Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- Seite 609 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 36. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 609. _— 9h. 38. töc% er eben bilr4 tl' C§ ^riu wegen des k< .ötmetc Ue Brust leichter reine Frische wehte aus Boden herauf. Es war % und der Nase wohl 'alsen bedeckte. Tie Häuser len zurück; stellenweise war Mitlt, daß man die Hand tinüberznrcichen vermochte, l» die fast ohne Ausnahme Gerät und Gerumpel aller es alt und mit sichtbaren lltig gescheuert und geputzt, Trödelwaren vergangener d verblichene Malereien in und Beinkleider darunter iiigste nicht verschmäht und! erwägungsvoll ausgefiillt. n überall und blickten dem entgegen. Sie thaten es lugen, beweglichen Kinder- ,d auf den Stufen hockten n, die, ihre Bärte streichend, landen und den Tagsgeivinn prachen und über dies und iohn des Zachur, der ein d was er erlebt aus seinen er mit sich gebracht in die ickte Hellem umher. Tie vor seiner Erinnerung verrmdlich und doch wiederum handeln; ehrlich unb im Schweiß ihres Angesichts vom Morgen bis zum Abend, bis zn der Stunde, wo sie znrückkehrten in ihre bedruckte Heimat, mrd das Thor sich kreischend hiirter ihnen schloß, und sie die Fußtritte der Christenschuhe abwrrschen von den Gliedern, und ans die Striemen der Christenpeitschen den Balsani legten, mit dem ihre Vorahnen den Brand ihrer Geißelhiebe besänftigt, und saubere Kleider anzogen und vergnügt bei den Ihren saßen, schwatzend und das Geld zählend, das ihr Fleiß erworben und ihre Sparsamkeit vermehrt, und auf dem die Träume ihrer Zukunft sich wiegten. Ein bitteres Gefühl beschlich bei dem Anblick die Brust des Jünglings, der aus der Fremde znrückkam. Es überlief ihn mit wildem Grimm, mit heißen Gedanken der Vergeltung des alten Elends seines Geschlechtes, das er nie so qualvoll empflmden wie jetzt. Hastig kreuzten sich die Ströme in seinem Gehirn, cs geschah nur in dem kurzen Zeitraum, den seine Füße gebraucht, um aus der Ehristenstadt in das Ghetto einzutreten, und er ward ans seinen Träumen aufgerissen, denn hundert Hände streckten sich bewillkommnend nach ihm aus und faßten seine Schultern und begrüßten ihn. Freudig erwiderte er ihren Empfang und schüttelte jedem die Hand. Immer mehr drängten sich um ihn; die droben in den Fenstern gelegen, kamen herab, ringsum erdröhnten die Treppen von eilfertigen Tritten. Ein pfiffig blickender Jndenknabe löste sich ans dem Gewimmel und lief behend die Gasse hinunter, bis er eine breite Steintreppe empoisprang und in der Thür eines massiven hochstöckigen Hauses verschwand. Um den Ankömmling aber scharte sich immer dichter die Menge. Bedächtigen Schrittes traten die Alten fragend hinzu; alle wollten hören, und alle sprachen durcheinander, nur die Mädchen standen von fern und blickten neugierig mit den großen Augen hinüber, und ein attgemeiner Jubel lief von Lippe zu Lippe die Jndengasse hinunter: „Es ist Hellenc, der Sohn Kalebs, der znrückgekommen ist aus der Fremde." Plötzlich verstummte das freudige Gesumme des Hausens, denn ein scharfer Laut ertönte dicht neben ihm und das eiserne Thor drehte sich widrig kreischend aus der Angel und schloß sich. Hellem blickte unwillkürlich nach der Ursache des Geräusches umher, dann gewahrte er sie, und ein Blitz des Hasses flammte in seinen Augen auf. Er blickte in die Gesichter der Umstehenden — manche waren an den Ton gewöhnt und hatten ihn kaum vernommen, doch manche wichen scheu dem Ansdruck seiner Augen aus, das Bewußtsein ihrer Schmach lag über ihnen und sie senkten errötend die Stirn. Einige Sekunden war die eben so fröhlich erregte Menge totenstill. Abgeschlossen waren sie von der Welt draußen, die das Recht hatte zu leben, die Luft des Himmels zu atmen, in der Abendkühle an den Wassern des Rheins zu wandeln, — unsäglich bitter durchwogte die Empfindung der Knechtschaft das ansgestoßcne, in die Fremde verschlagene Volk. Von dem Turme Marias zum Kapitol ertönte die Betglocke der Christen; sic ries über die Dächer, daß die Stadt von dem Hauch der Ungläubigen gereinigt, daß ihre Herde von den Wächtern in die düstere Hürde zusammengetriebcn sei, und daß die Andacht der Frommen ungetrübt zum Ohre des Christengottes emporsteigen könne — um wenige Almuten später hätte der Heimkehrende das Thor, das zu seinem Vaterhanse führte, verschlossen gefunden, und das Gesetz, das keinem Inden außerhalb des Ghetto zu übernachten gestattete, hätte ihn aus das Feld zurückgejagt wie einen Hund. Er machte sich jetzt von den begrüßenden Händen los und schritt die Gasse hinunter. Doch die Menge folgte hinter ihm drein; leicht vergaß sie die Schmach, an die das Elend von Jahrhunderten sie gewöhnt, — wie die Brust des Gefangenen endlich gleichgiltig die Kerkerluft atmet, die sie im Beginn mit Abschen zurückgestoßen — und sie geleitete den Jüngling in wogendem Gedränge bis an das Haus, in welchem der Judenknabe verschwunden, und Jubel flog wieder von Kopf zn Kopf: „Es ist Hellem, der Sohn Kalebs, der heimgekommen ist aus der Fremde." „Tamar, mein Kind, Tamar!" rief in diesem Augenblick eine Stimme, die klangreich und zitternd zugleich scholl, aus dem Innern des Hauses. Eine hellere antwortete aus der Ferne und die erste fuhr fort: „Rufe Deine Mutter Lea aus der Kammer, und die Mägde, und was im Hause mein Brot ißt, daß sie herunterkommen und —" Der Nachsatz verklang nach innen; dann trat der Sprecher ans die Schwelle der Thür. Er war hoch gewachsen und hielt sich würdevoll ausrecht, trotz dem Alter, das grau um seine Schläfe lag und in langem Silberbart von seinem Kinn herabfloß. Ein dunkelfarbiger Rock, der am Halse begann und enganschließend bis auf die Füße niederfiel, zeigte die schlanke, biegsame Gestalt, die mit über der Brust gefalteten Händen jetzt regungslos auf der Thürschwelle stand und dem herannahenden Volkshaufen entgegensah. Regelmäßig und schön war der Kopf des alten Kaleb und seine Lippen noch in voller Rundung und frisch, wie die Jugend. Begierig sog er die Rufe mit ihnen ein, die zu ihm herübertönten, und die dunklen, flammenden Augen irrten an der hageren, scharfgeschnittenen Adlernase vorbei und suchten sehnsüchtig unter den gedrängten Köpfen; doch er regte sich nicht, er verzog keine Miene, nur seine Finger zitterten so gewaltsam, daß er sie in den Schlitz seines Rockes verbarg. Dann endlich hatten seine Augen gefunden was sie suchten, und die Lippen murmelten, ihre Aufregung meisternd, vor sich hin: „Ja, er ist es, es ist mein Sohn Hellem, der heimgekommen ist aus der Fremde." Und wie er es gesprochen, war der Jüngling die Treppe hinanfgeflogen, er lag zu den Füßen des Vaters und legte die Stirn wider seine Knie. Einen Augenblick war es, als ob der Alte sich niederbücken und ihn aufheben wollte, doch er bezwang sich und richtete sich noch höher empor; er setzte das schwarze Käppchen, das er in der Hand gehalten, auf seinen Scheitel und sprach mit fester Stimme: „Siehe, der Gott Israels ist über Dir gewesen und hat meinem Hause Freude gegeben. Sieben Jahre bist Du in die Fremde gegangen, wie Jakob, der Sohn Isaaks, und hast dem Herrn gedienet, denn der Herr hat Dich gesegnet und Dich zurückgeführt in das Haus Deiner Väter. Er hat Dich mir gegeben an Sohnes statt, und darum sage ich es