Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 34 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- Seite 571 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 571. SS*: «ÄBs .Itt * «« dd NboiSetapta^ btjM, $ j»ben feit», (tilt( JPlnraitw d,z p„taa, durchgekostet, aber et wir nur Vergnügen!" und 1 noch ärgerem Maße. Auf ä" sprechen; er ist ihm zu ute die kleine Porträtsamm- M. X. N. i lbbaten.) i über, zu der Frage: Hat »er zu der modernen Ausdentum im Zustande der lesaiauische Theorie: „Es e, aber - oder damit - in alle Ewigkeit." Das ür den ernsten Sohn des ii dadurch, daß man sich, s Deutero-Jesaias, zuerst oder aus Elementen der ruiert, und diese frei jstab an das Israel der Israels scheint nicht da- >ser Idee in der Zukunft mit banger Besorgnis in 'chon die Existenz Israels Israel der Gegenwart ißstab konstruierten Idee, vorlaute Anmaßung der nötig, erst die Stimmen zu sondern, die von der Existenz des Judentums Zeugnis oblegen? Soll ich an die tausend und abertausend israelitischer Gemeinden erinnern, deren Erhaltung unübersehbare Millionen kostet? Oder an die spezifischjüdische Pietät bei Geburt, Eheschließmrg und Tod, die ohne jeden staatlichen Schutz, ja gegen zahllose politische und soziale Schwierigkeiten, ungeschwächt sich geltend macht? Nicht zu sprechen von den weiten Ländern, wo der Acker des spezifisch-jüdischen Religionslebens in voller Blüte, ja sogar in vollem — Unkraut steht? — Oder soll ich an das tausendstimmige Echo der Feinde erinnern, welches die Existenz des Judentums selbst da wittert, wo es, gottlob, nicht existiert? Ohne eine vorher konstruierte Idee ist die Existenz des Judentums eine Thatsache von unübertrefflicher Selbstverständlichkeit. Die Witterung eiirer Deeadenee entsteht erst durch die Frage: Ist das Judentum, welches unzweifelhaft existiert, auch ein Judentum? Hier liegt die Decadence nicht in dem Judentum der Existenz, sondern irr dem Judentum der Idee, in der erstrebten Prävalenz der Idee über die Wirklichkeit, wie überhaupt alle Decadence —und das mögen sich die gedankenlosen Nachbeter Nietzsches überhaupt gesagt sein lassen — in dem Znrücktreten der rotwangigen Statur vor „des Gedankens Blässe", in der Negation des grünzweigigen Lebens durch die „graue Theorie" von Nietzsche behauptet wird. Auch für unsere Gegenwart muß die sicherstehende Existenz des Judentums als Obersatz, als Voraussetzung alles Denkens und Sorgens im Dienste des Judentums hingestellt werden; alles andere muß sich aus dieser Voraussetzung ergeben. Eine Spekulation, die diese Voraussetzung negiert oder auch nur in Zweifel zieht, hat sich dadurch schon als falsch dokumentiert. Die Spekulation muß von der Wirklichkeit ausgehen, sonst gehört sie in das Reich der Utopien. Das Judentum existiert — das ist absolut unzweifelhaft. Wie? Sind nicht so viele Blätter abgesallen? So viele Blüten hingewelkt? Hängen nicht so viele Blätter nur noch lose an den Zweigen, so viele Blüten nur noch lose an den Stielen? — Schlimm, sehr schlimm — für die Blätter, für die Blüten, — aber nicht für den Baum. Wird derBaum die losen Blätter und Blüten unbedingt zu seiner Existenz brauchen, dann wird er sie nicht absallen lassen, dann wird er mit verjüngter Frische das lose gewordene Band neu stärken llnd beleben. Thut er dies iticht, läßt er sie absallen, nun dann kann er sie zu seiner Existenz entbehren und er wird schon neue Blätter treiben und Blüten entfalten-„Es dorrt das Laub, es welkt die Blüte, aber — oder damit — das Wort unseres Gottes bestehe in alle Ewigkeit." Nun nur noch ein Wort über die abgedorrten Blätter und die hingewelkten Blüten. Das Kind sieht den Baum in der vollen, reichen Pracht der Blätter und Blüten stehen, und das Kind denkt: Blatt und Blüten sind unzertrennlich vom Baum, ohne Blatt und Blüten kein Baum. Die Sommer-Sonne sendet ihre Srrahlengluten und es welken hin die Blüten, der Herbst schickt seine rauhen Nordstürme und zerrt unbarmherzig ab den herrlichen Schmuck der Blatter; aber der Stamm bleibt, er trotzt dem Winter und treibt im neuen Lenz neue Blätter und neue Blüten. Der sorgsame Gärtner ist weder — Wind noch rauher Herbststurm. Er weiß, die Blätter und Blüten sind wandelbar an dem Baume; aber er weiß auch, daß Blätter und Blüten den herrlichsten Schmuck des Baumes bilden und er thut alles, was in seinen Kräften steht, um das Abwelken der Blüten und das Abdorren des Laubes so weit als möglich hinauszuschieben. Er überläßt es der immanenten Kraft des Stammes, Blätter und Blüten abzustoßen, um Kraft und Raum für neues Laubwerk und neuen Blumenschmuck zu gewinnen; er selbst hält sich an die Blätter und Blüten der Gegenwart und opfert keine Gegenwart irgend einer, möglicherweise noch so schönen Zukunft. Hat aber der Baum mit seiner innerlichen Lebenskraft seine Blätter und Blüten den Stürmen preisgegeben: wird der Gärtner wohl so thöricht sein und nun den Baum umbauen, weil dieser nicht immer und ewig dieselben Blätter und Blüten festhält, sondern nur von Zeit zu Zeit neue zu erzeugen die Kraft besitzt? Selbstverständlich müssen wir Gärtner, und nicht Wind oder gar Herbststurm sein!- Aber was macht der Gärtner mit den abgefallenen Blüten und Blättern? Verlassen wir das Bild aus dem Leben der Natur und wenden wir uns zu den Gärtnern im „Weinberge des Ewigen Zebaoth, dem Hause Israel": was haben diese Gärtner mit den in den verschiedenen Zeitperioden abgesallenen Blüten und Blättern gemacht? Sie haben diese Blüten und Blätter liebevoll gesammelt und haben sie pietätvoll verschlossen in den Schrein der Erinnerungen der Glaubensgemeinde. Und wenn die Triebkraft des Baumes neue Lebensformen hervorgezaubert und die gedrückte Stimmung, der Sturm und Drang der Uebergangs- Periode dem freudigen Genuß der Gegenwart wieder Platz gemacht hatte, dann haben sie den Schrein der Erinnerung geöffnet, die verwahrten Schätze herausgenommen und aus denselben die herrlichsten Gebilde geflochten für die Hoffnungen der Glaubensgemeinde, für die Einkleidung der „messianischen Ideen".- Israels Volksleben ist versunken im Strome der Zeit, dex Thron Davids ist zusammengestürzt, Jerusalem ist der Zerstörung anheimgefallen, der Tempel ist von roher Feindeshand niedergerissen, der Altar ist in Trümmer zerschlagen: aber in den messianischen Verheißungen und Hoffnungen der Glaubensgemeinde, da sind diese herrlichen Gebilde der Vergangenheit zu neuem Leben erwacht, und sie umranken den Baum des Judentums einer jeden Gegenwart in den wunderbarsten Farben und in beu üppigsten Triebsormen. Das ist die Pietät, das ist die Dankbarkeit, das ist die Zärtlichkeit Israels für die abgestorbenen Formen seines geschichtlichen Lebens. Für jede Gegenwart sind sie tot, diese Formen, — sollen sie tot sein; denn jede Gegenwart hat ihre eigenen Aufgaben, und sie muß froh fein, wenn sie nur diese löst. Aber in der Zukunft, „am Ende der Tage", wenn alle Aufgaben der Geschichte gelöst sind, dann feiert alles das, was auf dem Altäre geschichtlichen Lebens sein Dasein opfern mußte, um neuem, frischen Leben Platz zu machen, seine freudige Auferstehung: dann ertönt „die große Posaune" und sammelt Israel in seinem Lande; dann ersteht ein herrliches Jerusalem