Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- Seite 600 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 600. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. die Jünger, die ausgenommen werden wollten. Die ersten Rabbiner, die aus jener Anstalt hervorgegangen, waren daher tüchtige Männer, wissenschaftlich gebildete Rabbiner und gute Leiter der Gemeinden. Nach und nach aber sind die meisten Seminare zu einer bloßen Farce herabgesunken. In manchen herrschen geradezu beschämende Zustände. Es werden Schüler ausgenommen, die kein Worr Hebräisch verstehen; auch werden sie nicht einmal dazu angehalten, an der Anstalt etwas zu lernen. Ans dieser unwissenden Masse rekrutiert sich dann das Reformrabbinertum. Junge Leute, welche für die Bühne verdorben sind, erhalten ihre theologisch-jüdische „Ausbildung" unter der Leitung eines Predigerkomödianten und finden dann ihren Weg in verschiedene Gemeinden, um dem Judentum den letzten Rest zu geben. Neulich wurde mir von glaubwürdiger Seite ein nettes Stückchen erzählt. Ein sogenannter „Rabbiner" und Wortführer der Reformpartei in Westfalen besuchte längere Zeit eine hiesige jüdisch-theologische Anstalt, die ebensogut eine Schule für die Schauspielkunst hätte sein können, vorausgesetzt, daß sich die Bühnen mit so schlechten Leistungen zufrieden gegeben hätten. Unser Reformrabbiner in 8pe buchstabierte unter Aufsicht und Leitung eines polnischen „Bachur" die Mischnah. Da wird an einer Stelle von der„Sotah" gesprochen (4. Buch Mosis, 5, 11—31.) „Was ist das?" fragt Holdheim II. Der Bachur gab die Erklärung, auf die citierte Stelle im Pentateuch hinweisend. Der gelehrige Schüler fand das Ganze sehr ergötzlich. „Solcher Unsinn kommt im Pentateuch vor!" meinte er erstaunt. — Dies ist ein typisches Beispiel für die Art der Gelehrsamkeit, welche in den heutigen jüdisch-theologischen Anstalten zur Aufnahme hinreicht und später gepflegt wird. Wir wissen, daß selbst ein Volksschullehrer ein größeres Quantum von biblischer Belesenheit besitzen muß; wenigstens wird von ihm verlangt, die Bibel in deutscher Uebersetzung gelesen zu haben. Von unfern Resormrabbinern wird nichts erwartet; eine Portion von Dreistigkeit und komödienhafter Süffisancen reicht hinlänglich aus, um den Rabbiner fin de siecle zu schaffen. Die Hauptsache ist in solchen Fällen die stramme „freisinnige" Richtung, die man sich aneignen kann, ohne etwas gelernt zu haben. Denn ich muß noch hinzufügen, daß der hoffnungsvolle Rabbiner, der sich für seinen Beruf so würdig vorbereitet hat, ein gewaltiger Reformer vor dem Herrn ist. Wenn ich ein hohes Alter erreiche, hoffe ich ihn noch als Oberrabbiner der Berliner Gemeinde predigen zu hören. Viel zu vergessen braucht er nicht dazu. Dr. S. Bernfeld. Die S'i)Hitp9Ciuiffil)c in Königsberg. P. Königsberg i. Pr., 30. August. Am 25. August cr. beging die hiesige jüdische Gemeinde die Weihe ihrer neuen Synagoge. Damit ist derselben ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen, dem sie seit Jahrzehnten entgegengestrebt, der etwa seit 12 Jahren, dem Zeitpunkte, da dieser Wllnsch praktische Gestaltung anzunehmen begonnen, die beteiligten Kreise unausgesetzt in Spannung gehalten. Die alte, seit 1815 bestehende Synagoge hatte dem steigenden Bedürfnisse der an Mitgliederzahl bedeutend angewachsenen Gemeinde sowohl in ihrem Raumumfange, als auch nach der Seite der Repräsentation — zumal an den hohen Festtagen — schon lange nicht mehr genügt, aber erst als durch das Vermächtnis des Geheimen Kommerzienrats Simon für den Baufonds ein Grundstock von 200,000 Mk. geschaffen und in dessen Folge der Opfersinn der Gemeinde, durch Herrn Rabbiner Dr. Bamberger dafür aufs lebhafteste angeregt, in freiwilligen Beiträgen weitere 300,000 Mk., d. i. 5/~ der notwendig er achteten Bausumme zusammengebracht, konnte man an die Verwirklichung des Wunsches nach einer den veränderten Gemeinde- und Zeitverhältnissen entsprechenden neuen Synagoge herantreten. Ein geeignetes Bauterrain wurde auf dem Lindenmarkt in nächster Nähe des berühmten Königsberger Domes gewonnen, und hier erhebt sich denn, in Entwurf und Ausführung geschaffen von den im Wettbewerb erster Meister auf dem Gebiete des Kirchenbaues als Sieger hervorgegangenen Architekten Cremer und Wolffenstein in Berlin ein Bau, der nach sachverständigem Urteile sowohl in seiner Plangestaltung, als auch in seiner äußeren Erscheinung, wie endlich auch in Bezug auf seine Jnnenwirkung als ein Kunstwerk ersten Ranges anzusehen ist, eine Zierde der Stadt, der Stolz der Gemeinde. lieber den letzten Gottesdienst in der alten Synagoge am 22. dieses Monats haben Sie bereits berichtet. Drei Tage später, am 25. August vormittags 11 Uhr, versammelte sich die Gemeinde zum ersten Male in ihrem neuen prächtigen Gotteshause, das in dieser Stunde seiner Bestimmung übergeben werden sollte. Die Synagoge war bis auf den letzten Platz und zmn Teil auch in den breiten Gängen von einer festlich gestimmten Menge gefüllt. Die vordersten Sitzreihen waren für die Ehrengäste reserviert. Es waren erschienen die Herren Oberpräsident Graf Bismarck, Stadtkommandant Generallieutenant Keyler, andere hervorragende Vertreter der Staats-, Konnnunal- und Schulbehörden und viele Notable aus der Provinz. Aber der Reichtum an hervorragenden Männern aus Stadt und Provinz, der sich hier zur Freude und zum berechtigten Stolze der jüdischen Gemeinde zusammengesunden, er konnte doch die Lücke nicht aussüllen, welche die Feier durch die Abwesenheit des von seiner Gemeinde verehrten und bewunderten Rabbiners, des Herrn Dr. Bamberger, erfuhr. Er, der in langer 30 jähriger Amtsthätigkeit mit seiner Gemeinde verwachsen, der ihr Berater gewesen und zumeist auch ihr glücklicher Führer bei allen bedeutsamen Vorkommnissen — er war durch schwere Krankheit gerade in dieser Stunde von seiner Gemeinde getrennt. Doch nur der Raum trennte sie; im Geiste waren Rabbiner und Gemeinde auch in dieser hohen Festesstunde bei einander. Wie jener sich gewiß zum inbrünstigen Gebete für seine geliebte Gemeinde erhoben, so ließ diese ihre Segenswünsche für ihren kranken Rabbiner durch den zu seiner Vertretung berufenen Festredner, Herrn Rabbiner Dr. Werner-München, zum Himmel senden. Die Wahl des letzteren war durch die innige Freundschaft, die ihn seit vielen Jahren mit dem erkrankten Amtsbruder verbindet, wie durch die Sympathien und die Wertschätzung, die man Herrn Dr. Werner von seiner Amtsthätigkeit in Danzig her stets entgegengetragen, von vornherein bestimmt, und der Verlauf der Feier hat gezeigt, daß die hiesige Gemeinde keine glücklichere Wahl hätte treffen können. 4 Nr. 36. Die Feier sei gespielte» Crgelp ein von Damen den von Herr» K stimmungsvoll ko Klangen »nd ges Zug der von m folgt von Herrn mit den rcichges zum Allerhciligst entsprechender Li! ein Alt, der d»r gesprochenen löst Ein fnr;- Vorstandes, Herr einer Ansprache, bringen des schö meindevorslandes der Bau der jii der andern Konse treuer Mitarbeit Gewerbe, für W aller Art zum 'i Wort, das je vo werde, es wird entsprechend - ■ dem Juden wie Hingabe an das pflegen. 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