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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-09-04 · 36 (4.9.1896) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
Seite 602 (sequence 6)
Language
German
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Seite 602. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. der Abreise festgesetzt war, und einige Getreue sich in Gala geworfen hatten, um dem scheidenden Lehrer an der Bahn noch eine „glückliche Reise" zuzurufen — ganz im letzten, im allerletzten Augenblicke hat sich das Blatt gewendet: Herr Dr. Breuer bleibt! Das Interregnum „von Breuer bis Breuer" hat also nicht lange gedauert; die Trauer der Anhänger, der Jubel der Gegner haben ein schnelles, ganz unerwartetes Ende gefunden: die Trauer hat sich in Jubel, der Jubel in Trauer verwandelt; Rabbiner Dr. Breuer geht nicht nach Wien, er bleibt in Frankfurt! — Sie kam wie ein Blitz aus heiterm Himmel, diese Kunde; man hätte es für ebenso wahrscheinlich gehalten, daß der Himmel zur Erde stürzt, daß . . . daß Stöcker der Nachfolger Breuers wird, als daß Breuer sein — eigener Nachfolger werden würde. Man war in den Kreisen, die die Sache näher angeht, einfach wie vor den Kopf gestoßen. — In dem großen Erstaunen, in der Aufgeregtheit und Ueberraschung war der erste klare Gedanke, der sich aller bemächtigte: Was ist denn geschehen, wodurch das Unglaubliche zum Ereignis geworden? Wer, was hat dies Wunder bewirkt? Welcher deus ex machina hat diese Peripetie herbeigesührt? Nun, der deu8-ex machina war durch einige geschickt hingeworsene Andeutungen der Anhänger Breuers bald gefunden: Baron Rothschild, so hieß es, habe beim Abschiede den Herrn Dr. Breuer veranlaßt, gezwungen — wenn Rothschild „veranlaßt", dann „zwingt" er, nach Frankfurter Begriffen — in Frankfurt zu bleiben. Man hatte also gleichsam die Rechnung ohne den „Wirt" gemacht. Bei Herrn Baron Rothschild ist es nichts Ungewöhnliches, daß „seine Gedanken nicht unsere Gedanken" sind. Von seiner höhern Warte ans, von seiner über der Menschen Kleinlichkeit, über der Parteien Haß und Liebe erhabenen Stellung ans habe er das Schwert, als es schon verderbendrohend über den Hals der Adaß Jeschurun niedersauste, zum Stillstand gebracht und in die friedliche Scheide zurückgeführt. Diese Erklärung fand viel Glauben, denn wer außer Rothschild hätte ein so Unmögliches möglich machen, ein solches Wunder bewirken können? Freilich fragte man sich auch: Was mochte wohl Rothschild dazu veranlaßt, welche Motive mochten den Herrn Baron geleitet haben? Auch darauf war eine Antwort zu finden. Die Freunde Breuers erblickten darin einen Zug des Rothschildschen Frankfurter Patriotismus: Frankfurt sollte diese herrliche Perle in seiner reichen Krone nicht verlieren. Sie erblickten darin einen Beweis, daß sie den Herrn Baron zu ihren Parteigenossen, zu den Verehrern Breuers zählen durften. Die Gegner Breuers-, die die bittere Pille einer solchen Parteinahme des Herrn Baron für Breuer freilich nur schwer hinunterschluckten, gaben die Erklärung: Rothschild wollte einen verhängnisvollen, erbitterten Wahlkamps der Adaß- Jeschurun-Gemeinde ersparen. Daneben kursierten auch Gerüchte, es habe Herr Dr. Breuer in den letzten Tagen den Vertrag von dem Vorstande der „Schiffschul" erhalten, und dieser Vertrag sei in wesentlichen Punkten von dem Ideal abgewichen, welches der „Israelit" die ganze Zeit über von der zukünftigen Stellung Breuers schmeichelnd skizziert hatte. In diesem Vertrage habe ein Paragraph gelautet: „Ohne Erlaubnis des Oberrabbiners Dr. Güdemann dürfe Herr Dr. Breuer keine Trauung vollziehen." Ein anderer Paragraph habe dasselbe von den Grabreden stipuliert u. s. w. Davon habe der Herr Baron gehört, und das habe ihm doch keine würdige Stellung geschienen für einen Mann, der in — Frankfurt a. M., wenn auch nur in der Adaß Jeschurun, Rabbiner geivesen. Eine andere Version führte das allgemein bekannte gute Herz Rothschilds ins Treffen: Rothschild habe Mitleid mit dem solchergestalt seiner besten Revenüen beraubten Dr. Breuer gehabt, und da dieser in seiner unbegrenzten Selbstverleugnung trotzdem nach Wien gehen wollte, so habe Rothschild einen Machtspruch gethan: er habe es einfach nicht geduldet. Die Legende von dem so schroffen Eingreifen Rothschilds in die Gemeinde-Angelegenheit der Adaß Jeschurun begegnete freilich, besonders bei denen, die den Herrn Baron näher kannten, auch sehr lebhaftem Zweifel, und wie berechtigt dieser war, das hat sich inzwischen ganz evident erwiesen: Diese Legende ist durch eine dem Herrn Baron nahestehende Persönlichkeit einfach dementiert worden. Da nun so alle Stränge reißen, die aus der exzeptionellen Größe Breuers geflochten sind, gewinnt allmählich eine viel einfachere Erklärung immer mehr Glauben, die an das „Menschlich-Allzumenschliche" in Breuer anknüpft. Man sängt nämlich an zu glauben, — woran Herr Direktor Dr. Hirsch noch nie gezweifelt haben soll, — daß Herr Dr. Breuer von vornherein gar nicht die Absicht gehabt habe, nach Wien zu gehen, indem er am allerbesten wissen konnte und wissen mußte, daß der Weg von der „Adaß Jeschurun" zur „Schiffschul" nicht aufwärts, sondern abwärts gehe. Allein er habe seiner Gemeinde Gelegenheit geben wollen, ihm Beweise ihrer Anhänglichkeit und Verehrung zu geben, ihn nicht sortgehen zu lassen, ihn zu zwingen, in Frankfurt zu bleiben. Warum er das gethan? Naive Gemüter glauben, erhübe gefühlt, daß der Boden unter seinen Füßen nicht mehr so fest sei; er habe eingesehen, daß er einige Fehler gemacht, und er habe den etwaigen Versuch der Gemeinde, ihn das fühlen zu lassen, im Keime ersticken wollen, indem er den Teufel: Demission und Uebersiedlung an die „Schiffschul", recht grell an die Wand malte. War das seine Absicht, so war sie ganz verfehlt, und es konnte keine ungünstigere Situation gewählt werden, als die Zeit nach den Affairen „Neuhos" und „Lebrer Plaut", wie ja der Ausgang gezeigt hat. Aber diese Annahme ist eine Naivität: Rabbiner Dr. Breuer ist von seiner Unfehlbarkeit so durchdrungen, daß ihm nichts ferner liegt, als die Erkenntnis, einen Fehler gemacht zu haben. Wäre diese Erkenntnis vorhanden, so giebt es anvere, kürzere, weniger gefährliche und weniger aufregende Wege, um Fehler gut zu machen, als das „Schiffschul'- Va banque-©piel Herr Dr. Breuer ist von der festen Ueberzeugung durchdrungen, daß die Adaß Jeschurun täglich dem himmlischen Vater für das hohe Glück, ihn zum Rabbiner zu haben, einen besondern Dank abstatten miisse. Wenn es das Privilegium des Spaniers ist, stolz zu sein, so ist an Herrn Dr. B. ein Spanier verloren gegangen. Und wahr< 'Jlr. 36. jctmli* »«' 11 “ Wie jede Leide Zeit «eine besondere wohnheit sich ,ließen. 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