Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 34 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 574. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 34. Schwer wäre es, die Linie zu ziehen, die es heute umgrenzt. Ein paar Schritt nach Osten hm über die City hinaus, und man steht vor etlichen nur von Juden bewohnten Straßen. Man kreuzt einen Damm, und man sieht andere Judengassen. Aber mit ein paar Schritten ist man auch wieder iu Straßen, deren Bevölkerung durchaus englisch ist. Und doch ist dieses moderne Ghetto in der schweren Bedeutung des Wortes ein Ghetto. Eingeschlossen ist es von Mauern, die mühseliger zu übersteigen sind, als alle Mauern von Stein. Sie heißen: Not und Elend. * * * Eine dunkle Treppe, deren Stufen ausgetreten waren und vermorscht, und deren Geländer mit feuchtklebriger Schmutzschicht überzogen war, führte mich mein Führer hinauf. Wir traten in ein kleines Zimmer. Den großen Teil des Raumes nahm ein Bett ein; der Ofen diente als Kochmaschine. Sonst ein Tisch und ein paar Stühle, an den Wänden viel bunter Flitter und grelle Oeldrucke. Das Zimmer diente einem jüdischen Ehepaar — sie waren aus Rußland vertrieben — mit drei Kindern als Wohnstätte. „Den Leuten geht es verhältnismäßig gut," sagte meiu Führer. Wir traten in einen Laden. Der Ladeninhaber und seine Frau waren nur mit dem Notdürftigsten bekleidet; im dunklen Nebenraum spielte ein Kind, halbnackt. Der Laden war finster, und es lagen da eine Reihe alter, eiserner Bettstellen herum, und auf dem Ladentisch Nummern alter Zeitungen und Zeitschriften. Die Wände, der Ladentisch, die Bettstellen, die Zeitungsblätter, alles war gleichmäßig mit der Schmutzschicht überzogen, die dem Osten Londons eigentümlich ist. Und außer diesem wenigen alten Trödel enthielt der Laden nichts; der Mann hatte kein Geld, mehr einzukausen. Not und Elend! — Wer ihren Knochenarmen auf dem Tanzplatz verfallen ist, entwindet sich schwerlich ihrer Umarmung. Not und Elend schweißen diese Gemeinschaft der Allerelendesten zusammen und diktieren ihnen ihre Gesetze. Apathisch sind ihre Opfer zumeist geworden und scheu. Und mit dem Ueberrest von Energie und mit dem armen Herzen suchen sie tastend und vertrauend einen Trost: im Festhalten an den Sitten der Väter, im Festklammern an ihre Religion. Man muß diese bärtigen Männer in ihrer Synagoge gesehen haben — genau so mögen sie vor zweimal tausend Jahren dieselben Worte gemurmelt, mit derselben Bewegung den Bart gestrichen, mit derselben Inbrunst sich an die Brust geschlagen haben. Der Text ist derselbe geblieben, und die Sprache dieselbe. Man träumt von längst vergangenen Jahrhunderten — und sie träumen denselben pathetischen und rührenden Traum und finden ihren Trost darin. ,,A study of a peculiar people“ hat Zangwill seinen Roman genannt. Mit Recht. Es ist ein Volk für sich mit eigentümlichen Gebräuchen, das in diesem modernen Ghetto lebt. Jede Bewegung scheu und pathetisch und eigenartig. Sie sprechen ihre eigene Sprache, „yiddish“ nennen sie die Engländer, und sprechen ihr Hebräisch fließend daneben. Hebräisch sind alle Anzeigen und Bekanntmachungen in dem Ghetto; sie haben ihre hebräische Zeitung „The Yewish Express“ und haben ihr Theater, auf dem Stücke in hebräischer Sprache Nr. 3^- gegeben werden. Etwas Feierliches und Getragenes ruht auf ihren alterthümlichen Sitten. H Ein junger Mann tritt an das Bett, auf dem der Vater j seiner Verlobten als Leiche gebettet liegt. Neben dem Bett \ steht der Rabbi. „Bär," sagt er zu ihm, „der Verstorbene hat Dir seine Tochter verlobt. Er versprach Dir zweihundert j Gulden als Mitgift." „Wahr," sagt Bär. „Es sind aber nicht | | zweihundert Gulden in seinem Besitz — nicht zwei Gulden. 1; Tritt an die andere Seite des Bettes. Sieh mich an. Gieb 1 mir Deine rechte Hand und schwöre mir angesichts des Toten, , daß Du seine Tochter nicht verlassen wirst." „Nein," sagt * Bär, „das will ich nicht schwören. Ich liebe das Mädchen j und will sie heiraten. Aber schwören will ich nicht." „So gieb mir Deine Hand und lege sie in meine, hier, angesichts V des Toten." Da legt Bär seine Hand in die des Rabbis, angesichts des Toten. — So erzählt Zangwill. Streng wird die Jugend in den alten Sitten erzogen, denen in den aus Rußland Verbannten die fanatischsten Anhänger erstanden sind. Ich war in der Sabbatschule. Den; Kindern wurde die Geschichte des Volkes Israel erzählt, U und sie sangen hebräische Psalmen. Ein malerisches Bild, I diese Schule mit den Ghettokindern in ihren grellen, ärmlichen Sonntagskleidern, mit den frühgealterten Gesichtern, denen : gleichmäßig das Elend seine Schutzmarke ausgeprägt hat. j Eine lärmende, dabei doch apathische Schar — sie werden : j zumeist alle apathisch in Londons Ghetto. Nur hier und da * ein Gesicht mit den listigen Zügen erwerbsüchtiger Schlauheit, j Und ein Knabe fiel mir auf, ein neunjähriger etwa, wie von 4 Rembrandt gemalt. Dunkel der Teint und groß die Augen, , und auf dem frühreifen Gesicht der Ausdruck des Ehrgeizes,? der zur Leidenschaft wird; vielleicht der Siegertypus, der das i Ghetto überwindet.; Auch Zangwill hat dieselben Typen in zwei Brüdern; geschildert. Ein Schlaukopf, der jüngere. Er macht einen Guckkasten zurecht, in dem er irgendwie die Belagerung von Plewna darstellt. Gegen einen Knopf oder eine Feder gestattet er den Schulkameraden einmal hineinzusehen. — Begabt und ehrgeizig der ältere. Er zeichnet sich auf der Schule aus,; wird unterstützt und kommt auf die Eaton school. Gr ist immer einer der ersten, bis ihn der Ehrgeiz aufzehrt. Sein Vater, der Ghetto-Schnorrer, wird telegraphisch an sein Sterbebett gerufen. Aber der Sohn hat das „Yiddish“ des Vaters verlernt. „Isn’t it a sad case?“ sagt die Pflegerin; „they can’t understand each other.“ Es mögen verheißungsvolle junge Geschöpfe hier zu Grunde gehen. Man sieht viel Sterbende unter den Lebenden. Durch I diese engen Gassen schleicht mit der Not die Hungerseuche, s, Sie würgt wen sie findet. E' La cittä del eterno dolore. . . . Wir kamen in ein | ,Em polinM den Kindern, mben Sie, daß flott- Freilich, d Ich erinnere m' Osten Londons ' große Rei 'Aber die Entwiälu ereignifse, auf Wölb dabei nicht an. Inmitten dieses 8 Ghetto - die Zusl Aber seine Bevölkern Feuerprobe des Elmi sind ihnen heilig: 1 haben keine Macht r Ghettos das große Man muß es! Zangwill erzählt vo und hatte den einer Frau hatte den Wr P Bon Freilich weiß so früh als möglicl habend sind, und, schicken, oder auf d Hölzer, Blumen uv kleines, blasies, sie Abends in der Lei, anbettelte: «Warum wei »Weil mich > »Warum geh »Üch darf ni »Weshalb ni »Weil ich no »Wieviel Haus, iu dem die Allerärmsten wohnen. Ein Verwesungssgeruch drang uns errtgegen, der den Hals zuschnürte. Wir | traten in ein Zimmer. Ein Bett stand darin und zwei Schemel; |!j das war alles. In dem Bett lag ein junger Arbeiter im letzten Stadium der Schwindsucht, neben ihm ein Kind. Die .. Frau war arbeitsunfähig; sie erwartete in den Tagen ihre »; Niederkunft. Sie stand aus der Straße, um Streichhölzer zu |! verkaufen. Ueber den Mann lag die Apathie des Sterbensi.