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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-21 · 34 (21.8.1896) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
34 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
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Seite 576. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr 34. Kletterkunsistücke auf Hinterhöfen, über Wagendeichseln, Warenballen und Tonnen exerzieren muß —: ist glücklich, daß sie für ihre Nachkommenschaft das tägliche Brot erwirbt, wenn ihr die Enkelchen und Urenkelchen bei bitterer Herbstkälte in Hemd und Hemdfragmenten entgegenspringen, und sie mit ein paar erübrigten Groschen den Schabbes zurüsten und den siebenarmigen Messingleuchter mit kurzen Pfennig- Lichtern bestecken kann." Diese in „lebenslänglicher Hungerkur" großgezogene Siebzigjährige macht eines Tages eine Reise von drei Meilen. Sie nimmt alles wie's kommt: Regen, Schnee, Umgeworfenwerden, Fußmärsche, auch zufällige Peitschenhiebe, denn ein Gedanke, eine Empfindung beherrscht sie allein und ertötet alles Schmerzgefühl: sie hat in ihrem Marktkorb eine Festgans, die sie ihrer armen Lieblingstochter und ihrem zerlumpten Schwiegersohn zum Gescheut bringt!" Eine andere alte Jüdin fällt von der Bodentreppe ihrer Hütte, die so steil und schmal wie eine Hühnersteige ist, in den Keller und wird für tot auf einen Strohsack gelegt. „Der entfernte Sohn, ein blutarmer Gelehrter, dem das Unglück geschrieben wird, kommt voll Schmerz und Reue, daß er sich nicht inehr um die gute gebrechliche Mutter bekümmert hat; er findet statt des Begräbnis die Alte gesund und munter! In der Freude seines Herzens wohnt und schläft er nun mit dem glückseligen Mütterlein in dem Kämmerchen der elenden Lehmhütte, wo sie zur Miete wohnt; er pflegt sie, führt sie spazieren und zu Gaste; man räumt seiner Mutter den Ehrensitz ein — aber sie, die alle Armut, Einsamkeit und Sehnsuchtsqual tapfer überstanden, sie hält das ungewohnte Glück nicht aus ... ihr altes Mutterherz steht still vor Freude!" Bogumil Goltz hat hier streng nach dem Leben gezeichnet; dabei fällt es aus — oder irre ich mich? — wie sehr auch die Dichter in ihren Schilderungen der Phantasie freien Laus lassen, wenn sie Mutterliebe zeichnen, pflegen sie wahrhaft Erlebtes oder Erschautes wiederzugeben. Wie der wahre Schmerz nur von dem geschildert werden kann, der ihn empfunden, so kann nur der Mutterliebe zeichnen, der sie gekannt; daher findet man unter jüdischen Dichtern die Mutter so häufig erwähnt. Selbst der „Wallfahrt nach Kevlaar" von Heinrich Heine liegt ein Faktum zu Grunde, wie man in den Anmerkungen zur Biographie von A. Strodtinann ersehen kann. Heine — der vielgelästerte und vielgeliebte — hat seiner Mutter in Liedern und Sonetten ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Der genannte Biograph nennt sie eine „treffliche, feinfühlige und hochverständige Frau*), welche den größten Einfluß auf die Herzens- und Geistesbildung ihrer Kinder ausübte, die ihr bis ans Ende die innigste Liebe bezeigten. Sie erzog ihre Söhne etwas strenger als es sonst Sache der jüdischen Mutter zu sein pflegt, wohl zum Gegengewicht gegen die Nachgiebigkeit des vielbeschäftigten Vaters. Mehr Strenge den Kindern gegenüber thäte auch den heutigen jüdischen Müttern not. Ich kenne eine edle Greisin — vortreffliche Mutter und Großmutter, die nur in der Liebe *) „An meine Mutter", „Nachtgedanken" u. s. w. in H. Heine's „sämtlichen Werken". zu den Ihrigen lebt und webt; aber wie rauh und rücksichtslos tritt das ihr zur Erziehung anvertraute, sonst gutgeartete Enkelkind entgegen! Wer hat den Knaben gelehrt, so unsanft mit dem Alter umzugehen? Denn jüdische Sitte ist es nicht; jüdische Sitte lehrt auf der einen Seite die größte Hingebung, aus der anderen Seite die innigste Ehrfurcht. Heine sagt von der Mutter seines Freundes: „Kein Tag vergeht, ohne daß sie einem Armen geholfen hätte. Ja, es scheint, als könne sie nicht ruhig zu Bette gehen, bevor sie nicht eine edle That vollbracht. Dabei spendet sie ihre Gaben an Bekenner aller Religionsgenoffenschaften, an Juden, Christen, Türken, und sogar Ungläubige der schlechtesten Sorte. Sie ist. unermüdet im Wohlthun und scheint dies als ihren höchsten Lebensberuf anzusehen". Die also Geschilderte war die Mutter Meyerbeers. Ein Zug charakterisiert die typische Herzensinnigkeit und Gottesfurcht dieser jüdischen Mutter überzeugender als alles andere. Als Meyerbeers „Robert der Teufel" in Paris unter stürmischem Beifall zum ersten Male gegeben wurde, überreichte man dem erregten Komponisten einen Brief seiner Mutter; er riß ihn heftig auf und fand die folgenden Worte: (4. B. M. 6, 24—26). Der Ewige segne Dich und behüte Dich, Der Ewige lasse sein Antlitz Dir leuchten Und sei Dir gnädig. Der Ewige wende sein Antlitz Dir zu Und gebe Dir Frieden. Deine Mutter. Hier und dort. B. Berlin, 17. August. Der Besuch der jüdischen Lesehalle hat, seitdem sie sich in ihrem neuen Heim (in der Spandauerstraße) befindet, sich ständig gehoben; auch die Zahl der Abonnenten, welche die Bibliothek benutzen, ist in erfreulicher Weise gestiegen. In dem Vierteljahr vom 1. April bis zum 1. Juli wurde die Lesehalle im Durchschnitt von 300 Personen pro Woche besucht, und zwar kamen am Freitag, Sabbat und Sonntag je 50—70, an den anderen Tagen 30—40 Leser. Der Gesamtbesuch belief sich also in diesem Quartal auf ca. 4000 Personen. Die Bibliothek hat 118 Abonnenten und am 1. Juli ivaren 247 Bände ausgeliehen. Uebrigens steigt die Benutzung der Bücher von Tag zu Tag. Die jüdische Lesehalle hat, das beweist der starke Besuch, einem thatsächlich vorhandenen Bedürfnisse abgeholfen, so daß man hoffen darf, daß sie die genügende Unterstützung finden werde, damit sie ihren wichtigen Ausgaben allezeit gerecht werden könne. * Berlin, 17. August. Aus Anlaß eines in der Voss. Ztg. reproduzierten Vortrages, über Wortaberglaubeu, den Freiherr von Andrian-Werburg aus Wien auf dem deutschen Anthropologen-Kongreß in Speyer gehalten, schreibt Herr Dr. Rosenthal-Mannheim dem gen. Blatte: „In dem Vortrag befindet sich hinsichtlich der Doppelnamen der Juden ein Irrtum. Die Juden — wenigstens ein großer Bruchteil der heutigen Generation — haben wohl zwei Eigennamen, von denen aber der eine ebensowenig ein Geheimname ist wie der Moses u. s. w. zu läuterung; so har fach der Brauch h- „jüdischen" noch eine' an jenen anklingt i aber durchaus nicht Aberglauben kann hi Akt der Selbsthilfe, giösen Natur der „j lichen Leben der J sich aus der Natur l sie beide standesamtli Blatt erblickt hierin Staat im Staate nicht mehr Hein! * Berlin, 18. geschrieben'. Angel $ geboten, ösientli schanderilchen 1 Juden durch Anserl wünsche in Form losen u. s. w. ver christlichen Mitbürwenn ihnen immer nisse niedriger De treten? 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