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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-28 · 35 (28.8.1896) · p. Seite 584

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
Seite 584 (sequence 4)
Language
German
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m 5^' \l ifV^ h ,»;? ■* >.. > Seite 584. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 35. Wenn das in der Schule gelernte Hebräisch im Hause und bei allen hier sich bietenden Gelegenheiten keine Uebung findet, dann muß es wie alles andere außer Pflege geratene Wissen der Vergessenheit anheimfallen. Das Hebräische ist bei uns Juden nicht in den Religionsunterricht ausgenommen, was eine wesentliche Erschwerung erzeugt, wenn auch keineswegs die Notwendigkeit hierfür in Abrede gestellt werden soll. Kann nun der jüdische Religionsunterricht an und für sich schon seiner Komplikation halber nicht nach der Schablone behandelt werden, welche man bei den prosanenen Disziplinen in Anwendung bringt, so muß ein Hinzukommen des Hebräischen erst recht die nachteiligste Beschränkung an Zeit und Kraft nach sich ziehen. Wo daher das Hebräische nicht seine besondere Pflege erhält, wird sein Unterricht immer illusorisch bleiben. Daran wird auch nichts ändern, wenn man endlich den schon nach Jahren gesuchten Normallehrplan gefunden haben wird; er wird das Wunder nicht herbeiführen, eine bessere Kenntnis des Hebräischen zu erzeugen, da wo Zeit und Verhältnisse dagegen sprechen. Dabei ist noch inbetracht zu ziehen, daß der Beamtenwechsel in neuerer Zeit sich mehr denn je in den ostpreußischen Gemeinden geltend macht. Insterburg z. B. hat das Bedürfnis gehabt seinen Beamten, nachdem derselbe 24 Jahre gewirkt, aus seiner Stellung zu entlassen und mit einem andern zu vertauschen. Die Gründe hierfür sind mir unbekannt geblieben, aber das Faktum selbst wirft ein trübes Licht auf die Verhältnisse, denen hier gewisse Gemeinden und Beamte unterworfen sind. In Tilsit ist man eben daran einen neuen Kantor und Lehrer aufzunehmen — gewählt ist er bereits — nachdem der vor dreiviertel Jahren angestellte den Erwartungen, die man von ihm gehegt, zu wenig entsprochen hat. Tilsit scheint überhaupt eine ganz besondere Vorliebtz zum Beamtenwechsel zu haben und fährt fort dieselbe zu pflegen, trotz der üblen Erfahrungen, die es schon in dieser Hinsicht gemacht hat. Gewiß ist, daß die Tilsiter jüdische Gemeinde sich aus den verschiedensten Elementen zusammensetzt, wo es allerdings dem angestellten Beamten nicht leicht gelingen kann zu reüssieren. Dort findet man noch Gemeindeangehörige, die ihr Judentum, wie sie es aus Rußland mit herüber gebracht, gehegt und gepflegt wissen wollen; dort findet man aber auch die äußersten „Fortschrittler" auf dem Gebiete der Religion. Schlimm genug für den Beamten, wenn er das Verständnis, oder besser das Gewissen nicht besitzt, alle diese Meinungen, wie man zu sagen pflegt, unter einen Hut zu bringen, oder ohne Bild gesprochen, zu einer einzigen religiösen Ansicht zu verschmelzen, ein Brandopfer darzubringen, um es völlig in Rauch ausgehen zu lassen — wir meinen das so zerbröckelte Judentum. Zur Verdüsterung unseres „Stimmungsbildes" trägt jedenfalls auch die Nachricht bei, daß Herr Rabbiner Dr. Bamberger schwer krank darniederliegt. Wir können nicht umhin, an dieser Stelle unser größtes Bedauern über diesen berrübenden Fall auszusprechen, denn Herr Dr. Bamberger gehört jedenfalls zu denjenigen Männern, welche stets neben der Wahrung der allgemeinen religiösen Interessen, die sie in Pflege genommen, ganz besonders den Religionslehrern ihre wohlwollende Aufmerksamkeit zugewendet haben. Seit seiner Erkrankung ist auch die Schulinspektion in eine Art Stagnation getreten; man hört und sieht nichts mehr von ihr. Dagegen ist eine neue Vereinigung, der Verein der Religionslehrer in Ostpreußen, ins Dasein getreten. Gewiß sind die besten Absichren bei Gründung desselben vorhanden gewesen. Allein gute Absichten geben noch lange nicht die Gewähr für die Erreichung gesteckter Ziele, wenn Kraft und Mittel dazu fehlen- Wie viel Vereine dieser Gattung sind nicht schon in dem letzten Dezennium ins Dasein getreten! Alle hatten sie auf das Programm gesetzt: Die staatliche Anstellung, Pensionierung und Altersversorgung der jüdischen Religionslehrer, und was ist bis jetzt von allem diesen erreicht? Konferenzen sind gut, denn sie pflegen das Bewußtsein der kollegialen Gemeinschaft, sie sind nützlich, denn sie bilden weiter durch die vernommenen Vorträge, sie vermehren das pädagogische Wissen, das die Probelektionen den Teilnehmern der Konferenzen zuführen, — allein die Hauptziele, die wir eben angegeben, find nicht einmal in ihren Anfängen erreicht. Nach wie vor dauert die Unsicherheit in der Stellung der Religionslehrer fort, und sie allein ist es, die ihnen jede Berussfreudigkeit nimmt und der amtlichen Würde Eintrag thut. — Der Tod des Gemeindevorstehers, Rentier Louis Lewenson macht sich bei uns hier recht fühlbar. Der Heimgegangene, der beinahe 40 Jahre die Angelegenheiten der Gemeinde mit geschickter Hand geleitet, wird lange noch Gegenstand wehmütiger Erinnerung bleiben, da bereits manches vermißt wird, was zur Beförderung des Gemeindewohls notwendig ist. Sie werden immer seltener, die Männer, die das fromme Gefühl besitzen, mit ihrer eigentlichen Berufsthätigkeit auch die Sorge um die Gemeindeangelegenheiten zu verbinden, aber hundert andere giebt es, die in ihrer sonstigen Lebensstellung kein Fünkchen Interesse für die religiösen Institutionen hineinzubringen vermögen. Das wird ganz besonders in den kleinen Gemeinden früh empfunden, weil ein Ersatz der durch den Tod verlorenen bessern Mitglieder mit zu den Seltenheiten gehört. Ich höre mit der Schilderung der kleineren Gemeinden auf, weil ich fürchte, dabei wieder in die „Echas" und mit ihnen in ein zweites Tischa be Aw zu geraten. Ich schließe mit dem Wunsche: Gott besflre es! Nun Hirsch dis Hrcilcr. III. M. Frankfurt a. M., 8. August?) Breuer hatte von Hirschs Genius nur die — Orthodoxie, u. z. die Orthodoxie der ungarisch-chaßidischen Einseitigkeit und Starrheit. Schon das war ein Manko bei Breuer, *) Seit dem Tage, an welchem dieser Artikel geschrieben wurde, hat sich die Situation in Frankfurt bereits zweimal geändert. Einmal, indem es als sicher galt, daß Herr Dr. Breuer Frankfurt verlassen und nach Wien gehen werde, und das ging so weit, daß Herr Dr. Breuer bereits am 15. d M seine Abschiedsrede hielt und Mittwoch, den 19. d. M. seine Abreise nach Wien erfolgen sollte. Am nämlichen Tage trat eine ganz unerwartete, ja,' eine für unmöglich gehaltene Wendung ein: Herr Dr. Breuer entschloß sich, nicht nach Wien zu gehen, sondern in Frankfurt zu bleiben. Zur Lösung dieses, bisher auch in Frankfurt noch nicht gelösten Rätsels findet der geneigte Leser einen Beitrag in einem Artikel der nächsten Nummer: „Eine Notlage der Orthodoxie". Wir kommen natürlich auf die Frankfurter Verhältnisse noch zurück. Red. U i

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