Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- Seite 590 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 590. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. „Jawohl, es ist der Sohn des alten Wucherers, der das Christengeld in seinen Kellern häuft," antwortete der Thorhüter grämlich, „das heißt, es ist nicht sein Sohn, sein Neffe ist's, den er an Sohnesstatt von seinem Bruder angenommen, den sie aus ihrer Sippe gestoßen, und der in die Fremde gegangen und im Elend verkommen. Denn der Junge soll von einer Christenmntter sein, man siehts ihm auch an, und eine Schande ist's, wie der weise Rat es zugelaffen, daß er unter dem spitzbübischen Gesindel geblieben und zu Unglauben und Schurkereien von ihnen auferzogen worden, da doch die heilige Mutter Kirche ein Recht gehabt hätte —" (Forts, folgt.) In Landaus Ghllta. Bon Ernst Heilborn, London. (Schluß.) Die jüdische Sage — Zangwill erwähnt sie ~ kennt ein himmlisches Ghetto. Es liegt auf dem heiligen Berge. Die Manern ftub leuchtend weiß, und golden leuchtend die Thore. Nicht Krankheit giebt es dort, noch Not, noch Sterben. Es fällt ein Widerschein von diesem heiligen Ghetto auf die armseligen Ghettostraßen in Londons Osten: Jahrtausende alte, ergreifende Poesie lebt in dieser hungernden und darbenden Bevölkerung fort. Religion und Dichtung sind für sie eins geworden. Worin liegt dieser Zauber? Man sieht alte Zeremonien feierlich ernst vollsührt, man sieht scharsgeschnittene Gesichter, in die das Elend tiefe Züge gewühlt, man sieht grotesk pathetische Bewegungell, man steht in schmutzigen, engen Gassen — andere Bilder drängen sich ein: die Häuser schwinden und man sieht dieselben Menschen in sandiger Ebene unter südlicher Sonne: — an den Wassern Babylons saßen wir und weinten. Es giebt in dieser Ghettobevölkerung noch heutzutage neuhebräische Poeten; die Dichtung Jehuda Halevis weckt noch heute Nachahmung. Charakteristischer und kräftiger aber ist die Volksdichtung, die Epheugleich die großen Geschehnisse aus der Geschichte Israels umwoben hat. Beim Sabbatmahl schildert Zangwill die Unterhaltung: da wird von dem geheimnisvollen Edelstein erzählt,, aus dem der Stab gewesen, mit dem Moses an den Berg schlug. Und die neue Sage aus der Zeit der russischen Unterdrückung wird erzählt von dem toten Affen des Statthalters, den sie einem frommen darbenden Juden zur Schande ins Haus warfen. Der Affe war dabei gewesen, wie sein Herr das Gold der Juden einstrich und hatte es ihm nachgethan und die Goldstücke verschluckt. So fand der Hungernde das Gold im Leibe des Affen, weil er dem Herrn vertraut. Naiv und grotesk, diese Sage. Aus dem naiven Kinderglauben aber verjüngt sich dauernd diese uralte jüdische Volkspoesie. In ihm werden Religion und Poesie eins: die beiden Blumen des Ghettos. * * * Ghettomauer ist auch die Liebe in diesen! Londoner Judenviertel. Bei aller Eingesessenheit einzelner Familien ist die Bevölkerung des Ghettos dennoch dauernd eine wechselnde. Rußland schickt alljährlich neue Opfer des Rassenhasses, und für die Wagemutigen andererseits ist der Weg zu den London Docks nicht weit. Wenn inmitten der Großstadt sich hier trotzdem eine Gemeinschaft fest und zäh zusammenschließen konnte, so entsteht sie dauernd neu in Familiensinn und hilfreicher Liebe. Das sind die Tugenden, zu denen Not und Elend die Ghettokinder erzogen haben. Zangwill erzählt: Um den Tisch sitzt die Familie zum Verlobungsessen zusammen, der Schadchen hat die beiden jungen Leute znsammengebracht; sie kennen einander kaum. Da tröpfelt es durch die schlecht gefügte Decke. Oben wohnt eine ganz arme Familie: ein Kind hat aus einem Wohlthätigkeitsverein Suppe geholt und ist mit der Terrine gestolpert. Da stehen die beiden Verlobten aus und tragen die Verlobungsfestsuppe hinauf. Und hierbei sinden sich ihre Hände zum ersten mal von selbst zusammen. Und Zangwill erzählt weiter: ein altes Ehepaar wird von ihrem Sohn erhalten. Zufällig erfahren sie, daß er ein Mädchen liebt, das er nicht heiraten kann, weil er für sie zu sorgen hat. Da schreibt der alte Vater an sich selbst einen hebräischen Brief im Namen eines Bruders aus New-Hork. Eine Einladung, ihn zu besuchen. Und die beiden alten Leute verlassen den Sohn, um sich selbst drüben kümmerlich durchzuschlagen. Natürlich, diese Tugenden haben auch im Ghetto ihr Gefolge von Lastern. Das Schnorrertum ist Lebensbeschästigung vieler geworden, und mit dem Wohlthätigkeitssinn rechtet der Geiz. Und wenn sich die Frauen in den schmutzigen Gassen schelten, dann schmähen sie ihre Familienangehörigen, lebende wie verstorbene, mit. Im Ghetto gilt der Mensch nur als Glied seiner Familie. Der jüdische Wohlthätigkeitssinn aber hat sich im Londoner Ghetto bleibende Denkmäler errichtet. Sie heißen: Board of Guardians und Poor Jews’ Temporary Shelter. Das Board of Guardians ist ein hohes, schmuckes Gebäude, das sich mit seinen Hellen Räumen unv breiten Treppen, der soliden Einrichtung und dem elektrischen Licht von seiner ostlondoner Nachbarschaft breit und imponierend abhebt. Die gesamte jüdische Armenpflege ist darin konzentriert. Die Bedürftigen erhalten Unterstützung in Geld, Lebensmitteln, Kleidung; Lehrlinge werden während ihrer Lehrzeit unterhalten und beaufsichtigt; Mädchen versammeln sich in den Arbeitsräumen, um die Kleidungsstücke herzustellen; Auswanderer bekommen Geld zur Ueberfahrt; und vor allem das nicht unbedenkliche System des Geldleihens ist weit organisiert ausgebildet. Es ist als wollte man im Board eine Festung gegen Not und Elend anfführen. Ein schlichtes kleines Haus in Lemanstreet, der Shelter. Es ist das Denkmal, das Menschenliebe der russischen Brutalität errichtet hat. Ein Eßraum, je ein Schlafraum für Männer und für Frauen, Küche, Badeeinrichtung — das ist im Grunde alles. Die Ausgewiesenen werden von ihren Schiffen abgeholt, vierzehn Tage verpflegt und beköstigt und, falls sie in London bleiben wollen, im Suchen nach Arbeit unterstützt. Jährlich passieren etwa 1800 russische Juden den Shelter. Die große Mehrzahl wendet sich neuerdings nach Südafrika — für kurze Tage nur Gäste des Londoner Ghettos. — Inmitten des Judenviertels stehen die Schulen der christlichen Missionare. Wer seine Kinder in diese Schulen giebt,