Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- Seite 591 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 35. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 591. * *8 nb M W hi,, in 4!;f1“"■“Mfth 5 bie ^ainiIie m tt4™ b« b». ,. ,t“'n »nndir (gm Cb«*,,!“®.r aus einem Wohl Niitbet Terrine gestolpen u»d tragen die Verlobnngz mben sich ihre Hände m ■ isud Zangivill erzähl, von ihrem Sohn erhallen. Mädchen liebt, das er „ich, ivgen hat. Ta schreibt der ebräischen Brief im tarnen -ine Einladnng, ihn zn bc ite verlassen den Sohn, um Zuschlägen. )en auch im Ghetto ihr Gr ctnrn ist Lebensbeschäftigrnig hlthätigkeitssinn rechtet der , in den schrnntzigen ©offen ,o gilt der Mensch nur als in aber hat sich irn Londoner tet. Sie heißen: Board of rarv Shelter. n hohes, schrnnckes G> i nnb breiten Treppen, da rischen Licht von seiner o|t< ) imponierend abhebt. Tie darin konzentriert, z in Geld, Lebensrnitteln, :d ihrer Lehrzeit unterhalten Hinein sich in den Arbeite ^stellen; Ausrnanderer be- ) vor allem das nicht"" j ist weit organisiert au»- Board eine Festung geger ist aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Aber nicht nur das; es herrscht im Ghetto ein Mißtrauen gegen die englischen Schulen überhaupt. „Ich konnte in meinem ganzen Leben," läßt Zangwill eine alte Frau sagen, „nichts lesen und schreiben außer Hebräisch; aber Gottlob, ich bin damit dnrchgekommen. Was sie in den Schulen lehren, ist englischer Unsinn. Die Lehrer sind ein Heidenpack, die verbotene Speisen essen." Und Zangwill, der Sohn des Ghettos, hat die naive und ergreifende Geschichte von dem kindlich gläubigen Rabbi, „Reb" Schemnel erzählt: Er hat zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Ans einem Verlobungsessen steckt der Bräutigam, um seine Braut zu necken, der Tochter des Rabbis den Ring an den Finger und spricht dabei scherzweise die vom Gesetz vorgeschriebenen Worte. Einer der Anwesenden erklärt, sie wären damit giltig ehelich verbunden. Man fragt die Gesetzeskundigen, und wirklich, die Ehe besteht zu Recht. Aber sie kann gesetzlich gelöst werden und sie wird gesetzlich gelöst. Die Tochter des Rabbis findet kurz darauf den Mann, den sie liebt, der sie liebt. Die Verlobung soll gefeiert werden. Da stellt sich heraus, daß der Mann ein „Kohen" ist. Ein Kohen darf nach dem Gesetz nicht eine Geschiedene freien. Und trotzdem der Rabbi den Schmerz seines Kindes in wildem Ausbruch sieht - er versagt dem Mann seine Tochter. So beschließen die beiden jungen Leute zu fliehen und sich standesamtlich trauen zu lassen. Im letzten Augenblick aber versagt dem jungen Mädchen der Mut. Das ftarre „du sollst" des Gesetzes hat gesiegt. Sie welkt dahin. Der Sohn des Rabbis kommt eines Jahres nicht zur „Seder"-Racht nach Hause. Der alte Mann geht aus, ihn zu suchen. Er fragt sich von einer Stelle zur andern. Endlich trifft er ihn vor einem Restaurant des Londoner Westens. Er ist in Begriff in ein Cab zu steigen, an seinem Arm eine Balletteuse. Er stößt den Vater, der sich an ihn drängt, zurück und springt in den Wagen. — Monate sind vergangen. Der Rabbi erhält die Nachricht, daß sein Sohn in einem Krankenhaus im Sterben liegt. „Sei ruhig," sagt der Rabbi zu seinem Weibe: „wir haben keinen Sohn mehr zu verlieren. Der Heilige — er sei gesegnet — hat ihn von uns genommen. Der Herr giebt und der Herr nimmt. Gesegnet sei der Name des Herrn." Es ist auch ein gut Teil Brutalität in der Liebe, die die Ghettokinder vereint. Ich war selbst im Shelter, als ein russischer Ausgestoßener seine Papiere präsentierte. Man fragte ihn nach seiner Familie. Die habe er in Rußland zurückgelassen, war die Antwort. Und damit waren auch die Verhandlungen abgeschlossen: mit Männern, die sich von ihren Frauen trennen, wollte man nichts zu schaffen haben, die stehen außerhalb der Genieinschaft. Und ebenso, erklärte man mir, sei es Prinzip, Frauen, die von ihren Männern verlassen wären, „deserted wives“, nicht zu unterstützen. Die mögen sehen, wo sie mit ihren Kindern bleiben; oder vielmehr vorher Sorge tragen, daß ihre Männer sie nicht verlassen. Im Ghetto gilt der Mensch eben nur als Glied seiner Familie. So erzieht diese Bevölkerung, die mit dem Hunger und den Seuchen den Verzweiflungskampf wie wohl keine andere kämpft, sich selbst. Wen diese Ausgestoßenen ausstoßen, der ist der Verzweiflung verfallen — aber sie scheuen das Mittel nicht. „Es ist leichter," sagt Zangwill, „für eine Religion zu sterben, als für sie zu leben." * * * Andersen erzählt einmal, daß die Mutter der Rothschilds nachdem ihre Söhne zu Reichtum gekommen waren, sich nicht entschließen konnte, das kleine Haus in der Frankfurter Judengasse zu verlassen. Es faßt einen der Menschheit ganzer Jammer an, wenn man in die elenden, schmutzigen Häuser in Londons Ghetto tritt; und doch, auch dies Ghetto ist Heimatlosen eine Heimat geworden. Ohne alles, was das Leben schmückt und Menschen erfreut; und doch eine Heimat. Es leben Reichgewordene in Londons Ghetto: eine fromme Scheu und ein kindlicher Aberglaube hält sie an der Stätte zurück, auf der sie ihr Leben über gekämpft haben. Vielleicht auch die Gemeinschaft der Frommen. Und Zangwill erzählt von einem jungen Mädchen, die unterstützt wird und studiert und von reichen Leuten in ihr Haus im Londoner Westen ausgenommen wird. Sie wirft freiwillig alles von sich und kehrt dahin zurück, wo sie ihre Kindheit in Schmutz und Hunger verbracht hat. Stärker als alle Lebensfreude erwies sich ihr — das Heimweh nach dem Ghetto. Epigramme und Srntcnmi. Um zu einer höheren Stufe zu gelangen, ist es nicht immer nötig, daß wir steigen; wir steigen auch, wenn Andere sinken; und dies ist der Grund, warum Verleumdungen so hastig ausgestreut und so gierig ausgenommen werden. Die Sucht zu verleumden ist deshalb auch eine Eigenheit niedriger Seelen. Denn weil sie weder Kraft noch Willen haben, sich über das Gewöhnliche zu erheben, so muß der Fall ihres Nächsten das Thermometer ihrer Höhe abgeben. * * * Unentschiedenheit wirkt entnervend auf unser Inneres, aber Entschlossenheit ist ein Sturzbad für die Seele. * * * Es ist lächerlich, sich selbstgefällig im Spiegel zu betrachten, aber gefährlich, sich im Anschauen seiner moralischen Schönheiten zu verlieren. * * * Die Welt preist die goldene Mittelstraße, obschon sie oft wenig mit dem Golde verwandt ist. Mag sie auch im beschränkten Kreise des Haushaltes von ersprießlichen Folgen begleitet sein, so erscheint sie doch im Reiche des Geistes und Herzens als eine gefährliche Schwankung, oder höchstens als bequeme Bahn, worauf sich die Flachheit und Flauheit ergeht.