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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-21 · 34 (21.8.1896) · p. Seite 572

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
34 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
Seite 572 (sequence 8)
Language
German
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Seite 572. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 34. aus seinen Trümmern; dann wird der Thron Davids wieder errichtet in Hoheit und Majestät; dann fügen sich auch die zerstreuten Steine des Ziontempels wieder aneinander und an dem neugeweihten Altäre stehen wieder die Priester und bringen dar die Opfer der Gemeinde, während die majestätischen Chöre der Leviten erschallen, und wie einst in den Tagen der Vorzeit ziehen die jubelnden Scharen der Wallfahrer dreimal jährlich wieder hinaus zur Feier der Nationalseste. Und auch die hingewelkten Menschenblüten im Ruhmeskranze Israels erwachen dann zum neuen Leben, ihnen allen voran der „Engel des Bundes", der große Eli ahn — -„so wird versöhnt das Herz der Väter mit den Kindern und das Herz der Kinder mit ihren Vätern"- Auch euch, ihr abgefallenen Blätter und Blüten unserer Gegenwart, sei dies freundliche Los beschieden! Wenn euch erst Gott behütet hat vor euren kurzsichtigen, ungeschickten Freunden, dann sollen eure gewesenen wohlmeinenden Feinde euch sammeln zur ewigen Verklärung in den Hoffnungen Israels für die Zukunft! Für die noch nicht abgesallenen Blätter und Blüten aber, die schon schlaff herniederhangen, wollen wir die sorgsamen Gärtner sein, mit Treue und mit Hingebung der Gegenwart zu erhalten, was noch der Gegenwart gehört. Aber wenn unsere Sorgfalt und unsere Hingebung von keinem Erfolg gekrönt sein sollte, dann komme du neue, jetzt vom Schleier der Zukunft noch verhüllte Gegenwart, und treibe deine neuen Blätter und deine neuen Blüten an dem Jahrtausende alten, ewig jugendsrischen Stamme- „Alles Fleisch ist Laub und all seine Ueppigkeit wie die Blüte der Flur-Es dorrt das Laub, es welkt die Blüte, ein Sturm vom Ewigen hat sie herabgeweht- Es dorrt das Laub, es welkt die Blüte, aber — oder d amit — das Wort unseres Gottes bestehe in alle Ewigkeit!" M. Wochen-lOhronik. Berlin, 20. August — In der Sauregurkenzeit pflegte in früheren Jahren die berühmte Seeschlange die Spalten der politischen Tageszeitungen unsicher zu machen. Der Eindruck, den die Nachricht von ihrem Auftanchen zu verbreiten pflegte, minderte sich aber von Jahr zu Jahr in demselben Maße, in welchem die Gutgläubigkeit der Leser abzunehmen begann. Erfinderisch wie sie ist, schuf die antisemitische Presse sich einen Ersatz in Gestalt von anonymen Briefen, die irgend ein Antisemitlein „erhalten" haben, die von irgend einem „Juden" herrühren sollen. Diese Briefe kehren in den heißesten Sommertagen mit größter Regelmäßigkeit wieder; sie sind alle weit her, und doch sind sie nicht „weit her", denn sie tragen sämtlich den Stempel der Erfindung an der Stirn. Heuer will der Redakteur der „N. Wests. Volkszeitung" einen solchen Brief aus Amsterdam, wo das Bielefelder Weltblatt sicherlich in jedem jüdischen Hanse gelesen wird, „erhalten" haben. Der Brief enthält nichts als Albernheiten, Flüche und Jnvektiven, die einem jüdischen Munde nicht geläufig sind, in der Nachbarschaft des Redakteurs aber heimisch sein mögen. Die Anrede des Redakteurs als „Christenhund", die Benennung Gottes als „Jehovah", die Versicherung, daß dem Redakteur Lange eine „recht lange Krankheit am ganzen Leibe" gewünscht werde — dies alles beweist, daß der Brief von einem Antisemiten in Bielefeld oder Umgegend „gemacht" worden ist. Fromm und gottergeben erklärt der Redakteur, daß ihm der „fluchende Jude" leid thue: „wenn er obige Zeilen zu Gesicht bekommen sollte, so möge er wissen, daß wir ihm alles Gute wünschen." — Nu nee? Sich oder einem seiner treuesten Gesinnungsgenossen wird Herr Lange sicherlich nichts Böses wünschen. — „Die Judenfrage in einer sozialdemokratischen Parteiversammlung" überschreibt die antisemitische Presse den Bericht über eine dieser Tage im „Feenpalast" stattgehabte sozialdemokratische Versammlung, in welcher der Abg. Fischer-Berlin über den internationalen Sozialistenkongreß in London Bericht erstattete. Herr Fischer hielt Abrechnung mit den Anarchisten und soll einige Umstürzler mit Bezugnahme ans ihre jüdische Abstammung apostrophiert haben: „In London und Paris spielten die Herren Lassar und Cohn eine große Rolle. Der erstere sei Rabbiner (?) in Ostpreußen gewesen und Herr Cohn ein aus Deutschland gegangener jüdischer Litt erat, der ebenso wie früher Herr Rosenthal im „Figaro" den Chauvinismus gegen Deutschland anfstachelt." Ter publizistische Führer der Anarchisten, Landauer, erwiderte dem Referenten: „Was that denn bei uns das Jüdische jemals zur Sache? Ich bin ja auch Jude, ich dächte, das wäre den Sozialdemokraten ganz egal, ob jemand als Jude oder als Christ auf die Welt gekommen ist. Spricht das etwa gegen seine Gesinnungstüchtigkeit?" Hierauf Fischer: „Wenn ich nicht bei unfern Genossen, wie z. B. bei Herrn Singer, sondern nur bei jenen aus die jüdische Abkunft Hinweise, so wird Herr Landauer das wohl begreifen. Wenn ich von dem früheren Rabbiner Lassar und dem jüdischen Litteraten Cohn sprach» so wollte ich bei diesen Leuten eben auf den Charakter des Käuflichen Hinweisen. Den sittlichen Defekt wollte ich eben kennzeichnen. Uebrigens hat Herr Landauer gar kein Recht zur sittlichen Entrüstung wegen der jüdischen Litteraten; denn er hat gerade in einer der letzten Nummern seines Blattes über die jüdische Abkunft Singers gewitzelt." — Ist dieser Bericht korrekt, dann ist auch die Freude der antisemitischen Presse berechtigt und darum begreiflich. — Die Juden und das Handwerk. In dem von Philipp Stein herausgegebenen Ausstellungs-Gedenkbuch, in dem die hervorragendsten Männer der Wissenschaft, Kunst und Industrie und des öffentlichen Lebens zu Worte kommen, finden wir die folgende, wegen des Inhalts wie des unterschriebenen Namens doppelt interessante Notiz: „Spinoza lernet ein Handwerk. Das Gesetz und die alten jüdischen Lehrer mercken an, daß es nicht genug sei, einen Gelehrten abgeben, sondern man müsse über dieses sich in einer Handthierung oder Kunst üben. Dieses saget Rabban Gamaliel in dem Traktat des Talmuds Pircke avoth, Cap. 2, allwo er lehrte, daß die Befleißigung des Gesetzes eine begehrungswürdige Sache sei, wenn man eine Handthierung oder arbeitsame Kunst damit verbinde. Die stetige Beschäftigung in diesen beiden Uebungsstücken machet, daß man in keinem Stück Böses zu thun hat, sondern dasselbe vergisset. 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