Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- Seite 636 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 636. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 38. Feuilleton. Die Zukkich des Jubknlunis. Von Dr. I. Niemirower. Judentum und Sukkah — scheinbar sind es inkommensurable Größen. Das Judentum ist eine altehrwürdige Burg, die den Stürmen der Zeiten getrotzt und über die zerstörenden Mächte des Geschichtslebens gesiegt hat, und die Laubhütte vermag weder dem Sturme, noch dem Winde, noch besonders dem zerstörenden Willen des Menschen zu widerstehen. Unsere Religion ist unser geistiges Heim für ewige Zeiten, der Laubhütte hingegen stimmt ihr Meister gleichsam schon bei der Geburt den Grabgesang an. Ein böses Gewitter vertreibt uns aus der Festhütte, während das Judentum uns Schutz und Zuflucht gewährte, so oft Nebel unseren Himmel umwölkten, so oft Donner und Blitz die Lebensbahn Israels schier unwegsam machten. Trotz dieser Gegensätze haben Judentum uud Laubhütte viele Aehnlichkeiten, so daß unsere Sukkotwohnung als Symbol des Judentums betrachtet werden darf. Das zeremonielle Gehäuse, das der Jude errichtet zur Erinnerung an das Wanderleben und die Wanderwohnungen unserer Vorfahren bei ihrem Auszuge aus Egypten, ist eine Nomadenwohnung und entbehrt gewöhnlich jeder Sicherheit wider die Launen der Natur und jede Pracht architektonischer Vollendung. Das Judentum, das durch die Jahrtausende gewandert und in allen Ländern der Erde sein Nomadenzelt aufgeschlagen, gleicht nun unserer Festhütte trotz seiner innern Kraft und seines ästhetischen Reichtums. Denn unsere Religion ist vergänglich als Palast und Tempel, ist aber unvergänglich als Laubhütte. Das altepalästinaischeJudentum, das der Tempel zu Jerusalem versinnbildlichte, das tapfere Krieger und organisierte Priester mit Begeisterung verteidigten, das auf einem festen Boden fußte und in einem glänzenden Staatsleben wurzelte, ging im Meere der Zeiten unter, fiel dem Todesengel der Geschichte zum Opfer. Das neue Judentum hingegen, das den alten Geist der Offenbarung in die Welt getragen, erhielt sich uud seine Bekenner ohne Tempelsestung in der Wüstenwanderung unseres Exillebens und erzwang sich die Verehrung aller, die dem geistigen Heidentum Altäre errichten. Das Judentum als festes«Gebäude hatte keinen Bestand, als Laubhütte aber besieht es heute noch. Die Säulen des Tempels, die Salomos Weisheit und Chirams Meisterlchaft gefestigt, fielen vor dem Feinde. Die Hüttenwände des talmudischen Judentums hingegen, die Rabbi Jochanan gebaut, erwiesen sich als unzerstörbar im Kampfe der Jahrtausende. Wie unsere Festhütte, zertrümmerte oft die menschliche Willkür unsere Religionshütte, sie verbot die Befolgung des Gesetzes und das Studium der Thora, aber nach kurzer Zeit feierte die Laubhütte des Judentums ihren Wiederaufbau uub ward zur Festwohnung Israels. Dieses Judentum des bedrängten und bedrückten Israel zeigt sich allerdings dem Forscher als ein Nomadenhaus mit Jnterimswänden, Naturboden und Himmelsdach, aber die traditionellen Sukkotgäste: Abraham, Jsak, Jakob, Mose, Ahron, Joses und David fühlten sich heimisch in diesem Hüttentempel des Judentums. Denn der echte und rechte Geist unserer Religionswahrheiten umgab diese Hütte Israels. Erscholl der unerbittliche Ruf in unserer Geschichte: „Gehe aus deinem Geburtsorte und aus dem Hause deines Vaters", — wurde unfern Vätern der Wanderstab in die Hand gedrückt, so trugen sie die Bretter ihrer zerstörten Religionshütte mit sich, und Abraham, der mutige und gottvertrauende Wanderer, zog ihnen voran. Ward Israel zum Lamm des Opfers erkoren, um seines Glaubens willen verfolgt, verwandelte sich das Zelt Israels in einen Altar und Jizchak, das Opfer von Moria, bewunderte die Aufopferungsfähigkeit seiner Nachkommen. In der Hütte Israels wirkten vorbildlich Jakob als Muster der Thatkrast, Josef als Meister der Selbstbeherrschung, Mose als Prophet des Höchsten, Ahron als Priester des Friedens und David als König der Betenden. Die Judenheit fühlte sich in dieser seiner Laubhütte, die die geistigen Bildnisse ihrer Helden barg, sicherer als in einer Festung und zufriedener als im alten Prachttempel zu Jerusalem. Erst in der Gegenwart ist für Viele ein Hüttenjudentum nicht ästhetisch und sicher genug. Ein Prachtjndentum ist die Losung des Tages. Einen Bau mit himmelragendem Turm, und eine Stadt mit sturmtrotzenden Wällen wollen die Meister, die uns in der Gegenwart meistern, errichten dem erhabenen Geiste des Judentums. Diese Gegner eines Hüttenjudentums geben sich einer Täuschung hin, wenn sie glauben, der Seele der Religion zu dienen mit ihrem Turmbau; sie bienen in Wirklichkeit dem Körper des Glaubens; denn die Erfahrung hat gezeigt, daß das Seelische der Religion sich in einer Hütte besser entfaltet als in den Wunderbauten unserer alten Geschichte. Der Körper des Judentums soll — Israel, das wahre Gotteshaus — unser Familienhaus sein. In Wirklichkeit wird jedoch gegenwärtig ein neuer Körper für unseres Glaubens Geist konstruiert, weil man selbst nicht mehr dieses Geistes Träger ist und die größte Aufmerksamkeit wird dem Synagogenleben geschenkt, weil unsere Häuser keine Gotteshäuser mehr sind. Wenn man ein- und dasselbe Symbol zur Verdeutlichung entgegengesetzter Gedanken gebrauchen darf, so kann man, die Synagoge mit der Laubhütte vergleichend, sagen: Unsere Väter sahen in ihrem Hause den Zeutralpunkt des religiösen Lebens und im Bethause eine Festhütte, in die inan zu beftimmten Stunden, bei bestimmten Anlässen wandert, um alte Erinnerungen und neue Gedanken zu wecken fürs Leben im Kreise der Familie. Wir hingegen sehen in der Synagoge das Judentum, das wir aus unfern Häusern verbannt, das gegenwärtig wie die Laubhütte feinen Schutz wider herbstlichen Sturm noch Schirm gegen sengende Sonncnglut gewährt. Das Bethaus ist für Viele das alleinige Heiligtum geworden und auch dieses suchen so Manche nur im Tischrimonat aus. Sie kümmern sich wenig um die Festhütte — die Synagoge vertritt ja deren Stelle. Dieses modernste Judentiun ist der „koschern" Laubhütte nur darin ähnlich, daß es m ehr Schatten als Licht spendet, im übrigen aber der unbrauchbaren Laubhütte gleicht, die entweder zu hoch oder zu uiedrig ist. Entweder besteigt das jüngste Israel die Himmelsleiter phantastischer Ideale, ohne im praktischen Leben Religipn und Moral zu bethätigen oder es erniedrigt das Judentum