Sie können bei gewerblichen Konzessionserteilungen, bei Steuerbemessungen, Einbürgerungen u. s. w. ganz empfindliche Schläge austeilen und sie haben auch wirklich, trotz der Kürze ihres Regimes, schon Gelegenheit genommen, es zu thun. Noch trauriger als dem Handelsstande spielt der Antisemitismus den Leuten mit, die von der Hand in den Mund leben, den Aermsten der Armen, den Hausierern aller Kategorien. Gegen diese lassen die Gemeindegewaltigen ein Heer von Hindernissen los, und rüsten sich nun auch dazu, den Armseligen ihre kärgliche Existenz gesetzlich zu verbieten. Von Staatswegen geht es vorläufig noch nicht, — es wird für ein den Hausierhandel aufhebendes Staatsgesetz agitiert —, so begnügen sie sich damit, ihren Willen für den Bereich von Wien durchzusetzen. Soeben hat ein antisemitischer Gemeinderat beantragt, den Hausierhandel für das ganze Gemeindegebiet abzuschaffen und vom 1. Januar 1897 ab keine Hausier-