Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- Seite 649 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 39. Allgemeine J-raelitische Wochenschrift. Seite 649. cht nötig, fach r f,t «ta »An£ sinken läßt. b. R. in Nr. 34 dieser Zeitschrift netne in dem Artikel ' verteidigen 0„ nötig war, noch weniger, daß Hirschs Charakterbild l habe. Vor allein brauch! ■geworfenen Artikel wirklich nme on ecrit l’histoire“ Ohrten Thatsachen. sse, die ich gezogen, und di-' ■hört Hirsch noch nicht der j j über s' weil sie mitten im [ M Historiographen sich nicht icht mit dem Augenblick kmpsers sich schließt. ,Ter -! Zeitgenosse ist doch nur ühle meistern kann, weil der f itgenosse wird, selbst wo er is liche Geschichte zu schreiben, ■! Geschichtsschreibung liefern, tverständlich, aus dem Wesen ig, folglich kann Voltaires; nicht auf ein zeitgenössisches j denn daß ich nicht erst nach ( zeit erblickte, wird inan wohl j Gegenteil davon, ein leises Hin- und Herbetasten, ein zaghaftes Anfassen, ein schüchternes Auspolieren und Auffärben der von der Kritik bloßgelegten Natllrsarbe, ist ein Mangel an Vertrauen und ein zweifelhafter Fremrdschastsdienst. Worin lag nun die wahre Größe und Bedeutung Hirschs? Dr. Bernseld sagt: „Die Bedeutung S. R. Hirschs besteht eben darin, daß er kein Herdenmensch gewesen, soildern ein Original und eine selbständige Natur." Ich glaube nicht, daß die Nietzsche'sche Phrase vom „Herdenmenschen" zur negativen Charakteristik Hirschs geeignet ist. Nietzsches „Uebermensch" will von der „Herde" nichts wissen, er hat seine Gedanken und Gefühle für sich allein, er fühlt es als Beleidigung, wenn die „Herde" sich anmaßen will, die Gedanken und Gefühle des „Uebcrmenschen" sich anzneignen. Wer aber, wie Hirsch, nicht für sich, sondern nur im Hiublick auf die „Herde" gedacht und gefühlt hat; wer das ganze Judentum in die Uniform der Orthodoxie zu kleiden sich bemühte; wer nicht als einsamer Mensch unter den Brüdern wandelt, sondern an der Spitze als Führer, als Lehrer, als Feldherr, sie in dem Kampfe hinreißend, zum Siege begeisternd: der steht nicht im Gegensatz zum Herdenmenschen, der gehört mit zur Herde, der fühlt sich, - und das ist sein Stolz! — zur Herde gehörig. Wie sollte auch ein Rabbiner, ein Priester der von Nietzsche so viel verhöhnten „Sklaveu-Moral" des Judentums, sich über die Herde erheben? Nein, nicht das war seine Größe, daß Hirsch „kein Herdenmensch gewesen", sondern im Gegenteil, daß er die Herde zu organisieren verstand, daß er sich in die Seele der Herde hineinzuleben vermochte und aus dieser Versenkung in das Seelenlebeir der „Herde" heraus Gedanken darzustellen und Institutionen zu schaffen verstand, welche den Bedürfnissen des Gemeinwesens, an dessen Spitze er stand, adäquat waren und ein festes Band um die „Herde" bildeten. Das ist der Kern seiner Bedeutung, die Organisation der orthodoxen Elemente in Frankfurt, das ist das eigentliche Werk seines Lebens, das ist das „Monument, dauernder als Erz", das er sich in der Geschichte gesetzt hat. Diese Organisation war kein leichtes und kein kleines Werk. Man kann sich die Schwierigkeiten, die dabei zu überwinden waren, gar nicht groß genug vorstellen, u. z. gerade darum, weil die Patrizier-Elemeute der Orthodoxen das Material bildeten, denen Hirsch die geniale Form zu geben hatte. Frankfurt ist Frankfurt: es hat die Fehler seiner einzig gearteten Größe. Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Mit hohen Herren ist nicht gut Kirschen essen, und Hirsch hatte es, als er nach Frankfurt kam, mit lauter „hohen Herren" zu thun. Sein Publikum vereinigte in sich Aristokratie des Geldes, Aristokratie des Geistes und Aristokratie der Religiosität. Diese ungefügigen Köpfe unter einen Hut zu bringen — dazu gehört einerseits die ganze Riesen-Energie Hirschs, und andererseits der unerschöpfliche Reichtum an Geist, an Gedanken, an Beredtsamkeit, an schriftstellerischer Eigenart, womit Hirsch aus der Hand der Vorsehung so verschwenderisch ausgestattet worden. Ja, es gehörte dazu auch die ganze Aristokratie, die in Hirschs Wesen und Eigentümlichkeit selbst lag. Herr Rabbiner Dr. I. Hildesheimer, ein Mann, der die höchste Verehrung verdient, der an natürlicher Herzensgüte, ehe er unter dem Pantoffel einiger seiner Berliner Mitarbeiter- und Schüler stand, ich möchte sagen: ehe er „verberlinerte", von keinem Menschen erreicht, geschweige übertroffen werden konnte; der in der Organisation der Berliner Orthodoxie seine Größe verewigt hat: in Frankfurt hätte er Fiasko gemacht. Er ist eben nicht Patrizier genug für Frankfurt — vielleicht auch zu reich gewesen, denn in Geld-Aristokratie will der Frankfurter in seinem Rabbiner keinen Gleichgestellten, oder gar Höheren ästimieren. Für die Organisation der Frankfurter Orthodoxie, d. h. in der Zeit vor dreißig Jahren, als deren Elemente noch ein Chaos, oder höchstens ein Agregat bildeten, war Hirsch geradezu der einzige Mann, der Mann der Prädestination. In ihm, und nur in ihm, vereinigte sich alles, was zu diesem Werke nötig war. Aber das ist auch seine wahre Größe, seine eigentliche Bedeutung. Alles, was Hirsch sonst war und leistete, muß mit diesem Maßstabe gemessen werden, muß als Glied in der langen Kette der Mittel zu diesem großen Zwecke Beurteilung finden. Dann wird alles begreiflich und infolgedessen nicht nur verzeihlich — tout comprendre c'est tout pardonner — sondern auch gehoben. Man könnte sagen: das ist der Maßstab der „Liebe", unter dem die „sedonoth“ nicht nur ..schegagoth“ sondern „sechioth“ werden. Was verschlägt es denn, daß seine Exegese keinen wissenschaftlichen Wert hat? Sie war gar nicht für die Wissenschaft, sondern für die — Adaß Jeschurun! Daß Hirsch so manche Einrichtungen traf, die nicht dem Wortlaut des Schulchan-Aruch entsprach, geschah gewiß nicht aus Renitenz oder gar Geringschätzung dieser Autorität — nicht weil Hirsch, wie Herr Dr. B. sagt, „in seiner orthodoxen Anschauung den Schulchan-Aruch im großen und ganzen mit in den Kauf zu nehmen verstand" — sondern gerade im Gegenteil, vom Standpunkte absoluter Unterwerfung unter diese Autorität, indem durch Dialektik und Interpretation das Resultat erzielt wurde, daß unter den gegebenen ' Umständen eben vom Schulchan-Aruch-Standpunkte aus so und nicht anders entschieden werden mußte. Das ist ja doch auf dem Gebiete der rabbinischen Kasuistik etwas ganz gegewöhnliches. Hat ja, nach Anerkennung des Talmud, schon Elijahu auf dem Berge Karmel gegen das biblische Verbot, aus der „Bama" geopfert, weil die Stunde es erforderte (Horaath schaa); hat ja Hillel das biblische „Schulden-Erlaß- Gesctz" durch die „Prosboule"-Einrichtung gleichsam aufgehoben, aber auf Grundlage des dementsprechend interpretierten Bibelwortes. Das Große unserer ganzen rabbinischen Kasuistik besteht eben darin, daß sie den Grundsatz hatte: koach di hetera adif, daß sie nicht dazu mißbraucht wurde, um die Ketten des Fanatismus fester zu schmieden, sondern im Gegenteile, um Forderungen der Zeitverhältnisse mit dem Religionsgesetze in Uebereinstimmung zu bringen. Darin ist Hirsch nur das Glied einer Kette, die über Esra (s. Joma 69b) und Elijahu ins biblische Altertum zurückreicht. Von einem Vorwurf, der Hirsch gemacht werden sollte, kann hier gar keine Rede sein. Meine Darstellung enthält auch nicht die leiseste Spur eines Vorwurfes, vielmehr zollt sie dem Hirsch'schen Genius, der einerseits ein klares Auge für die eigentümlichen Forderungen und Bedürfnisse seines Wirkungskreises hatte und andererseits gegen die sonst herrschende An-