Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-21 · 34 (21.8.1896) · p. Seite 573

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
34 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
Seite 573 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610322--1655-9610331
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 34. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 573 i T ^»8- Krankt bte§ alles beweist \ Tni! W"9rt« tritt, ' leib ' Jen nee? Sich ^nassen wird Herr lische Presse den Bl »«Wab« ,, >«%»..« n'ongreß in London Bi chnung mit den Anarä lugnahme ans ihre jiii »In London unb fl n eine große Rolle, renßen gewesen unb, aer jüdischer Litterat n »Figaro" den Chanvinis- Ter publizistische Führer le dem Referenten: „Was nals zur Sache? Ich bin den Sozialdemokraten ganz > Christ auf die Welt gegegen seine Gesmnungs-!enn ich nicht bei unfern ger, sondern nur bei jenen o wird Herr Landauer das rühercn Rabbiner Lassar n sprach, so wollte ich bei r des Käuflichen Hinweisen, i kennzeichnen. Uebrigens zur sittlichen Entrüstung m er hat gerade in einer über die jüdische Abkunst wicht korrekt, dann ist auch sse berechtigt und darum tf. In dem von Philipp!-Gedenkbuch, in dem die schast, Kunst und Industrie tc kommen, finden wir die 5 unterschriebenen Namens!Unb ein jeber Gelehrter, ber nicht eine Handthierung zu lernen besorget ist, wirb enblich ein verstörter unb unorbentlicher Mensch in seinen Sitten. Unb ber Rabbi Jehuba füget hinzu, baß ein Jeber, ber nicht seine Kinder ein Hanbwerk lernen lasse, eben so viel thue, als wenn er sie unterrichtete, wie sie Diebe unb Straßenränder werben sollten. Aus Johann Colerus Leben bes B. v. Spinoza." Steglitz, 20. Januar 1896. Prof. Dr. Paulsen. — Notleidende. Dem Beispiele bes ihnen gesinnungsverwanbten Bnnbes ber Lanbwirte folgen nun auch die Antisemiten, sie etablieren, wenigstens in einigen Gegenden Deutschlands, einen antisemitischen Notstand. Durch die Presse geht folgendes Schreiben: „Ascherslebeu, den 60. Juli 1896. Streng vertraulich! Geehrter Parteigenosse! Um Vereinssachen von höchster Wichtigkeit zu regeln, werden Sie hiermit zu einer vertraulichen Zusammenkunft Sonnabend, den 1. August 1896, abends punkt 9 Uhr, im Lokale Cafö Lehmann höflichst eingeladen. — Im Falle diese Versammlung den Beweis er- . bringen sollte, daß der größte Teil der Mitglieder teilnahmslos den Bestrebungen des Vereins gegenttbersteht, werden Schritte zur Auflösung desselben gethan werden, und erhalten Sie dann seinerzeit diejenige Summe anfgegeben, die Sie zur Tilgung der unter der früheren Vereinsleitung gemachten Schulden beitragen müssen. Mit deutschem Gruße! Deutschsoziale Reformpartei des Wahlkreises Calbe-Aschersleben. I. A.: Wünschet, 1.Schriftführer."—Merkwürdig! In der antisemitischen Presse liest man sonst immer nur von der großen Begeisterung, mit der die Führer von ihrem Anhänge bejubelt werden, und trotzdem müssen Vereine Schulden machen und geraten in Not. Der Widerspruch wird vielleicht gelöst, wenn man bedenkt, daß auch einige Führer sich aus das Schuldenmachen verstehen und ans dem Abhalten von Vereinsversammlungen ein Geschäft machen. — Zaren-Legenden. Kaum hat im rauhen Osten ein etwas milder Wind zu wehen begonnen, da sind schon wohlmeinende Berichterstatter zur Hand, um alltäglich neue Kunde von dem neuen Frühling zu geben: Jeden Schritt der Erleichterung muß ein Moment der Erleuchtung, jeder That, muß ein Wort vorausgegangen sein. Bei der Eisenbahnverwaltung in Sibirien sollen 40 jüdische Ingenieure eingestellt worden sein; diese Einstellung wird nun von einem englischen Blatte wie folgt romantisch-süßlich verbrämt: Von seiner Besichtigung der sibirischen Eisenbahn zurückgekehrt, beklagte sich der Verkehrsminister Fürst Chilkow beim Zaren über den Mangel an guten Civilingenieuren. Der Zar fragte nach der Ursache, worauf ihm erwidert wurde, daß ein großer Teil der russischen Ingenieure nicht angestellt werden könne. „Warum nicht?" fragte der Zar. „Weil sie Juden sind", war die Antwort. „Verbietet es das Gesetz?" „Das eigentlich nicht, aber es ist so Tradition durch die Instruktionen meiner Vorgänger im Ministerium." „Dann setzen Sie die Traditionen und die ministeriellen Zirkulare bei Seite und halten Sie sich nur an das Gesetz," erwiderte der Zar. — Sehr nett, aber schlecht erfunden; denn am Ende wird doch der neue Zar von der Bedrückung der Juden in Rußland wie von den Vorschriften, ans die sich jene Bedriickungen stützen, Kenntnis haben. um nicht erst von einem Minister über Allbekanntes aufgeklärt werden zu müssen. Aber ist auch die Unterredung eine Legende, die Thatsache, daß jüdische Ingenieure von der sibirischen Eisenbahnverwaltung angestellt wurden, ist richtig. Feuilleton. In fouboitö Ghetto. Von Ernst Heilborn, London*) Der Roman des Ghettosohnes wirkte auf mich wie Beschreibungen fremder Länder auf den Reiselustigen: ich ging aus, dies moderne Ghetto selbst zu sehen. So habe ich unter den grotesken, ehrwürdigen Gestalten am Sabbat in ihrer Synagoge gestanden, habe die Kinder in der Schule ihre hebräischen Psalmen singen hören, habe mich die dunklen, zerfallenen Treppen hinaufgetastet. Und nun ich die Eindrücke festhalten will, treten neben die Bilder aus Zangwills „Children of the Ghetto“**) die selbstgesehenen Bilder aus Londons Judenviertel. Vor Jahren Iah ich das Ghetto von Prag. Damals waren die Wasser der Moldau übergetreten und in die Häuser des tiefgelegenen Stadtteils eingedrungen. Die Bewohner lagen auf den Straßen herum. Wohl sah ich damals Elend; aber es wirkte nicht unmittelbar; es war wie ein Bild aus längst vergangenen Zeiten, von einem holländischen Meister gemalt. Das Prager Ghetto ist wie eine Stadt der Toten. Und ganz wie ein Bild, wie ein Pendant zu Ruisdaels Judenkirchhof, mutet der kleine versteckte Friedhof an, mit seinem vernachlässigten, wuchernden Gras und den hohen, schriftbedeckten Steinen, die das Grün des Moders überzogen hat. Londons Ghetto ist nicht malerisch. Enge, zumeist kurze Straßen und schmucklose Häuser, grau, mit der Farbe des Schmutzes überzogen. Nicht ein Stadtteil für sich, sondern eingeklemmt in das Verbrecherviertel Londons. Man braucht den Namen der Hauptstraße, Whitechapel, nur zu uenneu, um die Erinnerung an die meisten Greuelthaten, die in den letzten Jahren in London verübt wurden, wachzurufen. Zerlumpte, verkommene Gestalten stehen auf den Straßen herum, unthätig, apathisch. Berüchtigt vor allein die „lodging houses“ als Brutstätten des Verbrechens, als Unterschlupf der Heimatlosen, der Diebe, Dirnen und Hehler. Straßen in diesem Stadtteil, vor deren Eingang dauernd ein Schutzmann postiert ist, um vor dem Eintritt zu warnen. Und nicht weit davoit die „bridge of sighs“, wie sie der Volksmund genannt hat —: In diesem Verbrecherviertel, in dem ein Auswurf der Menschheit haust, nirgends abgegrenzt, nicht konzentriert, erkenntlich nur an den hebräischen Anzeigeit und Ladenschildern, die Heimstätte dort seit Jahrhunderten Ansässiger, der Zufluchtsort der aus Rußland Vertriebenen, das Ghetto. *) Aus der „Nation". **) London 1895. William Heinemann. In deutscher Uebersetzung demnächst im Verlage vor Siegfried Cronbach, Berlin. Das bedeutendste Werk Zangwills, „Der König der Schnorrer", wird bekanntlich in unserem Blatte erscheinen. Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.