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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-09-25 · 39 (25.9.1896) · p. Seite 650

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
39 (25.9.1896)
Date
1896-09-25
Page
Seite 650 (sequence 6)
Language
German
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»M Seite (550 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. schauung es verstand zu zeigen, daß diese Forderungen und Bedürfnisse vom Standpunkte des jüdischen Religiorrsgesetzes nicht nur gestattet, sondern geradezu postuliert seien — ich sage: diesen klaren Blick und dieser Kraft des Verstandes zollte meine Darstellung die gebührende Bewunderung. Wer Hirsch, so wie ich, gekannt hat, der weiß, in wie hohem Grade er diese Bewunderung verdiente; der weiß aber auch, daß es eine vollständige Verkennung, wenn nicht sogar Beleidigung der Hirsch'schen Gesinnung wäre, wenn man sein Verhältnis zum Schulchan-Aruch als ein so loses, so indifferentes, als ein Verhältnis der Herablassung darstellen wollte, wie das von Herrn Dr. Bernfeld geschieht. Darum sage ich: Die von Herrn Dr. Bernfeld beabsichtigte Ehrenrettung Hirsch's ist keine glückliche zu nennen. Nein, Hirsch war durch und durch ein Schulchan-Aruch- Rabbiner! Ebenso ist seine Exegese keine „wissenschaftliche Schrulle", wie Herr Dr. B. sie nennt, sondern von der größten praktischen Bedeutung in Hirschs Lebenswerk, in der Organisation der Adaß-Jeschurun-Gemeinde. Es war unbedingt von praktischer Notwendigkeit, daß Hirsch, der auch das Oberhaupt eines akademisch-gebildeten Realschul-Lehrer- Kollegiums war, zu den bibelexegeitischen Thesen Stellung nahm und sich mit denselben auseinandersetzte. Welche ungeheure Energie gehört aber dazu, die schlimmsten Feinde: die vergleichende Sprachforschung, sich dadurch vom Halse zu schaffen, daß man dekretiert: Das Hebräische aus dem Hebräischen! Und das Geniale dieses Schachzuges wird noch erhöht, wenn man bedenkt, wie bequem dies für Hirsch war, der dadurch der Notwendigkeit überhoben wurde, sich mit den übrigen semitischen Sprachen abzugeben. Aber alles dies ist ja nur Nebensache; die Hauptsache bleibt das Ziel, die Absicht, das Motiv, das ihn zur Bibeb Exegese drängte, und das war wiederum sein geniales Organisations-Talent, das waren eben die kritischen Triebe der Bildungsgrade der Frankfurter Patrizier-Orthodoxie. — Sollte ich mich irren, wenn ich annehme, Herr Dr. Bernfeld habe den seligen S. R. Hirsch nicht persönlich gekannt, und habe auch die hiesigen Verhätnisse nicht aus eigener Anschauung kennen gelernt? Denn wenn in Berlin „es der Gemeindeverwaltung wenig ernst ist mit den orthodoxen Einrichtungen", so ist das hier in Frankfurt nicht der Fall: die unter Herrn Rabbiner Dr. Horovitz stehenden orthodoxen Einrichtungen der Hauptgemeinde sind geradezu mustergiltig, ja vielleicht zuverlässiger als die der „Adaß Jeschurun". Wenn Herr Dr. B. sagt, Separatgemeiuden seien nicht schädlich, so gilt das doch nur unter der Voraussetzung, daß die Separatgemeinden keine zelotische Tendenz haben, daß sie von Fanatismus und Verketzerung Andersgesinnter frei sind. Ob dies bei einer Gemeinde der Fall ist, welche behauptet, es sei Sünde, Mitglied der Hauptgemeiude zu sein, weil diese auch Orgel unterhält und man müsse im Tode auf einem Separat-Friedhof beerdigt sein? M. Ktinkindkbildtt. Harnlmrg ans dev Vogelperspektive. I. Für unsere Mitbürger von der anderen Konfession, die an einem keimenden Antisemitismus leiden, weil sie sich durch unsere Widersacher haben „belehren" lassen, daß der Jude international sei, daß er überall außerhalb — Palästinas ein Fremdling bleibe, daß er sich mit dem Volke, unter dem erlebe, nicht assimilieren wolle noch könne, — für diese unsere Mitbürger, die noch einer Belehrung in gegenteiligem Sinne zugänglich sind, giebt es nur ein probates Mittel, das sie dauernd heilen könnte: Reisen, — Reisen und Beobachten. Als erste Station würde ich Hamburg vorschlagen. Diese unsere bedeutendste Handels- und Seestadt, die durch ihre geographische Lage und exotischen Beziehungen für den Geist der Jnternationalität gleichsam prädisponiert scheint, weist inmitten seiner Bewohner einen Lokalpatriotismus auf, der geradezu bewuudernswert ist. Der Hamburger kennt nur sein Hamburg; außerhalb seiner Heimatstadt ist ihm einerseits alles Wasser, andererseirs alles — Luft. Diesen Zug zeigt der Hamburger Bürger im allgemeinen und der jüdische Hamburger im besonderen. Diesen Zug zeigt noch mehr das Wesen und Walten der dortigen jüdischen Gemeinde. Unbekümmert um die Schablone, die hierzulande für die Begriffe Konservatismus und Liberalismus in religiöser Beziehung geprägt wurden, gehen die Vertreter beider Richtungen in Hamburg ihre eigenen Wege. Eine Weltstadt von Rang und eine jüdische Bevölkerung von Regsamkeit, erinnern die beiden jüdisch-religiösen Parteien Hamburgs dennoch an vergangene Zeiten. Die Orthodoxie verhetzt nicht und verketzert nicht, sie hat aber auch keine Lackstiefel noch Glacehandschuhe an, denn sie strebt nicht nach Salonfähigkeit; sie heischt keine Konzessionen und gewährt keine Konzessionen, denn jie geizt nicht nach dem Lächeln der Andersgesinnten: sie zeigt im ganzen den vornehmen, in und durch sich zufriedenen Zug, dem man nur noch in den angesehensten jüdischen Gemeinden Halbasiens begegnen kann. Einen Zug der selbstzufriedenen und selbstbewußten Stabilität nimmt man auch au der sogenannten reformierten Gemeinde wahr. Während die meisten sorischrittlichen Gemeinden wiederholt ihr Aeußeres gewechselt, während beispielsweise die Resormgemeinde in Berlin mit jedem einflußreichen netten Prediger ein neues Gebet- und Religionsbuch bekommen hat, steht die „Tempel-Gemeinde" in Hamburg noch so, wie sie vor fast acht Jahrzehnten gewesen, hat sie nichts hinzugethan und nichts hinweggenommen — ein Bild des freisinnigen Konservatismus. Jede dieser religiösen Parteien gleicht einer stolzen alten Burg, die stark durch sich und gefestigt in sich; gleicht — um in Hamburg zu bleiben — dem Bilde, das jede Straße in der Altstadt bietet. Dort kann man häufig neben einem prachtstrotzenden, etagenreichen Neubau ein zum Entzücken unmodernes und zum Entsetzen baufälliges Häuslein wahruehmen, und man gewinnt den Eindruck, daß den Inhaber des einen Hauses der Besitz des Nachbarn nicht im geringsten

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