Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- Seite 586 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 586. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 35. fa»x pas gemacht haben sollte. Niemand hat ein fester fundiertes Geschäft, niemand einer: sicherern Kundenkreis als die Metzger urrd Restaurateure der Adaß Jeschurun — und zwar einen Kundenkreis, bei dem der Preis gar keine Rolle spielt. Was konnte Herrn Neuhof zu einem so gefährlichen Schritt nur veranlaßt haben? — Doch, Herr Rabbiner Dr. Breuer hatte öffentlich erklärt, Hotel Emmerich stehe nicht mehr rmter seiner Kontrolle — er mußte also seine gewichtigen Gründe haben. Aber welche Ueberraschung! Schon nach wenigen Tagen wurde Herr Neuhof rehabilitiert und wieder für koscher erklärt! Das war also eine Uebereilung vom Herrn Dr. Breuer gewesen, eine Uebereilung, die nicht so leicht verschmerzt werden konnte. Das fühlte er selbst, und es verbreitete sich das Gerücht, Herr Dr. Breuer habe die Absicht, Frankfurt zu verlassen. Das Gerücht bestätigte sich nicht-damals lebte noch Herr Selig Goldschmidt, der Mäcen der Adaß Jeschurun. Im letzteli Mßan wiederholte sich ein ähnlicher, in der Oeffentlichkeit Aergernis erregender Fall und schlug dem Faß den Boden aus. Es war nämlich Herr Lehrer Plaut, der an der Hirschschen Schule 28 Jahre gewirkt hatte, im Mßan gestorben, und da es sich um einen als Lehrer so hochverdienten Mann handelte, so wurde, obgleich im Mßan, nicht ganz von der Abhaltung einer Grabrede Abstand genommen. Im Trauerhause hatte Herr Pros. Snlzbach dem Kollegen einen Nachruf gewidmet und am Grabe wollte Herr Direktor Tr. M. Hirsch auch noch einige Worte sprechen. Da erhob Herr Dr. Breuer lauten Einspruch: „Was soll aus der Jugend werden, wenn die Lehrer so das Gesetz übertreten? Das „Meß" (den Leichnam) weg!" — Dieser Vorgang batte die Gemüter sehr verbittert. Das war nicht nur in der Oeffentlichkeit, sondern auch in Gegenwart christlicher Kollegen des Verstorbenen bei einem Leichenbegängnis geschehen, und das christliche Publikum hatte noch statt „das Meß weg": „das Messer weg" verstanden. Dazu kam, daß der Fall nicht ohne Präcedenz unter Samson Raphael Hirsch dastand. Direktor Hirsch hatte nur nach dem Beispiel seines Vaters gehandelt, und Dr. Breuer hatte sich in eklatanter Weise in direkten Gegensatz zu S. R. Hirsch gestellt. Diesmal konnte Breuers Vorgehen von keiner Seite gebilligt werden, ja es soll an nicht mißzuverstehenden Beweisen des Mißfallens von Seiten des Vorstandes nicht gefehlt haben. Dr. Breuer griff zu seiner alten Waffe: Unterhandlungen mit der Wiener „Schiffschul" und Demission! Aber diesmal war niemand da, der ihn zurückhielt. Selig Goldschmidt war inzwischen gestorben, und wer weiß, ob im andern Falle nicht dasselbe geschehen wäre. Sicher ist es ja noch immer nicht, aber doch sehr wahrscheinlich, daß die Aera Breuer in Frankfurt nun zu Ende gehl- — Für die „Adaß Jeschurun" hat ja diese Krisis auch ihre Schwierigkeit; Selig Goldschmidt, die Haupt-Säule derSeparat- Gemeinde, ist nicht mehr, und an geeigneten Kandidaten für das Rabbinat der „Adaß Jeschurun" hat die Orthodoxie auch keinen Ueberfluß. Die Besetzung dieser Stelle ist um so kritischer, als seit einer langen Reihe von Jahren durch die Wirksamkeit des Herrn Rabbiner Dr. Horovitz in Frankfurt a. M. an der Spitze der von der Hauptgemeinde eingerichteten orthodoxen Gemeinde-Institutionen, die Existenz-Berechtigung der „Adaß Jeschurun" eine sehr zweifelhafte geworden und auch bei den Orthodoxen keine so tief empfundene ist. Ein großer Teil der Mitglieder der Separat-Gemeinde gehört zu den Anhängern des Dr. Horovitz, so daß dieselbe vielen als ein sehr teures und überflüssiges Stück Möbel erscheint. Man kann sehr darauf gespannt sein, welche Wendung jetzt die Dinge nehmen werden. Vor der Hand bemüht man sich noch, Herrn Dr. Breuer einen ehrenvollen Abgang zu bereiten. Eine Petition wurde in Zirkulation gesetzt, um Unterschriften für Erhaltung des Dr. Breuer zu sammeln. Dieselbe scheint aber kein respektables Resultat erzielt zu haben. Die Herren der „Adaß Jeschurun" haben doch wohl die Mahnung bedacht: Spielet nicht mit Schießgewehren! Andererseits hat der „Israelit" plötzlich entdeckt, daß die „Schiffschnl" in Wien ein höchstbedeutsamer Wirkungskreis sei, und Herr Isaak Leon Freistadt, der Begründer der „Schiffschnl", ist plötzlich ein großer Mann geworden, dessen Portrait eine Bedeutung für Israel hat! Wie sagt man? „Maphtir ist alles Geld wert." Die In-kickM in ilufilauii. B. Wien, 23. August. Der Petersburger Korrespondent der Neuen Freien Presse, der neulich den Prokuror des Heiligen Synod, Pobjedonoszew, interviewt und die in Ihrem Blatte trefflich beleuchteten Produkte der Gedächtnisschwäche des heiligen Mannes der Oeffentlichkeit übergeben hat, fährt in der heutigen Nr. des genannten Blattes mit der Reproduktion seiner in Rußland gemachten Momentausnahmen fort. Ein großer Raum seines Berichtes ist der „Judenfrage" gewidmet und diesen Teil wollen wir im Auszuge wiedergeben, weil er zeigt, wie und von wem die Judenfrage in Rußland „gemacht" worden ist. Die Frage ad ovo behandelnd, erzählt der Korrespondent: „Der letzte russisch-türkische Krieg hatte eine erschreckende Unlauterkeit in der höheren Militärverwaltung offenbart. Die öffentliche Meinung kehrte sich stürmisch gegen die Regierung und forderte strenge Strafe für die Schuldigen. In diese Zeit allgerneiner Erregung kam die neue Heilslehre vom Antisemitismus über die deutsche Grenze. Die wahren Schuldigen, die das Unglück an der Donau verursachten, schienen plötzlich gefunden. Der Betrug, der die russische Ofsiziersehre befleckte, war nicht von den verantwortungsvollen Würdenträgern begangen, das Gift hatte ein Anderer gebracht - - der Jude. Die Litteratur des Tages versicherte dies in allen Formen. Ihr Kreuzzug stieß auf Teilnahmslosigkeit im Volke. Der Muschik haßt den Juden nicht; auch die Kirche förderte die Verfolgung nicht; die Popen traten für die bedrohten Rabbis und Zadiks wie für Mitbrüder von der Kanzel ein; sie versendeten ihre heiligen Bilder zu deren Schutz, aber ein anderer, mächtigerer Gegner erstand den Juden — der Zar. Man hatte ihm gesagt, daß die Juden den Kreis, welchen das Gesetz ihrem Wohnrechte in Rußland zieht, durchbrachen; er fand nicht, daß die Zeit nur eine natürliche Korrektur der bestehenden Bestimmungen vollzog; er war immer ein Anhänger starrster Gesetzesauslegung." Hier werden einige Beispiele von Härte des verstorbenen Zaren mitgeteilt, der selbst mit hochstehenden Verwandten kein Erbarmen, sondern nur eines kannte: — das Gesetz. Der Korrespondent fährt dann fort: „Diese Gesetzesstarre ohne Sinn und Gehör für milde Stimmen der Menschlichkeit kehrte sich nun gegen die — Juden. Das Gesetz für die Juden! Sein Geist war das Mittelalter, seine Seele die Willkür, seine Bestimmungen stiegen gespensterhaft wie aus einem