Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- Seite 604 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 604. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. schlossen ist, so hat er sich gründlich geirrt. Ja, die Verblendung der Frankfurter geht so weit, daß der größte Teil der Adaß Jeschurun nun sogar die Forderung stellt: „Eine Neuwahl vornehmen! Herr Dr. Breuer hat gekündigt, hat Abschiedsrede gehalten, die Stelle ist also vakant geworden und kann nicht wieder ohne eine Neuwahl besetzt werden!" — Nun, Herrn Dr. B. bleibt noch immer die Möglichkeit, diese Forderung als das Bestreben aufzufassen, ihm durch eine Neuwahl ein großartiges Vertrauens-Votum zu geben. — Was nun kommen wird, weiß man nicht. Sicher ist, daß die Adaß Jeschurun gar nicht erbaut ist von dem Spott, für den sie Herrn Dr. B. vertrauensvoll sorgen lassen kann. Thatsache ist ferner, daß Herr Dr. B. am Sabbat nach seiner Abschiedsrede noch keine Antrittsrede gehalten hat, was man doch in Analogie dessen, daß aus „Schwarz-Schabbos" (Sabbat Chason) der „Sabbat Nachamu" folgt, wohl hätte erwarten können. — In der größten Verlegenheit wird freilich der — liebe Gott sein. „Der Ribbaunau schel aulom wird sich" — wie Rabbi Tewele Bondi einst in einer Deroscho sagte — „jetzt gar keine nsy (keinen Rat) mehr geben können", was Er jetzt mit der bedrohten Grenzprovinz „Schiffschul" anfangen soll, da der „treue Diener", der „bedeutende, charakterfeste, außerordentlich gelehrte und befähigte Mann" *) sich nun weigert, die „Residenz" zu verlassen, und im „Bewußtsein, in Wien für unsere heilige Sache wie wenige wirken zu können", die Stelle an der Wiener „Schiffschul" anzunehmen. In diese Verlegenheit hätte Herr Dr. B. den Ribbaunau schel aulom wirklich nicht bringen sollen, ebensowenig wie es der „Israelit" verdient hat, von Herrn Breuer so dementiert zu werden. Die neuesten Nunimern des „Israelit" enthalten kein Sterbenswörtchen über Herrn Dr. B. und sein Bleiben in Frankfurt — ist das nicht ein beredtes Schweigen? — Difficile est satyram non scribere. „Es fällt schwer, keine Satyre zu schreiben." Z»r Lage in llnpni. (). W. Budapest, 28. August. Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir, daß ich von hier aus mein vielleicht bescheidenes Wort erhebe, um die Lage der Juden in Ungarn von etwas neuerem, aber wohl nicht ganz neuem Gesichtspunkte ans zu beleuchten. Es geschehen hier auch Dinge, die gewiß bald — sobald sie Gelegenheit haben — dieselben Ereignisse zeitigen werden, ja vielleicht noch in häßlicherer Form, wie die Wiener Angelegenheiten. Leider sind unsere konfessionellen Blätter zu sehr von Parteizwist befallen und vergeuden ihre besseren Kräfte, Neologe und Orthodoxe, aus gegenseitige Niederreißung, als wenn sie gar keine äußeren gemeinsamen Feinde hätten. Und in der Beurteilung der Erreignisse und deren Konsequenzen sind sie etwas optimistisch. Die Rezeption hat uns ganz verblüfft; ich meinerseits glaube nicht so fest an die wirkliche überzeugungstreue Judensreundlichkeit der liberalen Partei. *) Vgl. „Israelit" Nr. 66: „Ein Wort zum Abschied." Sehr oft bemerke ich Symptome, wo mir die „Verfolgung" der Volkspartei durch die Regierung nur als eine scheinbare Verfolgung vorkommt. Vielmehr glaube ich schon seit langer Zeit, daß unsere Regierung hier — ä la Badeni — eine Macht emporwachsen läßt, die ihr gar nicht so sehr zuwider ist, um im geeigneten Momente sich mit diesem „Feinde" zu fusionieren. Unsere liberalen Blätter wetteifern darin, daß sie bei Mitteilung einer Volkspartei-Versammlung die Anzahl der Anwesenden aus die Hälfte oder sehr oft auf den zehnten Teil verkleinert vorgeben. Warum die Krankheit nicht konstatieren, so wie es ist und steht? Durch solche gewissenlose Jgnovanz wird der antisemitischen Volkspartei nichts geschadet und den Juden nichts genützt. Oder heißt das schon die „Verfolgung" der Volkspartei? Wer weiß, ob diese Ignoranz nicht auch einen feineren, taktischeren Antisemitismus in sich birgt, und die jüdischen Mitarbeiter der liberalen Blätter, die solche Jrrdaten verbreiten und dadurch die Verteidigung hemmen — oder sich zur Verteidigung erst zu spät anschicken — sind auch die unwillkürlichen Mitarbeiter des Antisemitismus. Vieles, vieles sollte bei uns anders sein, als es ist. Wir haben in den letzten Jahrzehnten sorgloser gelebt, als unsere deutschen Stammesgenossen, wir waren mit dem Antisemitismus nie in solch direktem Verkehr, als unsere deutschen und österreichischen Genossen, und haben von den Ungarn gelernt, den Schaden, das Feuer erst danu wahrzunehmen, wenn uns das Feuer schon auf die Nägel brennt. Im Parlament sitzen die Juden — mit Ausnahme eines — auf den Regierungsbänken. Wenn es wahr ist, daß das ungarische Volk so ties in der Seele den Juden gut gesinnt ist — was ich selbst glaube —, wozu dann diese unbegrenzte Anhänglichkeit zur Regierungspartei, da es ja doch nicht die Regierung ist, die uns beschützt, sondern die öffentliche Meinung, das Volk. Die liberale Partei, also die Regierung, ist in dem Auge des Volkes so ziemlich unsympathisch, und unsere jüdischen Abgeordneten — die nebenbei gesagt, die dringendsten Gelegenheiten versäumen, um ihre Worte gegen die gewissenlosen und höchst ungesetzlichen Blutmärchen-Agitationen der Volkspartei zu erheben — degradieren sich meistens zu willenlosen Stimmapparaten der Regierung. In der Lueger-Angelegenheit hat auch kein einziger Liberaler das Wort erhoben, um die Regierung zu interpellieren, sondern nur ein 1848er Opponist, Meßlenyi, war es, der dies that. Die Vogel Strauß-Politik-Antwort des Ministerpräsidenten ist Ihnen ja gewiß bekannt. Was nützt es unswenn einzelne jüdische Großindustrielle oder Großkapitalisten mit Ritterorden dekoriert werden, nebstbei aber die Verbreitung, ja sogar sehr oft die ungesetzlichste, hetzerischeste Verbreitung des Antisemitismus geduldet wird? Das dürfte auch denr „Asemitismus" etwas ähnlich sein — dekorieren wir den Juden, aber nehmen wir ihnen die Luft. Ungarn war bis in letzter Zeit eine Insel der religiöse» Toleranz. Wenn wir aber auch hier den Boden verlieren, welches Land wird dann das für die Antisemiten beschämende Beispiel bieten, um sie vor noch frecheren Hetzereien zurückzuhalten? Nördlich haben wir galizischen und russischen Antisemitismus, westlich den österreichischen und deutschen, südlich