Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- Seite 631 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 38. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 631. 7er und lernbeqieriaer W leif.# »•« A.u,« uni aufti^tig, ba® roit w N«,z ^tuu9 die litterarischen fo 1 ba§ Judentum in fein« senken wir mitten in w Es, welche in der zweim!>erts Schrecken erregende 's soeben unternommen, zn ra Zustände unter der westeuropäi nf Grund eines umfangreich!» ndes Bild von den inner» Judenheit gegen Ende ds ern. In diesem Werk find» it geschriebenes Kapitel, k Vorstellungen im neun c glauben uns unsere Leser: icr diese interessante Abhang eben, wozu wir durch die :s in den Stand gcsH idence der - des wich :n -, die gab es auch für die hohen Festtage private gottesdienstliche Vorstellungen, was wir aus den Inseraten der jüdischen und politischen Zeitungen jener Zeit entnehmen. Wie es da ausgesehen haben mag, läßt sich heute mangels allen urkundlichen Materials nicht recht feststellen. Aber die Inserate sind so marktschreierisch abgefaßt gewesen, daß wir zu der Armahme berechtigt sind, jene privaten gottesdienstlichen Vorstellungen haben mit „Theatern" untersten Ranges Aehnlichkeit gehabt. In der Thal finden wir oft, daß sie in Lokalen, welche für Tiugel-Taugels bestimmt waren, veranstaltet worden sind. Dem Aeußern dieser sogenannten gottesdienstlichen Einrichtungen entsprach auch vollkommen das Innere. Die hebr. Sprache war in vielen Synagogen entweder ganz abgeschafft oder nur auf kleine Bestandteile der Liturgie reduziert. Letzteres war das Schlimmste. Denn eine solche halbjüdische und halb kousessionslos-philisteriöse Liturgie war von Predigern augesertigt worden, welche ohne System und ohne Kenntnis Sätze strichen und dadurch den Zusammenhang zerrissen, manche andere wiederum gräßlich verstümmelten, und so eine Liturgie schufen, die wir noch heutzutage nicht ohne Langeweile durchblättern können. Einen Hauptbestandteil des Gottesdienstes bildete damals die Predigt; aber nicht die belehrende, begeisternde und erhebende Predigt, sondern ein künstlich zusammen kompiliertes, mühsam einstndiertes und mit schauspielerischem Pathos vorgetragenes Wortgepränge. Zufällig haben wir einen Stoß gedruckter und ungedruckter Predigten aus jener Zeit zur Einsicht erhalten. Wir sind erstaunt, zuerst über die Anmaßung, die darin gefunden werden muß, daß solche fade Deklamationen in allem Ernst dem Publikum als geistige Nahrung geboten werden konnten; dann aber auch über das Bildungsniveau der Synagogenbesucher jener Zeit. Zwar mag als Erklärung für diese traurige Erscheinung dienen, daß das Ende des neunzehnten Jahrhunderts für fast alle Kulturvölker Europas das Zeitalter einer gewissen geistigen Entartung und Verkümmerung war. Wir finden in jener Zeit eine bedenkliche Ueberhanduahme der Kellnerinneu-Romane, der Kokotten-Dramen und der litterarischcn Gelegenheitsmacherei; aber auch dieses kann uns keine genügende Entschuldigung bieten für die geistige Oede, die sich spreizende Banalität und geschwätzige Schönrednerei, die wir in den Predigten aus jener Zeit finden. Wir haben zwei Tage mit der eingehenden Lektüre jener Kanzelerzeugnisse zugebracht und empfanden Mitleid mit den Synagogenbesuchern jener Epoche. Wie der gesangliche Teil des Gottesdienstes ausgesehen hat, können wir in unserer Zeit nicht so genau wissen; aber |; an Stimmen fehlt es nicht, die uns ein Stimmungsbild aus jenen Tagen geben. Wir haben bereits hervorgehoben, daß ß die Gebetbuchfabrikauten in der zweiten Hälfte des nennzehnten Jahrhunderts die stimmungsvollen Dichtungen aus der I' jüdischen Liturgie entfernt und sie durch poetische Erzeugnisse der verbierten Litteraturepoche ersetzt haben. Auch die erhabenen Melodieen und der erhebende Vortrag waren abgeschafft I: und dafür Operutöne und Damenchor eingesührt. Daß dies |l nicht Allen munden konnte, ist noch das einzig Erfreuliche aus jener Zeit, der einzige Lichtpunkt in der geistigen Finsternis.!' Wir durchlasen mehrere Jahrgänge der „Allgemeinen Israelitischen Wochenschrift", welche vor etwa hnndertundzwanzig Jahren dieser kleinen Minorität als Organ diente. Wir finden da Klagen und Anklagen, Hoffnnngen nnd Befücchtnngen, Verdrossenheit und Aerger, — kurz die ganze tranrige Stimmnng, welche solche Zustände bei den wenigen Bessern hervorrnfen mußten. Freilich gefielen sich die offiziellen Vertreter der Gemeinde nnd ihre pnblizistischen Eideshelfer bei dem allen in einer snffisanten Selbstgefälligkeit, welche die Merkmale der geistigen Impotenz bildet. Diesen war alles schön nnd nnvergleichlich gut; die Komödie gefiel ihnen, man brauchte sich bei all diesem nicht anfznregen, und wenn sie aus dem Gotteshause kamen, speisten sie gut und schliefen noch besser. Nachmittag konnte man sich wieder in der „Gartenlaube" Bildung und moderne Anschauungen holen. Um die Stimmung zu kennen, die erfreulicher Weise bei der kleinen Minderheit über jene trostlosen Zustände herrschte, wollen wir einen aus jenen Tagen stammenden Privatbries abdrncken, der uns zufällig in die Hände gekommen. Die vergilbten Blätter führen eine deutliche Sprache und muten uns wie ein Seufzer aus tief bekümmertem Herzen an. „Nach langem Zögern," schrieb unser Gewährsmann, ein Kenner des Judentums ans jener Epoche, „entschloß ich mich doch, das Gotteshaus in diesen Tagen zu besuchen. Du kennst meine Gesinnung und meine Empfindungen und weist, wie der schreckliche geistige Niedergang des Judentums mir weh thut. Ich wußte, daß der Besuch eines Gotteshauses, wo man der Langweile in solchen Dimensionen begegnet, wo die Liturgie einem verstimmten Leierkasten ähnlich ist, wo die Predigt uns gähnen oder schlafen läßt, daß dieser Besuch mir keine Erhebung und Ermutigung bringen wird. Aber ich wollte doch nicht fehlen; ich wollte meine Zugehörigkeit zu dem kulturhistorisch merkwürdigen Stamme nicht aufgeben. Ich ging mm hin und bin schmerzerfüllt nach Hanse gekommen. Nein! dies geht ja rapid und nimmt alljährlich zusehends zu! Dieser Niedergang! Diese Fadheit! Willst Du glauben, daß ich beim sogenannten Gottesdienst einen — national-ökonomischen Vortrag zu hören bekam. Und wenn es wenigstens ein solcher wäre! Aber es war ein schülerhaftes Geschwätz, wie es der Prediger einem Zeitungsartikel entnommen zu haben scheint. Nein, liebster Freund, ich besuche nie mehr eine Synagoge. Was soll aber aus der religiös-sittlichen Erziehung meiner Kinder werden? Ans diesem Dilemma komme ich nicht hinaus.-" Es ist dies der Aufschrei einer Seele, welche sich von solchen unwürdigen Vorgängen angewidert fühlte. Wir können diesen Aufschrei sehr gut verstehen. Es vervollständigt dies unser Bild von den damaligen gottesdienstlichen Einrichtungen, die wir deshalb „gottesdienstliche Vorstellungen" nennen. Die traurigen Erscheinungen ans jener Zeit werden uns dadurch näher gerückt . . . ." * In Wahrheit zählen wir das Jahr 1896 und haben in diesen Tagen das Nenjahrssest des jüdischen Jahres 5657 gefeiert; aber der Historiker des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird so über unser Zeitalter schreiben-. Berlin, 14. September 1896. Dr. S. Bernfeld.