Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- Seite 638 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 038. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 38. sie würden sich erschrecken. Aber es ist gut für Männer, daß sie das Bild ansehen —" Er wendete lauschend den Kopf, das geheimnisvoll düstere Feuer in seinen Angen erlosch plötzlich, und heiterer, festesfroher Glanz strahlte von seiner Stirn und von seinen Lippen, die vergnügt ansriefen: „Siehe, wie Tamar, meine Tochter, sich für ihren Bruder geschmückt hat, der aus der Fremde heimgekommen. Sie ist wie eine Tochter Zions, wenn ihr Herz jauchzt, und an ihrem Kleid würde man von fern sehen, daß sie wie keine ist in der Stadt, und daß sie die Tochter sein muß vom alten Kaleb." Und seine Augen zwinkerten, und er lachte und glättete den silbernen Bart. In Hellems Brust vibrierten noch die sonderbaren Worte des Alten und der seltsame Ausdruck, mit dem sie gesprochen. Da trat vor seinen gehobenen Lidern das Bild auf ihn zu, wie es vor dem Auge des Malers gestanden. Sie trug dasselbe Gewand und die Edelsteine blitzten in ihrem Haar und auf den Spangen des Gürtels, nur der Mantel fehlte, daß sie noch schlanker und lieblicher aussah und ihre Arme voll und fein geädert aus den gesälteten Spitzen des kurzen Aermels hervortraten. Und der Rest des beängstigenden Todestraumes schwand in der Seele des Jünglings vor der schönen Wirklichkeit des Lebens. Auch die Reden des greisen Kaleb verhallten in seinem Ohr, kühner und freier fühlte er sich als zuvor, und schritt mutig aus Tamar zu und küßte sie. Seine Zunge ward beredter, und er zog das Mädchen an sich und ließ sich neben ihr nieder auf den weichen, nachgiebigen Teppich; immer hastiger flüsterte er in ihr Ohr, daß sie lachte und das Blut höher in ihre Schläfen hinanfstieg. Dann kam Lea, die Mutter, in reichem, pelzverbrämtem Kleide, das ehrbar langsaltig auf ihre Füße Herabstoß. Sie klatschte in die Hand und es öffnete sich die Thür. Herein traten die Dienerinnen in schmuckem Gewände und trugen in silbernem Geschirr dampfende Speisen auf den Tisch. Sie stellten vergoldete Pokale vor die Wartenden und sprengten wohlduftendes Oel durch das Zimmer, eifrig häuften sie Weihrauchstaltden im Kamin ttnd entzündeten sie, daß ein feiner köstlicher Rauch wie Nebelschleier den Plafond des Gemaches umzog. Nun winkte der Hausherr, die Mägde verneigten sich und gingen, und sie saßen vergnüglich um den Tisch, auf dem seltene Blumen mit tiefrotem Kelch wie Mädchenlippen verstohlen sich leise bewegten. Schattenlos lag die Freude aus allen Wangen, sie aßen den lecker bereiteten Salm, der statt des Wassers frischgrünendes Kraut zwischen den Kiemen hervorschnob; nach dem Wasser entsandte die Luft ihren Tribut, Tauben und Feldhühner kamen aus edlem Metall und verschwanden wieder; sie aßen Pasteten und feinen, duftreichen Kohl, dann erschien auf gewaltiger Schüssel der Braten eines Kalbes, wohlgemästet wie jenes, das den verlorenen Sohn bei der Heimkehr empfing. Doch sie kosteten mir von dem braunen, würzedurchzogenen Rand, denn sie waren gesättigt, und Lea rief die Dienerinnen und hieß sie den Braten nehmen und zu der harrenden Menge hinübertragen aus den Markt. Behaglich streckten sich nun alle auf die schwellenden Polster, der Wein durchkreiste freudig und feurig ihre Adern und öffnete weit das Herz. Auch die Frauen beteiligten sich an dem Trunk und erheiterten mit Scherz und Gelächter das Gespräch. An die Schulter des Jünglings streifte Tamars dunkles Haar und er hielt den Arm um ihren Leib und tastete mit dem Finger über die Juwelen ihres Gürtels. Manchmal machte sie eine Bewegung sich auszurichten, doch er zog sie zurück und ihre Augen glänzten Widerspruch zu ihren Worten. Lachend saß Lea, die Mutter; der alte Kaleb schlürfte.den Wein zwischen den Lippen und prüfte ihn mit der Zunge und sagte: „Hellem, mein Sohn, es ist Zeit, daß du freist und vermehrest unser Geschlecht. Gesegnet ist mein Haus, und auf welche Dein Auge fällt, kannst Du begehren. Ich will gehen und werben für Dich; sie werden Kaleb nicht von der Thür weisen, wenn er kommt zu werben für seinen Sohn. Willst Du die Tochter des reichen Gomer, oder willst Du Miriam, das Kind Äffers, von dem der Erzbischof von Kölln leiht Judengold, zu errichten seine Christentempel. Oder hast Du gesunden in Frankfurt oder sonst eine Tochter aus unserem Volk, die Dein Herz wünscht? Ich will den Wein trinken zu ihrem Wohl und will werfen eine Perle in das Gerät, daß der Vater soll aussagen, sie kann kommen von niemand anders als von dem Sohn des alten Kaleb." Tamars schwarze Brauen zogen sich etwas zusammen bei den Worten des Vaters, sie richtete sich plötzlich aus und entfernte den Kops von der Schulter des Jünglings. Doch dieser lachte fröhlich auf und erwiderte: „Habe Dank, Vater, und vergieb mir, wenn ich die Tochter des reichen Gomer verschmähe, und das Kind Äffers mein Herz nicht rührt. Niemand hat mein Herz gerührt bis zum heutigen Tage, auch nicht in Frankfurt oder sonst wo ich gewesen. Aber wenn es geschehen, da komme ich zu Dir und bitte, daß Du für mich werbest, und die ich gewählt, wird nicht abschlageu, um was der Vater sie bittet." Er lachte, wie er es gesagt und der alte Kaleb schmunzelte und trank mit vergnügten Augen den eingeschenkteu Wein. Auch Tamar lachte und ihr Kopf bog sich versöhnt an seine frühere Ruhestatt zurück, aber am lautesten lachte Lea und rief: „Du heißest ihu Vater zu früh, es ist gut, daß er nicht ist Dein Vater, Hellem, und daß ich nicht bin Deine Mutter —" Sie stieß es achtlos in ihrer Fröhlichkeit heraus, sie hätte es gern zurückgehabt, als cs kaum gesprochen. Doch es war schon zu spät und ein Schatten hatte sich über die heitere Stirn des Jünglings gedrängt, sein Gesicht ward ernst und er fragte: „Habt Ihr von meinem Vater gehört durch die sieben Jahre?" Kaleb warf einen zornigen Blick auf Lea, die den Kopf senkte, und griff sich heftig in den Bart: „Ich habe nichts vernommen von Jsachar, dem Sohn Samais," antwortete er schnell, „als daß er ist in die Welt gegangen mit seiner Schande, und ist verschollen unter unserm Volk, es sind nun zweiundzwanzig Jahr. Es ist nicht sein Name genannt worden in meinem Hause bis heute, und es ist wohlgethan, daß er nicht wieder werde genannt. Ich werde Dir sagen zu seiner Zeit, mein Sohn Hellem, warum, da Du bist gekommen in die Jahre, um es zu begreiseu, und da der Name ist aufgerührt worden von Lea, die das Schicksal ihm gestellt hatte auf den