Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- Seite 648 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 648. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. t 8g der Synagoge; wer über diese Beispiele lächelt, hat wieder andere religiöse Gewohnheiten, die er mit dem Judentum identisch hält und über die Andere lächeln. Wir verstehen es sehr gut, daß einer sich nicht lossagen kann von den Formen, die ihm lieb geworden sind und die ihm gleichsam mit dem Wesen der Religion sich vereinigt haben. Aber soviel offenen Sinn sollte sich jeder bewahren, um nicht sogleich über Verkümmerung und Niedergang zu lamentieren, wenn einmal die Form sich wandelt. Es wäre für manche hochverehrte Talmudweise ein wahres Unglück gewesen, wenn sie unter ihren gegenwärtigen Verehrern in . Polen und Ungarn gelebt hätten. Wie wäre es z. B. dem edlen und tiefsinnigen Resch Lakisch dort ergangen, der erklärt hat, manchmal ist die Zerstörung der Form ihre Festigung und Begründung. (Menachot 59.) Es ist derselbe Resch Lakisch, der zu dem Verse, der Geist Gottes schwebte über den Fluten, bemerkte, das ist der Geist des Messias. Resch Lakisch löst also die messianische Idee ganz vom Judentum los und hat, wie es scheint, gar nichts dagegen, daß wenn die jüdischen Gedanken sich erfüllen, der jüdische Name zurücktrete. Es ist oft nur persönliches Mißbehagen, ein rein pathologischer Zustand, wenn einer mit seiner Galle die ganze Welt anschwärzt und verdüstert. Aber selbst zugegeben, es sei heute ein Niedergang des jüdischen Wesens nicht gegen den geistigen, sittlichen und politischen Zustand von vor hundert Jahren, sondern gegen den vor dreißig und vierzig Jahren bemerkbar— und dies Zugeständnis wird vielleicht den Schwarzsehenden gemacht werden müssen, — wer ist denn so weitsichtig, um zu erkennen, daß dieser Verfall sich fortsetzen wird? Wir wagen zu viel, wenn wir auch nur auf einige Jahrzehnte Voraussagen. David Friedländer hat vor hundert Jahren dem Judentum in Deutschland noch gerade zwanzig Jahre Zeit gegeben. Nun, so krank wir deutschen Inden auch sein mögen, wir leben doch noch. Die Geschichte Israels weist nach, daß in Zeiten des Verfalls einzelne Persönlichkeiten sich erhoben, die dann vielen Geschlechtern zu Führern geworden sind. Die Propheten konnten nicht stolz sein aus ihre Zeitgenossen, die arg sich versündigten. Gerade der Schmerz um dies sittliche Elend weckte die gottbegeisterten Männer, als sie die flammenden Worte sprachen, die heute noch zünden. Wie in dem Feststrauß die mannigfachsten Pflanzen sich zusammenfinden, so giebt es in der Geschichte Israels gesegnete Zeiten, dem Esrog vergleichbar, Zeitalter gewaltigen Strebens, deren Sinnbild die Palme ist, Zeiten, wo nur das Schöne und Liebliche Pflege fcmb, an die die Myrte uns mahnt, und Zeiten des Verfalls, wie die Weide deutet; sie gehören alle zu dem Plane der Vorsehung; denn der Verfall des Volkes erweckte nicht selten die Kraft und den Eifer des Einzelnen, daß ein die andern hochüberragender Mensch uns tröstet über die Niedrigkeit der Menge. Und zudem, was kümmern uns soviel die Zeichen außer uns; wer da glaubt, daß das Judentum Wahrheit kündet, der wird nicht daran zweifeln, daß die jüdische Wahrheit wie jede andere Wahrheit zum Siege sich durchringen wird. Wir beten am Feste, daß Gott die verfallene Hütte Davids aufrichten möge. Sehr Viele haben dann sogleich ein Modell zur Hand, wie Gott diese Hütte aufbauen soll; manche bei aller Frömmigkeit schreiben Gott vor, wie er dem Judentum aufhelfen soll; geht es nicht nach ihrem Sinne, so klagen sie über Niedergang. Der Besonnene sieht auch in der Gegenwart die Zeichen, daß Gott die verfallene Hütte Davids nicht sinken läßt. 6. R. 3nt Wtaktetiliil! S'flinfon Raphael Kitschs/» Herr Dr. S. Bernseld glaubte in Nr. 34 dieser Zeitschrift den großen S. R. Hirsch gegen meine in dem Artikel „Von Hirsch bis Breuer" gegebene Charakteristik verteidigen zu müssen. Ich glaube nicht, daß das nötig war, noch weniger, daß es mit Glück geschehen ist, noch daß Hirschs Charakterbild durch diese Verteidigung gewonnen habe. Vor allem braucht man bei einem journalistisch hingeworfenen Artikel wirklich nicht an Voltaires „Et voila comme on ecrit l’histoire“ zu denken. Nicht die von mir angeführten Thatsachen wurden rektifiziert, sondern nur die Schlüsse, die ich gezogen, und die sind nicht Geschichte. Auch gehört Hirsch noch nicht der Geschichte an; der Hügel, der sich über seinem Grabe wölbt, ist noch zu frisch. Wenn die Mitwelt, weil sie mitten im Kampfe der Bestrebungen steht, zum Historiographen sich nicht eignet, so kann die Nachwelt nicht mit dem Augenblick beginnen, wo das Auge eines Kämpfers sich schließt. „Der Tod versöhnt", gewiß; aber der Zeitgenosse ist doch nur ein Mensch, der nicht gleich seine Gefühle meistern kann, weil der Tod Meister geblieben. Der Zeitgenosse wird, selbst wo er den Anspruch erhebt, wissenschaftliche Geschichte zu schreiben, doch nur Beiträge für spätere Geschichtsschreibung liefern. Das weiß jeder, denn das ist selbstverständlich, aus dem Wesen der menschlichen Natur notwendig, folglich kann Voltaires „voilä comme on ecrit I'bi8toire" nicht auf eitt zeitgenössisches Essay ein Tadel sein wollen — denn daß ich nicht erst nach dem Tode Hirschs das Licht der Welt erblickte, wird man wohl glauben. War es also schon aus dem, selbstoerstäudlich relativen, Wert einer journalistischen Federzeichnung nicht nötig, zu einer Ehrenrettung den Bogen des Ulysses zu spannen, so ist andererseits gerade die wirkliche Größe Hirschs Grund genug, es wagen zu dürfen, denselben auch einmal von einen: ausgesprochenen perspektivischen Gesichtspunkte erscheinen zu lassen. Von Spinoza sagt Ueberweg: „dem „Heiligen" in ihm ein „Lockenopser"; seine Paralogismen aber zersetzende Kritik; so wird jeglichem zuteil, was ihm gebührt." Das ist die großartigste Form, in der man wahre Größe ehren kann: nichts vertuschen und nichts beschönigen, „eine Katze einfach eine Katze nennen", und nicht um diesen oder jenen menschlichen Punkt herumgehen, wie diese um den heißen Brei. Wenn ich jemand als wahre Größe, nicht als künstlich aufgebauschte, oberflächlich galvanisierte, verehre, dann trete ich kühn mit dem Prüfstein der Kritik hinan. Man hes erscheint dann wohl als minderwertig, aber das, was die wahre Größe ausmacht, bleibt in seinem unveränderlichen Weite. In der Kühnheit, mit der ich den Menschen in Hirsch entschleierte, liegt das Vertrauen, daß ein Hirsch eine solche Behandlung vertragen kann, ohne von seiner Höhe gezerrt zu werden. Das I ffl *) Diese Erwiderung liegt bei uns schon seit vier Wochen. Red-