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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-09-11 · 37 (11.9.1896) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
37 (11.9.1896)
Date
1896-09-11
Page
Seite 622 (sequence 10)
Language
German
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M- Seite 622. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 37. . M 1'' > ■ i ■ üSf-j' ■ ■I 1 i unb Schimpfwörter hinunterschluckte in seinen Bart, und die Knochen von den Gassen abhob, welche die Hunde übrig gelassen, damit er jetzt im weißen Feierkleide seiner Väter, gegürtet mit weißem Tuch, herausschreiten konnte aus seinem Schlafgemach, würdevoll, mit sicherem Fuß, wie der Hohepriester Judas, der vor die Bundeslade trat. So kam er festlich hervor, aus den verwunderten Jüngling zu, den jetzt die Frauen verlassen, um ebenfalls das Gewand der Freude anzulegen, wie ihre Mütter es nach dem Gebot der Propheten gethan, wenn ihr Herz jauchzte. Nochmals umarmte er den Sohn und hieß ihn willkommen, während draußen die Mägde geschäftig das Festmahl rüsteten und fröhlich ihr Gesang bei der Arbeit das Haus durchklang. Kaleb faßte Hellem am Arni und zog ihn in dem Prunkgemach umher. Er zeigte ihm das goldene Geschirr, das aufgetürmt umherstand und in dem magischen Licht seltsam und märchenhaft erglänzte; kostbare Gemälde in schweren Goldrahmen hingen an den Wänden, schwarzlockige Frauen- und Männergestalten traten aus ihnen hervor und kündeten mit begeisterten Zügen die Geschichte ihres Volks, da es noch in Hoheit an den Ufern des Jordan thronte und die Majestät Zions seine Stirn umleuchtete. Alle aber überstrahlte ein Bild, das lebensgroß zuerst dem Beschauer entgegentrat. Heimlich drängte Hellem den langsamen Schritt des Alten darauf zu; dann stand er davor und ein göttlicher Schauer rann wonnevoll durch seine Glieder. Es war, als ob Tamars dunkle Augen selbst ihm in die Seele hinabtauchten, ans den weichen, stolzen Lippen zitterte ein sehnsüchtiges Wort ihm entgegen. Ihm kam ein hastiges Gefühl des Neides und des Hasses wider den Maler, der es verstanden, dessen Auge es erlauscht, dessen Hand es wiedergegeben; doch es verflog unter der Allmacht der wunderbaren Schönheit, die wie feuriger Weiu feine Sinne berauschte, und mit kiinstlerischem Blick nahm er jede Falte des Gewandes wahr, die vollendet erschien wie das Ganze. Eine leichte Krone schwebte über dem Haupte des Mädchens, ihre Perlen leuchteten matt über dem dunklen Gelock, wie ferne Irrlichter aus der Nacht, dann floß es in schwarzen Wellen herab und ringelte sich wieder empor und überflutete die weiße» hervorblitzendeu Schultern. Juwelenagraffen hielten einen weiten Mantel, der, mit Hermelin verbrämt, ihre Gestalt bis zu den Füßen umwallte, doch er flatterte im Wind, und enganliegend kam das Gewand unter ihm hervor und verriet jede Form des schlanken Leibes bis zum Gürtel, der, aus Silber gewirkt, es zusammeuwob; allein uralt sah kairm fein Gewebe, denn er war mit Saphiren und Smaragden bedeckt, und wie das Licht auf ihn fiel, veränderte sich fein Glanz wie ein strahlenüberflossenes Meer. Wie eine Jungfrau in königlicher Pracht trat sie aus dem Rahmen. Draußen, in der Welt der Lebendigen, war ihr der Schmuck der Christensrauen verwehrt, und in demiitigem Gewände mußte sie wie eine Magd ihre Reihen durchschleichen; aber in ihre Kammer blickte niemand als der Mond und die Gestirne, und heimlich hüllte sie den jungen Leib in den Glanz, der ihrem Volk verboten, und war sie keine Edeldame, die zuversichtlich das Haupt aus den Gaffen erheben und im schleppenden Sammetgewand einherschreiten durste, schöner war sie und reicher und beglückter, denn die Hoheit der Töchter ihres V Volkes war ihr Erbe und der Zauber des Morgenlandes wob seinen Schimmer um ihre Stirn. Es erfaßte gewaltsam die Augen des Betrachtenden und wie verzaubert hingen sie an dem Bilde. Neben ihm stand ^die lang ausgereckte Gestalt des Alten, mit über der Brust 1 verschränkten Händen; wohlgefällig und behaglich ruhten auch seine Blicke aus dem Gemälde. Er murmelte leise mit den Lippen, sein Kopf nickte hin und her. „Die Steine liegen Stück für Stück in der Lade lind sie sind wert eine halbe Grafschaft," sagte er, mit den Lippen schmatzend. „Siehst Du den grünen vorn an der Brust, er ist wie eine Nuß aus dem besten Jahr, und ich würd' ihn nicht lassen unter eintausend Gold gülden." Doch Hellems Augen ruhten auf dem weißen Busen, an dem der kostbare Smaragd funkelte; ihm war, als ob die anmutige Rundung, die sich unter dem anschmiegenden Gewand erkennbar fortsetzte, sich höbe und senkte, und er seufzte- „Was seufzst Du, mein Sohn Hellem?" fuhr der Alte, ihn schlau anblickend, fort, „Du hast recht, es ist ein totes Kapital und trägt keine Percente. Aber es könnt' kommen ein Tag, wo Profit dabei wär', daß man sie könnt' nehmen und in die Tasche stecken, und hätt' sie bei sich, wenn —" Er brach ab, der Jüngling blickte ihm verwundert in die Augen, die plötzlich einen unruhvollen Ausdruck angenommen. Einige Sekunden sah der alte Kaleb im Zimmer umher, dann ging er schnell aus ein großes Bild zu, das dem des Mädchens gegenüber hing und mit einem seidenen Vorhang verschleiert war. Mit einem Ruck zog er die Hülle an einer Schnur zurück und sagte leise: „Sag' mir einmal, mein Sohn Hellem, was Du hältst von dem Gemälde?" Der Jüngling hatte einen Schritt vorwärts gethan, dann stieß er einen Schrei aus und blieb wie eingewurzelt stehen. Er überflog das farbenreiche, bunt mit Figuren bedeckte Bild; ihin war, als schlügen ihm die Flammen, die über den gemalten Dächern der zusanunenstürzenden Gebäude aufloderten, wirklich entgegen, als rieche er den feuchten Qualm, der im Vordergrund aus den versengten, sich im Todeskampf wälzenden Körpern ausstieg, als erstickte ihn der Rauch des flammenden Gebälks, der zum Himmel aufwogte und es ungewiß ließ, ob er .den Tag zur Nacht verfinsterte, ob das leckende Feuermeer die Nacht zum Tag erhellte. Aber es war nicht das, was ihn starr vor Verwunderung, vor Schreck innehielt. Es war das Gesicht des greisen Mannes, der unter den brechenden Quadern begraben lag und, von den Flammen umzüngelt, vergebens in Todesqual ansrang; es war das greise Haar einer Matrone, das, um die Faust eines rohen Kriegsknechtes geschlungen, blutrünstig die Haut von der Stirn riß, während der mit Nägeln beschlagene Stiesel des Soldaten den hilflosen Nacken zerquetschte, — es war vor allem das wunderbare Mädchenantlitz, das von düsterer, verzweifelter Angst entstellt aus dem Rahmen gegenüber herabgestiegen zu sein schien und mit der Kraft des Wahnsinns gegen die Hände des lachenden Siegerhaufens kämpfte, der mit gierigen Blicken die Arme nach ihr ansstreckte.

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