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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-09-04 · 36 (4.9.1896) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
Seite 606 (sequence 10)
Language
German
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Seite 606. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. IC Nun braucht ein Viehmarkt nicht nur Verkäufer, sondern auch Käufer, und die Käufer sind Christen. Wenn diese nun aus Frohnleichnamstag nicht gekommen wären, um zu kaufen und die Inden hätten ihr Vieh wieder Heimtreiben können, dann sind wir überzeugt, würde das nächste Mal ohne Eingabe der Frohnleichnamstag ein Grund gewesen sein, den Viehmarkt zu verlegen." — Wir haben diesen sachlichen und zutreffenden Ausführungen, ein einziges Fragezeichen ausgenommen, nichts hinzuzufügen. — Auch Du, mein — Tasso?! Ein höchst interessanter alter Pfandschein ist in Florenz in einem Kuriositätenladen aufgestöbert worden. Er fand sich in einer Mappe, die mit alten Briefen und Skizzen gefüllt war und trägt das Datum 1570. Die Unterschrift — man höre und staune! — ist die des Torquato Tasso und der Schein enthält die Worte; „Ich, der Unterzeichnete, bestätige hiermit den Empfang von 25 Lire von Signor Abraham Levi, wofür er als Pfand erhalten hat: ein Schwert meines Vaters, 4 Leintücher und zwei Tischdecken. — Am 2. März 1570. Torquato Tasso". — Die Juden und der Weltfrieden. Gelegentlich des in Saratoga (Amerika) tagenden Kongresses für schiedsrichterliche Beilegung von internationalen Streitfällen haben die jüdischen Bürger von New Dort und anderen Städten eine Kundgebung für die Bestrebungen des Kongresses in großem Maßstabe erlassen. Von besonderem Interesse ist es, daß die Seelsorger nicht nur der amerikanischen, sondern auch der englischen Gemeinden von Kanada mit ihrem ganzen Einffuffe für den Kongreß eintreten. Die Kundgebung schließt mit den Worten: „Wir Seelsorger verpflichten uns, von der Kanzel und der Tribüne, durch die Presse und durch Vereine die heilige Sache des Friedens zu fördern und bei jeder Gelegenheit die öffentliche Meinung zu belehren, daß die schiedsrichterliche Entscheidung der einzige Weg zur Beilegung internationaler Differenzen ist, der der Vernunft, der Menschen- > liebe, der Gerechtigkeit und Frömmigkeit entspricht." Feuilleton. Der Fanatismus -es Klaubens und brr Fanatismus des Unglaubens. (Zum Neujahrsfeste.) Die Religion hat schlimme Feinde, die ihr aus ihrem eigenen Boden erwachsen; einer der heftigsten und gefährlichsten war von jeher der wahnwitzige Eifer, der keine andere Meinung neben sich dulden will, der unter der Maske der Frömmigkeit in der Vergötterung der eigenen Ueberzeugung soweit geht, daß er gegen jede andere mit Feuer und Schwert wütet. Nicht ganz so schlimm als anderwärts hat die Unduldsamkeit aus dem Boden unserer Religion gerast, deutlich sprechen es unsere Propheten, unsere Weisen aus, daß Gott nicht im Sturm, nicht im Feuer, sondern in der Milde und Liebe sich offenbart; aber Opfer genug hat der Fanatismus auch in unserer Mitte gefordert; der Talmud meldet, daß der Tempel zu Jerusalem in der Zeit des Titus zerstört worden ist „durch Streiten um nichts", durch Rechthaberei, die geringe Unterschiede gewaltig aufbauschte und den Bürgerkrieg in das von den Römern bedrohte Land trug. So ansteckend ist die Unduldsamkeit, das sogar diejenigen, welche unter außerordentlichen Gefahren der Inquisition entflohen waren und in freien Ländern Gemeinden gebildet hatten, in ihrer eigenen Mitte den sinstern Geist der Verfolgung nährten, der in ihrem Mutterlande so übermächtig war und unter dem sie selbst so sehr gelitten hatten, daß in diesen neuen Gemeinden, wie bekannt, zuweilen Bann und Acht verhängt wurde über diejenigen, die auf anderen als den vorge-! schriebenen Wegen Gott suchten. Noch im Anfänge dieses Jahrhunderts loderten die Glaubensseuer auf den Vorhöfen jüdischer Gotteshäuser; freilich wurden nicht Menschen, sondern Bücher verbrannt; aber es waren doch Bücher voll religiösen Geistes, Mendelssohns Uebersetzungen der heiligen Schriften, an denen sich roher und unwissender Eifer so keck versündigte. Noch heut züngelt das Feuer des Fanatismus überall empor auch in unfern Kreisen, und ein Mann, der sein ganzes - Leben jüdischer Wissenschaft gewidmet hat, ist nicht davor sicher, daß irgend ein Ketzerrichter über ihn den Stab bricht und ihn als einen Abtrünnigen und Verlorenen verklagt. .! Indes, so unbequem und beschwerlich der religiöse Fanatismus ■; heute werden mag, als gefahrvoll ist er wohl kaum zu bezeichnen; man kann es beklagen, daß der ohnedies schon; mächtigen Phalanx der Feinde aller Religion durch diese I Unduldsamkeit noch Vorschub geleistet wird, daß der so not-! wendige Bund zwischen Religion und Aufklärung, die zu ein-; 1 ander gehören wie Gemüt und Geist, durch diese despotischen Gelüste des Glaubens gelockert wird, aber jene Ausschreitungen der Glaubensverfolgung, von denen aus früherer Zeit berichtet wird, sind heute nicht mehr wahrscheinlich. i i Weit bedenklicher ist heute der Fanatismus der Jrreligion, j: der an Heftigkeit, an Gleichgiltigkeit in der Wahl der Mittel -. dem religiösen Uebereiser früherer Zeiten nichts nachgiebt, der; auch schon sich mit Blut befleckt hat, wie vordem die Glaubensgerichte. Was hat heute ein Israelit zu dulden, der den \\ Glauben seiner Väter mit ganzer Seele bekennt und ihn in seinem j Leben bewähren will, der noch die Altäre verehrt, auf denen j j Israel seinem Gott opfert. a Der Sänger der Psalmen rühmt von sich: „Uebermütige > verspotten mich gar sehr; von deiner Lehre bin ich nicht ge- |j wichen." Das ist inderthat ein stolzer Ruhmestitel. Ein j großes Martyrium für eine heilige Sache zu erdulden ist j leichter als all die kleinen Nadelstiche auszuhalten, die heut I, in Ueberfülle dem religiösen Menschen vonseiten seiner Kameraden, seiner Freunde, ja im elterlichen Hause selbst zn- | teil werden. Um sein Leben hinzugeben bedarf es der Be- ]; geisterung des Moments: dann ist alles vollbracht und der ]? religiöse Heroismus hat triumphiert. Aber all den Pfeilen J; zu widerstehen, die aus dem unerschöpflichen Köcher des Spottes j; hervorgeholt werden, dazu gehört eine Geduld, eine Aus- | bauer, eine stille Tapferkeit, die höchst selten sind, die hoher . Ehren wert sind. Wenn noch der Spott von denen käme, die nicht zu unserm Glauben sich zählen, die fremd unseren Bräuchen und Lehren gegenüber stehen. Aber so ist es nicht; hier gilt das

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