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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-28 · 35 (28.8.1896) · p. Seite 589

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
Seite 589 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 85. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 589. Nr. 35. etoI1. kalter von Wilhelm Jense». lpitel. Nachdruck unterfagt. fommer lag friedlich über bn )en sieben Bergen bis an begann schritt aus der btetiö gm Norden sührt, entlang ' regsam umher. Bald übet der Juli schon vorüber nm, ind schwankten, bald aus bei ihm voraus eilte und luftig gel hinabtrug. Wenn sm bahnen ruhten, fingen unm® schneller zu bewegen; dam;ung des Stromes verschmnb schlossen das Ganze; alles war von der abendlichen Sonne überglüht, die in den Fenstern der Erker spiegelte und ihre Strahlen in das Auge des einsamen Beschauers zurückwarf. „Es ist das heilige Kölln," sagte dieser leise. Glänzend hing sein Auge daran; er schien in dem roten Dächergewirr etwas zu suchen, das ihm in dem bunten Durcheinander immer wieder entschwand. „Sieben Jahre in der Fremde," murmelte er fort; „sieben Jahre älter ist das Alter geworden" — ein nachdenklicher Zug flog über sein Gesicht — „sieben Jahre älter auch die Jugend," setzte er rasch hirtzu, und seine Lippen lächelten. Erstand in Sinnen verloren, aber sein Blick erglänzte immer freudiger; plötzlich fuhr er auf und wandte den Kopf. Ein leises Sausen, wie das des Abendwindes durch hohe Wipfel ertönte in seinem Rücken, er sah umher, doch so weit er blickte, befand sich kein Baum, nur niederes Gebüsch ragte hie und da aus den Kornfeldern auf. Dennoch wurde das Summen vernehmlicher, es kam von Süden herauf, seine Augen suchten, aber die Strahlen der untergehenden Sonne blendeten ihn, und er gewahrte nichts. Nur war es ihm, als bewege fern in hoher Luft ein Nebel sich heran, aus dem das Getöse herabdrang. Eilt sonderbarer Schauer lief ihm durchs Blut, für kurze Dauer schienen seine Augen ihm verschleiert, dann ebenso plötzlich waren sie wieder frei, und er sah deutlich eine graue Masse, die wie eine Wolke heranzog. Sie hob und senkte sich, nun trat sie über die Sonne, und völliger Schatten fiel aus sein Gesicht. Immer lauter tönte das Gebrause, fast wie aufrauschender Sturm, — noch einige Augenblicke und es wurde finster über ihm und um ihn her, und aus ihn nieder stürzte es wuchtig wie Schlossen zur Erde. Mit heftigem Ruck schüttelte er die Tiere, die seine Kleidung bedeckten, von sich. Es überlief ihn ekelnd, vor ihm und hinter ihm war der Weg mit fingerlangem, dickleibigem Gewürm besäet, das flügelschwirrend durch den Staub kroch und sich gegenseitig mit spitzen, gefräßigen Zangen anfiel. Der junge Mann betrachtete die Tiere, die er nie gesehen, halb mit Widerwillen, halb neugierig. „Heuschrecken, es müssen Heuschrecken sein," murmelte er, „wahrhaftig" — sein Auge flog über die nächsten Kornfelder, die zum Teil unter dem Gewicht des raubgierigen Schwarms zu Boden gebrochen, zum Teil schon unter ihren mörderisch-eilfertigen Freßwerkzeugen verschwunden waren, — „man hat recht, sie die Pest der Felder zu nennen." Er erschrak sichtlich vor seinen eigenen Worten und starrte über die schwarzdurchwinunelte Flur, die noch eben zuvor wie ein goldenes Meer hoffnungsverheißend um ihn her wogte, — „man sagt, daß sie die Pest der Menschen ankünden," setzte er hinzu, und jener Schauer, der ihn durchfröstelt, kam Wiederaus seinem innersten Mark und rann ihm bis an die Stirn empor. „Ich bin erhitzt, und die Abeudlust wird kühl," sagte er, seine Gedanken beschwichtigend, laut vor sich hin. Er strich sein Haar, an dessen Wurzeln der Schweiß hervorperlte, mit der Hand zurück und lachte fröhlich auf. „Bin ich nicht ein Narr, der nach sieben Jahren vor den Thoren der Heimat stehen bleibt und ekelhafte Würmer betrachtet, während dicht vor ihm da drunten —" Er brach ab und schritt, ein heiteres Lied pfeifend, munter vorwärts. Sorgfältig vermied er die dicken Jnsektenkörper, die sich vor seinem Fuß im Staube wälzten; allmählich wurden ihrer weniger, er dachte ihrer nicht mehr und wanderte eiliger auf das geöffnete Thor, das einladend vor ihm aufstieg, zu. Im Augenblick, als er dasselbe erreichte, verschwand die Sonne, und ihm war, als ob ein grauer Schatten an ihm vorüberfliege, der das alte Steinthor umstricke und blitzeshastig am Gemäuer entlang husche, wie mit lautlosen Armen von beiden Seiten die Stadt umklammernd. Es war nur ein Moment, doch zum dritten Mal kam der seltsame Schauder, der seinen Körper durchrüttelte; wie mit einem bleiernen Leichentuch überzogen, lag plötzlich die Stadt vor seinen Augen, und er starrte gedankenlos in die Straße, an deren Beginn er stand, hinein. Er dachte nicht nach, er wußte selbst nicht, was er that. Es überlief ihn etwas mit einer dunklen unerklärlichen Angst, das wie mit unheimlichem Flügelschlag ihn umflatterte und davontreiben wollte, ehe er in das betriebsame Menschengetümmel der Straße vor ihm hineingeschritten. Ihm kamen plötzlich wieder die Heuschrecken ins Gedächtnis, und ihm war als wären die Menschen Halme, die sich im Wind durcheinander bewegten, und als rausche es gespenstisch durch die Luft heran, unsichtbar näher und näher wie aufbrausender Sturm — — Er fuhr zusammen: eine Stimme rief dicht neben ihm seinen Namen, und er sah auf. Er gewahrte, daß Vorübergehende um ihn stehen geblieben und ihn verwundert betrachteten. „Seid ihr fremd geworden in der hilligen Stadt, Junker Hellem," fuhr die Stimme, die ihn zuerst gerufen, fort, „und wißt den Weg nicht mehr zum Hause des reichen Kaleb?" Der Angesprochene griff an seine Mütze und begrüßte artig den pfiffig umherlauernden Kopf des Thorhüters, der sich halb neugierig, halb spöttisch aus dem Fenster der Pförtnerwohnung nach ihm hervorstreckte. Etwas versteckt Böswilliges lag in den Worten und schon in der höhnisch betonten Anrede, deren Titel rechtsgemäß nur den Patriziersöhnen zukam, doch der junge Mann achtete nicht darauf und erwiderte freundlich: „Die Heimat hat sich nicht verändert, ebensowenig wie Ihr, Vater Reinbacher; es ist alles leicht zu erkennen, auch wenn man so lange sortgewesen wie ich. Gott grüße Euch, was macht Euer Enkeltöchterlein, die Sybille? Grüßt sie schön von mir." Er wanderte fort, die Straße hinunter; der Alte sah ihm mit gallsüchtig scheelem Blicke nach. „Ich denke, eure Heimat wird sich bald einmal verändern," murmelte er zwischen den zahnlosen Lippen. „Ihre Heimat," setzte er verächtlich hinzu, „die hillige Stadt Kölln, die Heimat dieses blutsaugerischen Gesindels—?" „Was giebs, Vater?" fragte eine helle Stimme hinter ihm, und ein hübscher Mädchenkopf bog sich zu dem grollenden Alten nieder, bückte sich aus dem offenen Fenster und sah die Straße hinab, dann klatschte das Mädchen fröhlich in die Hände und ries: „Ist das nicht Hellem, der Sohn des alten Kaleb, der aus der Fremde kommt? Ei, wie wird die schöne Tamar sich freuen und ein Jubel sein in der Judengasse! Hat er Euch nicht angeredet, Vater? Kanntet Ihr ihn denn nicht mehr?"

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