Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- Seite 608 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 608. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. Zg keine Zukunft"; aber es ist stets ein Kunstgriff der Trägen, sich damit zu entschuldigen, daß ja die Arbeit doch fruchtlos sein werde; einer, der kühn das Banner der Wahrheit erhebt, kann tausende begeistern, ihm zu folgen; ein Feigling kann viele mit seiner Furcht anstecken. Im Kampfe des Geistes entscheidet nicht die Menge, sondern der Mut und die Kraft der Wahrheit. 6. R. Das größt Sterben. Novelle aus dem deutschen Mittelalter von Wilhelm Jcuscn. (Fortsetzung.) Nachdruck untersagt. „Euren Segen dem Unwürdigsten aus der Herde Christi, hochwürdiger Pater," brach er, den Kopf bis aus die Fensterbank hernnterbückend, ab und murmelte ein Paternoster zwischen den verschrumpften Mundwinkeln hinter der wohlgenährten, schwarzen Gestalt drein, die mit erhobenen Händen zwischen den aus die Kniee gefallenen Leuten durchschritt und murmelnd einen lateinischen Segeusspruch über sie ausspendete. „Sybille, Kind," sagte der Alte, den Kopf wieder erhebend, unwillig, „sahst Du nicht, daß der Hochwürdige vorüberging?" Das Mädchen hatte nur auf die ersten Worte des Vaters Acht gegeben und während der Andachtsbezeugung desselben noch immer aufmerksam die Straße hiuuntergeblickt. „Also ist die schone Tamar gar nicht seine Schwester?" versetzte sie nachsinnend. „Wessen Schwester, — wessen Schwester, Kind?" brrrmmte der Alte, mürrisch zu ihr aufstarrend. Sybille schüttelte den Kopf, ohne zu antworten, sie warf noch einen Blick durchs Fenster, aus dem der Alte wieder auf die Straße hinausschaute; daun trat sie ins Zimmer zurück und beschäftigte sich mit den Blumenstöcken am Kaminsims, von denen sie hier und da ein welkes Blatt abbrach und leise dazu Bruchstücke einer alten Volksweise vor sich hinsnmmte. Ter junge Mann, den der Thorwart Junker Hellem genannt, war unbekümmert weiter geschritten. Ab und zu mochte er sich wundern, daß die Leute sich seiner noch so genau erinnerten; war er doch fast noch ein Knabe gewesen, als er die Stadt verlassen. Oft hörte er im Vorübergehen: „S'ist der Sohn des alten Kaleb, er bringt neues Gold aus der Fremde," und ein mißgünstiger Blick folgte ihm nach. Manchmal rief auch er einen Gruß hinüber oder stand flüchtig still, wechselte ein paar Worte mit einem Bekannten und reichte diesem und jenem die Hand. So kam er tiefer ins Innere der Stadt. Allmählich wurden die Straßen winkliger und enger, oben traten die gezackten Giebel dichter zusammen, und nur ein dämmerndes Licht fiel mehr von dem schmalen Stückchen grauen Himmels, das darüber lag, herab. Hellem aber ging unbeirrten Fußes aus einer Gasse in die andere, bis er an eine Stelle kam, wo ein massives Steinthor mit doppelter Gitterthür vor ihm die Straße abschloß. Die Eisengitter waren geöffnet, doch er blieb vor ihnen stehen und ordnete seine Kleider. Er gürtete sich fester und schlug den Staub vorr seinen Füßen, dann trat er mit klopfendem Herzen über die Schwelle des Thors. Dies führte in eine enge, von hohen Häusern umsehlossene Gaffe, die arfffällig von den andern, welche er eben durchwandert, abstach. Dumpfluftig war es darin wegen des beschränkten Raumes, doch trotzdem atmete die Brust leichter, denn es war angenehm kühl, und eine reine Frische wehte aus dem alten Gemäuer und aus dem Boden heraus. Es war alles sauber umher, und that dem Auge und der Nase wohl nach dein Unrat, der die übrigen Gassen bedeckte. Die Häuser sprangen unregelmäßig vor und traten zurück; stellenweise war der Raum zwischen ihnen so beschränkt, daß mau die Hand aus einem Fenster ins andere hiuüberzureichen vermochte. Steintreppen führten ab und zu in die fast ohne Ausnahme offenstehenden Thüreu, darauf lag Gerät und Gerümpel aller Art ausgestellt und gehängt. Alles alt und mit sichtbaren Spuren des Gebrauchs, aber sorgfältig gescheuert und geputzt, daß kein Stäubchen daran hürg. Trödelwaren vergangener Zeit, Geschirr znm Tagesbrauch und verblichene Malereien in verschossenen Rahmen, auch Röcke und Beinkleider darunter und sonderbarer Aufputz; das geringste nicht verschmäht und jede Lücke des beschränkten Raumes erwägungsvoll ausgesüllt. Sparsamkeit und Thätigkeit kauerten überall und blickten dem Beschauer mit verständigen Augen entgegen. Sie thaten es jetzt auch mit wirklichen Augen, klugen, beweglichen Kinderangen, die aufmerksam umschauend auf den Stufen hockten und dem Gespräch der Alten zuhörten, die, ihre Bärte streichend, behäbig in den Thürcn saßen oder standen und den Tagsgewinn überschlngen. oder über die Welt sprachen und über dies und jenes, was Simeon gesagt, der Sohn des Zachur, der ein Stern war unter seinem Volk, und was er erlebt aus seinen Reisen irr der Fremde, und was er mit sich gebracht in die Heimat. Mit verwunderten Augen blickte Hellem umher. Die Bilder seiner Kinderheimat waren vor seiner Erinnerung verblichen und sahen ihn seltsam befremdlich und doch wiederum schmerzlich vertraut an. Die Welt draußen war so groß, und er hatte sie so frei und so fröhlich durchmessen, und während all der Zeit, da die Sonne geschienen, Winter und Frühling gekommen und verschwunden und wieder gekommen in langer Reihe, hatten sie znsammengedrückt hier gesessen in der dumpfen Gasse, die den Himmel nicht sah und kein Vogellied vernahm. Das eherne Gitter that sich ans, wenn der Tag kam, und es schloß sich zu mit der Dämmerung, wie der Käsig eines Raubtieres, das der Wärter mit der Peitsche hinter die Stangen zurückscheucht. Kalt und eisern lag das Gitter zwischen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, die in den Kirchen gepriesen und in den Christeuschulen gelehrt wurde, und dahinter hatten sie gesessen mit dem tausendjährigen Gram auf der Stirn, abgeschnitten von aller Lebenssreudigkeit, die Kinder und die blühenden Mädchen des alten Pariavolks, bis sie welk vor der Zeit geworden und ihre Sehnsucht aus dem versagten Glück der Gegenwart sich hinüberflüchtete in die uralten Mären der Heimat, die von den Vorvätern auf die Väter gekommen, die sie mit gläubig vertrauensvollen Lippeir wiederholten, daß ihre Söhne sie dereinst den Enkeln überlieferten. Geduldig hatten sie hirrter dem Gitter geharrt, bis es sich öffnete und sie hervorkrochen, um zu handeln, zu handeln, zu Nr. 36. handeln; ehrlich v bis znm Abend, ihre bedrückte £)' ihnen schloß, un nmsche» von den peitschen den Bl Brand ihrer Gei zagen und vergi das Geld zählen samkeit vermehrl sich wiegte». Ein bitteres des Jünglings, i ihn mit wildem des alten Elende Gehirn, cs gesc Füße gebraucht, einzntreten, und den» hundert H aus und sagten Freudig err die Hand. Fm in den Fensteri die Luppen vi Jndenknabe las Gasse hinnnter und in der Ä schwand. Ilm dichter die Me fragend hinzu: einander, nur l gierig mit den Jubel lief von ist Hellem, de: der Fremde.' Plötzlich v denn ein scharf Thor drehte si 14 Hellem ( Busches umher, flammte in feie llmstehenden - ßEen ihn kau Ausdruck seine lag über ihnen