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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-09-18 · 38 (18.9.1896) · p. Seite 640

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
38 (18.9.1896)
Date
1896-09-18
Page
Seite 640 (sequence 12)
Language
German
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Seite 640 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr <38. überwiegende Mehrheit der Schutzjuden ganz arm war; ein Sprichwort der Zeit im Volksmunde sagte: Arm wie ein Judenwucherer. Es geben darüber namentlich Erhebungen über die in Bühl ansässigen Juden aus dem 18. Jahrhundert klaren Aufschluß. Der auwachsende Reichtum der Juden entwickelte sich erst nach dem ersten Dritteil unseres Jahrhunderts mit der Gestaltung des Welthandels und insbesondere der Börse mit den großen Kreditinstituten; der Antisemitismus ist dazu die Begleiterscheinung. Bon der Zinne des 19. Jahrhunderts an seinem Abschluß den Blick zurückzuwenden in' diese Akten des Jammers, der Erniedrigung und der Heimatlosigkeit, ist von geschichtlichem, wirtschaftlichem und humanistischem Interesse in erster Reihe für die Juden selbst, dann aber auch für jeden, der einigen Sinn hat für die sittliche Entwicklung der Menschheit und der Menschenrechte. Hier und dort. * Berlin, 13. September. Die Paßfrage für den 12. internationalen Kongreß in Moskau scheint doch noch nicht ganz nach Wunsch geordnet zu sein. Die „Med. Res." schreibt, ihr sei dieMitteiluug zugegangeu, daß für die jüdische» Aerzte, welche den Kongreß besuchen wollen, die Aufenthaltsdauer in Rußland auf fünf Wochen beschränkt werden soll. „Es wäre zu wünschen, daß das deutsche Reichskomitee sowohl diese Mitteilung wie die frühere, wonach den Frauen der jüdischen Aerzte versagt sein sollte, ihre Männer zum Kongreß zu begleiten, klipp und klar berichtigen könnte. Sollten diese ungeheuerlichen Einschränkungen wirklich aufrecht erhalten werden, so wären die deutschen Aerzte jüdischer Konfession es sich selbst schuldig, von dem Kongreß fern zu bleiben und ihrem Beispiel würden sicher viele christliche Aerzte in Bethätigung kollegialer Solidarität folgen." — Sehr richtig! * Berlin, 14. September. („Geschäftsautisemitismns von Juden") überschreibt das „Kleine Journal" eine gegen die „Lustigen Blätter" gerichtete.Notiz. „Vor uns, schreibt das Blatt, liegt die Nr. 37 der „Lustigen Blätter", eines Witzblattes, dessen Verlag unb Redaktion aus Juden bestehtund welcheskürzlich von jüdischen Kapitalisten tu eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung nmgewandelt worden ist. Aus Seite 5 wird.in Wort und Bild in „Antisemitismus" gemacht, offerlbar damit das Blatt in der Provinz „besser geht". Und dann wundern sich die Herren über die Angriffe der antisernitischen Presse." — Werrn sich das „Kl. Journal", das vor einiger Zeit selbst pathetisch versichert hat, daß in die Leitung des Blattes sich lauter Christen teilen, obivohl der Chefredakteur ein Schwiegersohn Jul. Stettenheims ist und Leon Leipziger heißt, rmd Max Schönau das Feuilleton leitet — werrn dieses Blatt sich schon über die „jüdischen" Witze der „Lustigen" arrfhält, so müssen sie in der That kompromittierend für die jüdischen Redakteure unb Verleger des Witzblattes sein. * Berlin, 14. September. (Der „juderrreine" deutsche Sprachverein.) Zu der Notiz betr. die Nichtwiederwahl von Daniel Sanders in den Vorstand des deutschen Sprachvereins schreibt Land-Rabbiner Dr. Rülf in Braunschweig, daß Sanders thatsächlich nicht wiedergewählt worden ist, daß aber die Nichtwicdcrwahl nichts mit dem Antisemitismus zu thun haben soll. Sanders' Gegner meinten, er interessiere sich nicht für den Verein, und gaben ihnr darum ihre Stimme nicht. „Zum Beweise, daß nicht Antisemitismus die Triebfeder zum Ausschlüsse Sanders' gewesen, diene die Thalsache, daß Herr- Karl Magnus von hier, obgleich Jude, wieder in den Vorstand gewählt worden ist." — Der Jubel der Antisemiten darüber, daß der Vorstand nunmehr „judenrein" geivorden sei, war also verfrüht. * Berlin, 14. September. Ahlwardt wird, wie in hiesigen Antisemitenkreisen verlautet, bestimmt diesen Herbst zurückkornmen und sein Reichstagsmandat niederlegen. Wie weiter mitgeteilt wird, will man dann den Wahlkreis für die antisemitische Partei zu erhalten suchen und Herrn v. Mosch als Kandidaten ausstellen. Freilich hat Herr v. M. in einer hier abgehaltenen Versammlung erklärt, daß er auf die Nachfolge Ahlwardts nicht reflektiere. * Berlin, 14. September. Pfarrer Jskraut ist von der Sophien-Gemeinde zum dritten Prediger gewählt worden. Nun wurde der Volkszeitung geschrieben: „Der antisemitische Reichtagsabgeordnete und Pfarrer Jskraut, welcher sich jetzt um eine Stelle an der Sophienkirche zu Berlin bewirbt, stammt aus einer jüdischen Familie. Sein Großvater, Namens Israel Kraut, war ein Hausierer, der in den Dörfern des Kreises Minden Hasensclle auskaufte. Als er sich taufen ließ, nahm er den Namen Jskraut an." — An das vorstehende Geschichtchen glauben wir nicht und teilen es mir als Kuriosum mit, sowie zur Verhöhnung der bekannten Manier der Antisemiten, überall semitische Spuren zu wittern. Berlin, 15. September. Die Hauptverhandluug wider den Redakteur Sedlatzek wegen Gotteslästerung, die heute stattfinden sollte, ist vertagt worden. Der stellvertretende Laudgerichtsdirektor hatte die Akten so spät zur Einsicht erhalten, daß weder er selbst noch der Berichterstatter sich vom Inhalte der umfangreichen Akten informieren konnte. Der nächste Termin ist aus Dienstag, den 20. Oktober angesetzt. 8. Pose», 11. September. (Zur Abwechselung die Kehrseite.) In jüdischen Blättern, in allererster Reihe aber in diesem Blatte, wird oft über schlechte Behandlung re. geklagt, die Lehrern und Kultusbeamten seitens ihrer Gemeinden zuteil wird. Wir stellen nicht in Abrede, daß diese Klagen säst in allen Fällen der Berechtigung nicht entbehren. Es erscheint uns aber als ein Gebot der Gerechtigkeit, auch solche Fälle zu registrieren, in welchen die Schuld die beamteten Personen trifft. In einer unserer Provinzgemeinden mit öffentlicher Volksschule petitioniert die Schulkommission um Versetzung ihres definitiv angestellten Lehrers. Der Grund ist darin zu suchen, daß der Herr, anstatt sich ungeteilt seinem Berufe git widmen, mit aller Energie den Nebenberuf eines Schadchen forciert. Wäre der Lehrer nicht an einer öffeutlichen Volksschule definitiv angestellt, die Gemeinde würde ihn natürlich ohne weiteres entlassen und die jüdische Presse alsdann über „Vergewaltigung" auch dieses Lehrers geklagt haben. Ich gebe zu, daß dieser Herr eine Ausnahme bildet, da wir in unserer Provinz über eine sehr pflichteifrige Lehrerschaft verfügen, allein auch Ausnahmen sollte man kennen. O Tilsit, 14. September. Unsere Gemeinde hat in Nr. 35 Ihres gesch. Bl. von Herrn Schcrbel in Gumbinnen eine

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