Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- Seite 582 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 582. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 35. Juden streiten. Unsere Rundfrage soll, ihre Beantwortung*) wird zeigen, daß wir wie unsere Gesinnungsgenossen, zu denen wir alle Anhänger des Judentums rechnen, ein einziges Ziel im Auge haben: Des Judentums erneute Blüte. KiiltmuWen. I. Es ist vielleicht bereits an der Zeit, das Zugeständnis zu machen, daß die letzten Dezennien für das geistige Leben der Judenheit in Westeuropa sehr unfruchtbar gewesen sind. Wenn man diese Wahrnehmung macht und solche Zustände aufrichtig beklagt, so wird man sich verpflichtet fühlen, nach dem Grund dieses Nebels zu forschen und den pathologischen Prozeß mit Aufmerksamkeit zu verfolgen. Vielleicht daß es dann gelingt, die Krankheit zu beseitigen, wenn man deren Entstehung kennt. Man wird, glaube ich, nicht fehl gehen, wenn man an dem Entwickelungsgang des Judentums in den letzten Dezennien den schädlichen Einfluß des Rationalismus und der materialistischen Weltanschauung erkennt. Die Gemeinden sind infolge jener Anschauung zu bloßen Verwaltungskörperschasten herabgesunken, während das ideale Leben unseres Stammes sich höchstens noch in der Ausübung einer allerdings großartigen Wohlthätigkeit zeigt. Es wird vielleicht an anderer Stelle Gelegenheit genommen werden, um die unerfreulichen Erscheinungen auch aus diesem Gebiete zu beleuchten. Aber gesetzt den Fall, daß sich die Gemeinden administrativ im besten Zustande befinden und daß die jüdische Wohlthätigkeit noch dem Ideal entspricht, das man sich von ihr zu machen gewöhnt ist, so muß demgegenüber stets wiederholt werden, daß das Judentum doch gewiß nicht in bureaukratisch verwalteten Körperschaften und in einigen mit allen: Komfort der modernen •*) Es sind „interviewt" worden die Herren: Prof. Ascoly- Mailand, Abg. Auspitz-Wien, Prof. Dr. Wilh. Bacher-Budapest, Abg. Barzilai-Rom, Redakteur Jul. Bauer-Wien, Em. Baumgarten- Wien, Dr. Georg Brandes-Kopenhagen, Sal. Buber-Lemberg, Reichs¬ und Landtags-Abgeordneter Dr. Byk-Lemberg, Rechtsanwalt Dr. Heinr. Meyer Cohn-Berlin, Prof. Dr. Hermann Cohen-Marburg, Prof. Dr. G. Deutsch-Cincinnati, Hofnnd Gerichtsadvokat Dr. Elbogen-Wien, Geheimer Kommerzienrat L. M. Goldberger-Berlin, Baron Dav. Günzburg-Petersburg, Landtagsabgeordneter Dr. Goldmann-Lemberg, Oberst Goldsmith-London, Prof. Dr. I. Goldziher- Budapest, Prof. Jos. Halevy Paris, Hofrat Dr. Harkavy-Petersburg, Dr. Theod. Hertzka-Wien, Dr. Theod. Herzl-Wien, Dozent Dr. Hoffmann-Berlin, Rev. Dr. Emil G. Hirsch-Chicago, Isaak Hirsch- Hannover, Realschuldirektor Dr. M Hirsch-Frankfurt a. M, Prof. Dr. Horwitz-Thorn, Sam. Edler von Horwitz-Lemberg, Red. I. Ben Jehuda-Jerusalem, Prof. Dr. D. Kauffmann-Pest, Schriftsteller M. A. Klausner-Berlin, Kultusvorsteher Dr. Gustav Kohn-Wien, Schriftsteller S. Kohn-Prag, Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Lazarus- Berlin, Rechtsanwalt Emil Lehmann-Dresden, Prof. Dr. Louis Lewin-Berlin, Schatzminister Luigi Luzzatti-Rom, Abg. Luzzatto- Triest, Justizrat S. Makower-Berlin, Advokat Dr. Margulies-Odessa, Regierungsrat Dr. Mayer-Karlsruhe, Reichstagsabgeordneter Dr. Mazey-Pest, Justizrat S. Meyer-Berlin, Syndikus Dr. Minden- Berlin, Claude G. Montefiore-London, Prof. Dr. D. H. Müller- Wien, Dr. Max Nordau-Paris, Baron Edm. v. Rothschild-Paris, Prof. Dr. Daniel Sanders-Strelitz i. M, Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Senator-Berlin, Red. N. Sokolow-Warschau, Prof. Dr. A. Sulzbach-Frankfurt a. M., Professor Dr. Schapira-Heidelberg, Prof. S. Schechter-Cambridge, Prof. Dr. I. Schwarz-Wien, Prof. Dr. Steinthal-Berlin, Prof. Dr. M. Steinschneider-Berlin, Gememderat Dr. Alfred Stern-Wien, Schriftsteller I. Zangwill-London, Hofrat Pros. Dr. Zucker Prag u. a. m. Technik erbauten Krankenhäusern besteht. Das Judentum hat vor allem Kulturaufgabeu zu erfüllen; werden aber diese vernachlässigt, so muß mau befürchten, daß im Laufe der Zeit auch die äußerliche Zusammengehörigkeit aushören wird, mit der man sich in manchen Kreisen aus Bequemlichkeit und Denkfaulheit noch begnügt. Die vornehmste Kulturaufgabe der Judenheit ist unstreitig die Pflege der geistigen Güter des jüdischen Stammes. Es gilt, das Alte festzuhalten und Neues zu schaffen. Das Schrifttum, welches unser Stamm in so vielen Jahrhunderten, oft unter den ungünstigsten Bedingungen, geschaffen, darf nicht wie ein wertloser Plunder bei Seite geschoben werden, wollen wir nicht den letzten Rest der Selbstachtung verlieren. Und da wir keine gelehrten Körperschaften und keine Akademien besitzen, um die Pflege und die Fortentwicklung der jüdischen Wissenschaft zu fördern, so läge es den Gemeinden als ernste Pflicht ob, dafür Sorge zu tragen, daß die Rabbinate mit Männern besetzt werden, die aus diesem Gebiete je nach der Größe und Bedeutung der Gemeinde Hervorragendes geleistet haben. Der Verfall des westeuropäischen Judentums geht Hand in Hand mit dem Verfall des Rabbinertums. Mit einer sehr mangelhaften Kenntnis des Judentums und dessen Schrifttums ausgerüstet, im Besitz einer unzulänglichen und oberflächlichen allgemeinen Bildung, übernehmen es in unserer Zeit junge Männer großen Gemeinden vorzustehen ui:d ihr geistiges Leben zu regeln. Die Folgen einer solchen Wirtschaft oder richtiger gesagt, einer solchen Mißwirtschaft, treten bald genug ein: Gemeinden, die vor einem Jahrhundert einen geistigen Mittelpunkt des Judentums gebildet, haben in der Gegenwart jede Bedeutung für die Gesamtheit verloren. Berlin ist leider in den letzten Jahren mit diesem schlechten Beispiele vorangegangen, indem in unserer Gemeinde an Stelle der verstorbenen wissenschaftlichen Autoritäten bedeutungslose Mittelmäßigkeit, subalterne Persönlichkeiten in dies Amt eingeführt worden sind. Die anderen Gemeinden sind diesem demoralisierenden Beispiel gefolgt, und somit erleben wir täglich das klägliche Schauspiel, wie nichtssagende Laffeu und unwissende Schwätzer jetzt de:: Platz einnehmen, welchen vor einigen Dezennien große und gefeierte Gelehrte eingenommen haben. Man sagt zwar in der Regel, die heutige Judenheit bedürfe keiner anderen Männer und finde ihre Befriedigung bei jenen oberflächlich und ungenügend vorgebildeten Rabbinern. Aber man fahre nur fort, in solcher Weise zu wirtschaften, und am Ende wird es sich doch zeigen, daß später auch jene subalterne Gestalten überflüssig werden. Die Macht der Ideen ist doch viel zu groß, und wo diese vernachlässigt werden, tritt in der Folge auch in materieller Hinsicht ein Verfall ein. Der menschliche Körper kann des seelischen Lebens nicht entbehren, und wo dieses aushört, ist es ein Vegetieren, der geistige aber auch der physische Tod. Es ist daher eine dringende Kulturausgabe für das Judentum, für die bessere Ausbildung des Nachwuchses unter den Rabbinern zu sorgen; vor allem müssen die sogenannten Rabbiuerseminarien, wo die Ausbildung der Rabbiner heutzutage fabriksmäßig und en gros besorgt wird, einer gründlichen Revision unterzogen werden; denn sie haben sich im Großen und Ganzen schlecht bewährt nnd reichlich ihren Teil