Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- Seite 626 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 626. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 37. eine größere Summe zur Errichtung von Freiwohnungen ausgesetzt worden. Nachdem der Verwaltung im vorigen Jahre von Senat und Bürgerschaft in dankenswerter Weise ein in einer der frequentesten Gegenden der Stadt belegener Bauplatz zu höchst günstigen Verkaussbedingnngen überlassen worden war, wurde vor etwa einem Jahre der Bau begonnen, der bald seiner Bestimmung übergeben werden wird. Das „Samuel Levy-Stift" enthält vierzig Wohnungen von je zwei Zimmern und Küche, die zum November bezogen werden können. Die Verwaltung besteht z. Zt. aus dem Enkel des Stifters, Herrn Alfred Levy, den Herren I. Koch und 9£. Samson. z. Straßburg, (Elsaß), 2. September. Der Neubau der Synagoge am Kleberstaden schreitet rüstig voran. Schon ist über dem Haupteingang die Rosette im Werden. Säulen mit Kapitälchen steigen zur Höhe empor. Emsig und sorgsam schaffen die Maurer vom frühen Morgen bis zum späten Abend an der Vollendung des Werkes. Dem Kleberstaden wird der Neubau zur Zierde gereichen, wenn auch die Markthalle nicht gerade ein wiirdiger Nachbar dieses israelitischen Gotteshauses ist. S* Oldenburg, 4. September. (Waisenverein.) Durch die Bemühungen des Herrn Landrabbiners Dr. Mannheimer ist es gelungen, einen israelitischen Waisenverein siir das Herzogtum Oldenburg zu gründeu. Das Statut ist bereits an alle Gemeinden versandt worden. Das gemeinnützige Unternehmen hat in den Landgemeinden rege, in Oldenburg selbst aber nur geringe Unterstützung gefunden. B. Wien, 4. September. (Ans dem feindlichen und unserem Lager.) Dr. Lueger hat wiederholt versichert, daß er nicht die „jüdische Konfession, sondern nur die Juden bekämpfe". Den Beweis zu erbringen, war ihm jüngst Gelegenheit geboten. Dem offiziellen Berichte über eine in der Vorwoche abgehaltene Stadtratssitzung entnehmen wir Nachstehendes: „AufAntrag des StadtratesTomola wurde beschlossen, ein Ansuchen des Talmud-Thora-Vereines um Ueberlassung eines Lehrzimmers an einer allgemeinen Volksschule im vierzehnten Bezirk, zur Unterrichtserteilung ans den Gegenständen des israelitischen Religionsunterrichtes abzulehnen, da ohnehin für den Religionsunterricht der jüdischen Volksschiller genügend vorgesorgt sei." Bei diesem Anträge hat es sich ja nicht um Inden, sondern um die Förderung der jiidischen Kultusinteressen gehandelt. Warum hat Dr. Lueger nicht seine maßgebende Stimme für denselben in die Wagschale geworfen?! — In Brünn, wo das jüdische Gemeindeleben wie in ganz Mähren darniederliegt, hat sich ein jüdischer Verein konstituiert, der einem längst gehegtenWunsche vieler Juden Brünns entspricht. Es giebt also dort jetzt einen Sammelpunkt, in welchem allen Inden Brünns, ohne Unterschied des Standes, Gelegenheit geboten werden soll, ihr Interesse für die jüdische Sache zu bethätigen. Der erste Vereinsabend, verbunden mit Vorträgen über das Judentum berührende Fragen, findet morgen, am 5. September statt. — Der Landesschulrat von Vorarlberg hat beschlossen, fürderhin den Besuch der israelitischen Volksschule in Hohenems christlichen Kindern nicht mehr zu gestatten, beziehungsweise dieser Schule zu rmtersagen, christliche Kinder aufzuuehmen. Motiviert ivird der Beschluß des Landesschulrates damit, daß derselbe dein Wunsche des Ortspfarrers entspreche. Man darf auf die Entscheidung des Unterrichts-Ministers gespannt sein. O Pest, 2. September. (Judenfreundliche Kundgebungen.) Anläßlich der jüngst stattgesnndeneu Jnstallationsfeier des neugewählteu Werschetzer Bischofs Zwejanowicz erschien unter den Gratulanten auch eine Deputation des dortigen israelitischen Frauenvereines. Der Kirchenfürst antwortete in einer längeren Rede, in welcher er dem Patriotismus der ungarischen Juden Anerkennung zollte und schließlich erklärte, dem Frauenvereine als Mitglied beizutreten. — Der Kultusminister empfing jüngst in Raab eine Deputation der isr. Kultusgemeinde, der gegenüber er äußerte, daß das Verdienst um die Rezeption des Judentums nicht der Regierung, sondern den Juden gebührt, deren Vaterlandsliebe und patriotischer Thätigkeit. — Der Bischof von Diakomar äußerte sich dieser Tage dem neugewählten Rabb. Dr. Ehrenpreis sehr wohlwollend über die Bedeutung des jüdischen Volkes: „Es ist mir eine Genugthuung zu konstatieren, daß im jüdischen Volke trotz tausendjähriger Verfolgung und Bedrückung noch heute das nationale Bewußtsein lebt und daß es heute eine große Anzahl von Juden giebt, die sich offen zur jüdischen Nation bekennen. Das jüdische Volk hat allezeit eine edle und ehrliche Rolle in der Geschichte der Menschheit gespielt, und jeder Einzelne kann mit Recht aus sein Judentum stolz sein." Paris, 4. September. Der Minister für Kultus und Unterricht wurde ouf seiner Reise in Besanoon unter andern auch vom Grand-Rabbin bewillkommt. Dieser erwähnte in seiner Ansprache der Verleumdungen der antisemitischen Presse. Der Minister antwortete darauf, nachdem er den Patriotismus der Juden hervorgehoben hatte: „Die einzige Weise, diesen Teil der Presse zu behandeln, ist vollständige Mißachtung ihrer Angriffe." Dies ist das erste Mal, daß ein Vertreter der Regierung öffentlich die antisemitische Presse verurteilte, und aus dem Munde des Kultusministers gewinnt dieser Ausspruch an Wichtigkeit. — Aus der jüdischen Gemeinde in Mzab, einem Flecken in der Nähe von Casablanca, erhält die „Alliance israelite" düstere Nachrichten. Daselbst wurde der Gouverneur ans Ordre der Regierung verhaftet, die Parteigänger des Gouverneurs veranlaßten in Mzab große Ausschreitungen, deren erste Opfer unsere Glaubensgenossen wurden. Ihre Häuser wurden eingeäschert und geplündert, die Frauen und Kinder entführt und diejenigen, welche durch ein Wunder bcn Unholden entgangen sind, irren ans den Feldern umher. Die Polizeibeamten waren den Aufständischen nicht gewachsen. Die israelitische Gemeinde in Mzab besteht aus etwa tausend Seelen; sie erfreute sich eines ziemlichen Wohlstandes, aber heute sind ihre Häuser, Läden, Magazine nur noch Ruinen. Die israelitischen Familien sind verstreut. Väter, Mütter und Kinder sind von einander getrennt; die Frauen, die Mädchen und Kinder werden auf den Märkten als Sklaven verkauft. Eine Subskription ist in Casablanca allein nicht imstande, eine ganze Bevölkerung zurückzukaufen. H. C. Paris, 7. September. Die Israeliten in Frankreich haben sich entschlossen, dem Sohne des Herrschers, der ihre Glaubensgenossen in Rußland so schlimm bedrückt und verfolgt hat, ihre Huldigung darzubringen, wenn es gewünscht wird. So ungefähr drückt sich der Ober-Rabbiner von Frank-