Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- Seite 618 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 618. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 87. solcher Weise seine Kinder erhalten? Was soll, was kann er thun, da er keine anderen irdischen Güter besitzt, als das spärliche Gehalt, das er während seiner Amtsthätigkeit zu erwerben vermag, so lange seine Kräfte es ihm gestatten? . . . Schreiber dieses weiß, daß Kultusbeamte von mehr oder minder leistungsfähigen Gemeinden mit ihrem Bewerbungsgesuche abgewiesen wurden, weil sie mehrere Kinder auszuweisen hatten, und daß diese Bedauernwerten stellenlos blieben und von der Wohlthätigkeit der Glaubensgenossen abhängig sind. Angesichts solcher bedauerlichen Thatsachen ist es Pflicht aller Gemeinden Israels, diese wichtige Angelegenheit in ernste Erwägung zu ziehen und Vorkehrungen zu treffen, damit dieses Nebel ehestens ans den Gemeinden beseitigt werde. Die Talmudisten lehren: „Vier Hauskinder, sagt Gott, hast du, und zwar deinen Sohn, deine Tochter, deinen Knecht und deine Magd. - Vier Hauskinder habe auch Ich, und zwar den Leviten, den Fremden, die Waise und die Witwe. Erfreust du die Meinigen, dann erfreue ich die Deinigen." Der „Levite" der Thora ist der heutige Kultusbeamte, der darum in erster Reihe der Huld der Besitzenden anempsohlen wird. Und wodurch könnte sich das Wohlwollen besser manifestieren, als durch Berücksichtigung jener Familienväter, deren Erhaltung ohne Anstellung in einer Gemeinde unmöglich ist? — Jskraut, der Wächter. Der antisemitische Abg. Jskraut, der neulich in einem von ihm angestrengten Beleidigungsprozesse eine so klägliche Rolle gespielt hat, hat am Sonntag in der Sophienkirche eine Probepredigt gehalten, da er sich um den vakanten Posten des 3. Geistlichen bewirbt! In der Einleitung sagt er: Er sei gekommen, um Berlin, das im Schlafe liege, aufzuerwecken. In Berlin giebt es viele, die sich Christen nennen, aber keine sind. Er sei gekommen als Wächter ans der Zinne, wie es eines jeden Geistlichen Beruf sei. — Es ist trotz der Probepredigt nicht ausgeschlossen, daß die Gemeindemitglieder geweckt genug fein werden, um sich nicht von Herrn I. wecken zu lassen. — Der „Reichtum" der polnischen Juden. Die statistische Abteilung der hygienischen Ausstellung in Warschau enthält sehr interessantes Material über die jüdische Bevölkerung Polens und deren Ernährungsverhältnisse. Wir erfahren zunächst aus einer von Herrn Okrzewski allsgestellten Tabelle, daß im Jahre 1893 die Zahl der Juden Polens 1224 652, — unter einer Gesamtbcvölkernng von 8 808969 —, also 13,9 pCt. derselben, betragen habe. Und zwar silld es die größerell Städte, in denen sie sich zllsammendrängen, — sie inachen 44,6 pCt. der gesamten polnischen Städte-Bevölkeruilg aus —, während in Dörfern nur 165 811, nur 2,6 pCt. aller Dorfbewohner Polens, leben. Noch interessanter. sind die Tabellen, die Herr Provisor Roskowski ausstellt, weil sie uns einen Begriff von der elenden Ernährung der Juden der Landstädte geben. Herr Roskowski imtersilchte 30 jüdische Hausierer aus Loszczow und verzeichnete die Gewichte ihrer wöchentlichen Nahrung. Er fand, daß ein jeder von ihnen 3000 Gramm Brot und 650 Gramm Fleisch in der Woche verzehre. Sachverständige sagten aus, daß den Arbeitsleistungen der untersuchten Männer ein wöchentliches Nahrnngsminimum von 7000 Gramm Brot und 2000 Gramm Fleisch entspreche. Zwölf von den 30 Männern trinken überhaupt keine geistigen Getränke, neun weitere nur sehr geringe Mengen, (20 bis 75 Gramm die Wockie). Das täalickw <«>,«» Juden, dessen Einkommen 200 Rubel im Jahre beträgt, giebt Herr Roskowski mit 773 Gramm an Werktagen und 1510 Gramm am Sabbate an. ß e u 111 e t o n. GroWrst Konstantin und K. Jücibn. Ein eherechtliches Feuilleton.*) Den klugen und umsichtigen Sammlern und Ordnern des Talmud muß man es nachrühmen, daß sie ihr umfangreiches Werl anziehend gestalteten und die Leser desselben zu fesseln verstanden. Im Talmud herrscht ein reges und bewegtes Leben; da sieht man die Jünger um ihre Meister geschart und hört Fragen, Antworten, Einwürfe, Ausrufe; da befindet man sich in einer Arena des Verstandes, wo die blanken Waffen scharfsinniger Diskussionen schimlnern und Gladiatoren des Geistes miteinander um den Sieg ringen; da bleibt der Leser nicht kalt und gleichgiltig, sondern erwärmt sich und folgt mit der größten Spannung den einzelnen Stadien des Wettkampfes, bald die eine, bald die andere der streitenden Parteien mit freudigem Beisalle begleitend. Die Widersprüche, welche hervorgehoben und gelöst werden, das Heranziehen des Entlegenen und Fremdartigen, um als Beweismittel verwendet zu werden, das Abgebrochene und Sprunghafte, das halb Hingeworfene und durch ein einziges Wörtchen Angedeutete — dies alles übt auf die Nerven des Lesers einen gewissen Reiz aus und facht immer von neuem sein Interesse an. Das laute Studium des Talmud giebt Gelegenheit zu allen möglichen Modulationen der Stimme: man erhebt den Ton der Frage, der Exklamation, der entschiedenen Einwendung, der beschwichtigenden Antwort, der Vermittelung und des Ausgleichs. Die Lektüre eines einzigen Blattes nötigt den lauten Leser, die ganze Tonleiter der öffentlichen Debatte auf- und niederzusteigen. Und gelangt man zu jenem Wörtchen, welches, wie die Glocke des Präsidenten zur Ruhe mahnt — ich meine das Wörtchem „Teku", d. h. „Nunmehr stille, Stillstand, Ende alles Streites" — so ist es einem zu Mute, als müßte man plötzlich aus einer Gesellschaft aufbrechen oder als wäre man gezwungen, einen Einwand, der einem auf den Lippen schwebt, zu unterdrücken. Und nun erst, wenn nach den scharfsinnigen, frappanten, an Zwischenfällen reichen Debatten der Halacha die aninutige und anziehende Hagada uns ihr Antlitz zuwendet und ihren Mund öffnet, da hören wir unterhaltende und zerstreuende Causerien, Anekdoten, Fabeln, Parabeln, Wortspiele, satyrische Anspielungen auf einen römischen Cäsar, auf einen römischen Präfekten, auf die Macht der Prätorianer, auf die römischen Frauen und römische Genußsucht. Die Halacha versetzt uns in einen Lehrsaal, wo Meister und Jünger im lauten Gespräche mit einander verkehren oder in ein Parlamentsgebäude, wo man Interpellationen an den Meister richtet, Anträge stellt und diskutiert. Die Hagada führt uns dann ins Freie hinaus, in einen großen, weiten Park. Da gibt es Blumenbeete, Springbrunnen, grünglänzendeRasen, trauliche Lauben, Rund- und Quergänge, da duftet es, rauscht es, zwitschert es, werden die Kräfte des Geistes befreit von den engen Banden halachischer Zucht und juristischer Schlußfolgerungen. Daher kommt es, daß diejenigen, welche auf dem Ringplahe des Talmud ihren Geist gestählt und gestärkt haben, ihm noch in *) Aus dem Nachlaß des Oberrabb. Dr. Jellinek s. A. 7 ' \ I h j; sJlr. 37. -fahren eine Ta wandelt man da ist alles einförmig ment der Rede und 8 Stimme, kein Heben u mißt man das Person da dehnt sich gleichsai wechslung, ohne p Lebenserscheinungen. Gesetzesparagraphen lenes Knallen und Sch Ausflaäern und Auls Gelegenheit bietet? Ter Talmud ist religiösen Schrifttum bedürftige Alter, wel trägt. TenSchulchan wegen feiner Gelehr ivärmen und begerst, mix ihm freuen, an! ergötzen. Als eitriger i ich mir: Wie kann artigen Grörterunge ohne ihnen auch \ An Feuilleton zu Jules Janin in lüdischen Ursprünge Ter Feuilletonist wi des Geistes, setzen si stc in einen losen $ gange, ohne sich ooi Sprüngen und Kon,